Stein des Anstoßes: der Impfstoff Sputnik V. In Russland wird er längst verabreicht, in vielen anderen Ländern auch. Österreich hat Ambitionen – das kommt nicht überall gut an.

Foto: Reuters / Evgeny Kozyrev

Als wäre man wieder im Kalten Krieg: Auf dem Balkan wurde die Pandemie von Beginn an als geopolitischer Wettkampf gesehen. Die prowestlich orientierten Staaten bettelten in Brüssel um Hilfe und wollten demonstrieren, dass sie chinesische oder russische Hilfsgüter ablehnten, um Loyalität zu zeigen. Die ideologische Front verläuft nun zwischen Pfizer und Astra Zeneca einerseits und Sputnik V und Sinopharm andererseits.

In Serbien und im prorussisch dominierten bosnischen Landesteil Republika Srpska nimmt man nicht nur von allen Seiten, sondern lässt sich auch von Moskau oder Peking für die Propaganda einspannen. So ließen sich die serbischen Politiker Aleksandar Vulin und Ivica Dačić öffentlichkeitswirksam mit Sputnik V immunisieren. Vulin meinte: "Da ich fest davon überzeugt bin, dass die Erde rund ist, glaube ich, dass der Impfstoff gut ist. Ich wollte einen russischen Impfstoff bekommen, weil ich an die russische Medizin glaube."

Andernorts auf dem Balkan gilt das als No-Go. "Was die russischen und chinesischen Impfstoffe betrifft", so meinte etwa der albanische Premierminister Edi Rama kürzlich, so habe er keine Vorurteile, dennoch "besteht aber unsere Lösung darin, auf der westlichen Seite nach Impfstoffen zu suchen, nicht auf der östlichen".

Signalwirkung aus Wien

Umso erstaunter ist man mancherorts, dass gerade Österreich nun Sputnik V beschaffen will – denn dies gilt in Südosteuropa als geopolitisches Signal. In Kroatien wird von Medien moniert, dass Wien von der gemeinsamen EU-weiten Impfbeschaffungsstrategie abweicht. Die kroatische Arzneimittelbehörde verwies darauf, dass Ungarn, das als erster EU-Staat ausscherte und Sputnik V verimpft, nur eine Notfallzulassung durchführte, man prinzipiell keine regulären Verfahren überspringen könne und normalerweise viel mehr Daten erforderlich seien. "Damit der Impfstoff für Kroatien und andere EU-Mitglieder zugelassen werden kann, sollte bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur ein zentrales Zulassungsverfahren eingeleitet werden", so die Behörde in Zagreb.

In Bosnien-Herzegowina zögerte der westlich ausgerichtete Landesteil Föderation lange, Sputnik V zu bestellen. Doch weil die ersehnten Vakzine aus dem Westen nicht und nicht ankamen und die Infektionszahlen und Sterberaten mittlerweile so hoch sind wie noch nie, nimmt man mittlerweile alles, was man bekommen kann.

Das Nachrichtenportal llix.ba verwies anlässlich der österreichischen Entscheidung, auch Sputnik V zu verimpfen, darauf, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) sich aber "bei der Zulassung von Impfstoffen eher an gesundheitlichen als an geopolitischen Faktoren" orientiere.

Was wird Brüssel sagen?

In Serbien fragte die Tageszeitung Kurir anlässlich der österreichischen Entscheidung für Sputnik V keck: "Und was wird Brüssel sagen?", so als habe man die EU-Kommission verraten, weil man in Wien den Ost-Stoff verspritzt.

In Bulgarien, wo erst sieben Prozent der Bevölkerung eine Covid-19-Impfung bekommen haben – das Land ist damit EU-Schlusslicht –, freut man sich über das zusätzliche Angebot, 1,2 Millionen Dosen über die EU zu beziehen. Doch es wird auch kritisiert, dass die Regierung nicht von Beginn an alle Kontingente ausschöpfte und sich auf die billigeren Impfstoffe konzentrierte. Dennoch: Sputnik V will man erst verimpfen, wenn die die EMA grünes Licht gibt. Denn in Bulgarien haben die prorussischen oppositionellen Sozialisten vorgeschlagen, das russische Vakzin zur Verfügung zu stellen – und allein das war schon Grund genug für die Regierung, dies zu verhindern. Aber es gibt auch andere Stimmen. Kürzlich sagte etwa die Ärztin Gergana Nikolova recht trocken: "Der beste Impfstoff ist immer noch der, der verimpft wird."

Andere Balkanstaaten, die sich viel zu sehr auf das WHO-System Covax und Hilfe aus Brüssel verließen, haben umgeschwenkt. Auch in Nordmazedonien und in Montenegro kommt Impfstoff aus Russland zum Einsatz. Nur in Rumänien kommen, auch aus historischen und geopolitischen Gründen, chinesische oder russische Vakzine nicht infrage. Premier Florin Cîțu schloss das explizit aus. In Bukarest kann man allerdings auf eine erfolgreiche Impfstrategie verweisen. (Adelheid Wölfl, 7.4.2021)