Vor dem verheerenden Feuer am 15. April 2019 galt die Kathedrale Notre-Dame de Paris mit 14 Millionen Besuchern im Jahr als meistfrequentierte Kirche der Welt.

Foto: AP / Thierry Mallet

Paris stockte der Atem. Paris war schockiert. Viele beteten. Es war der Abend des 15. April 2019 – und die Kathedrale Notre-Dame de Paris stand in Flammen. Aus dem Dachstuhl aus altem Holz schossen Garben, kurz vor 20 Uhr kollabierte der Vierungsturm.

Es stand auf Messers Schneide, ob nicht das Gebäude zur Gänze einstürzen würde, es gab eine wagemutige Aktion mehrerer Feuerwehrleute, um dies zu verhindern. Paris, Frankreich und die Welt sahen zu. Denn Notre-Dame, die mit 14 Millionen Besuchern pro Jahr meistfrequentierte Kirche der Welt, ist Frankreichs vielleicht stärkstes nationales Symbol.

Agnès Poirier, "Notre-Dame. Die Seele Frankreichs". Übersetzt von Monika Köpfer. 24,70 Euro / 240 Seiten mit 16 Abbildungen. Insel, Berlin 2021
Cover: Insel Verlag

Agnès Poirier erzählt in Notre-Dame. Die Seele Frankreichs die Geschichte "Unserer Lieben Frau". Ihr gelingt eine plastisch-dramatische Schilderung des Brandes. Auch die elf Jahrhunderte seit Planung und Bau erzählt sie eingängig nach, wenn auch, je näher der Gegenwart kommend, immer pointillistischer.

Poiriers Buch An den Ufern der Seine über Paris zwischen 1940 und 1950 aus dem Jahr 2019 zeichnete bei 512 Seiten Umfang eine erstaunlich überschaubare Literaturliste aus. Diese Dezenz im Konsultieren von Quellen ist nun noch gesteigert. Dazu kommt eine Überdosis Edelpathos, es wimmelt von Helden und heroischem Verhalten.

Feuer und Wasser

Was Poirier nicht erwähnt, ist, dass die Seine eine wesentliche Rolle beim Löschen spielte. In Gestalt eines Tauchpumpbootes der Wasserschutzpolizei, dass die sapeurs-pompiers mit Wasser des Flusses versorgte. Die Seine teilt Paris. Überraschend viele Richtungsangaben beziehen sich in der Stadt auf sie, das realisiert man gründlich, wenn man Elaine Sciolinos herausragendes Flussporträt The Seine. The River That Made Paris liest.

Elaine Sciolino, "The Seine. The River That Made Paris". 12,90 Euro / 380 Seiten. W. W. Norton, New York 2020
Cover: Verlag

Sie kam Ende der 1970er-Jahre erstmals für längere Zeit nach Paris, frisch geschieden, als Jungreporterin für Newsweek. 2002 kehrte sie zurück und leitete seither das Pariser Büro der New York Times. Sie schrieb mit The Only Street in Paris: Life on the Rue des Martyrs (2015) bereits ein exzellentes Paris-Buch, von deutschen Verlagen erfolgreich ignoriert.

The Seine ist noch besser. Noch ausgreifender. Und noch eleganter. Es ist ein fulminantes Frankreich-Porträt, eine Reise von der Quelle bis nach Le Havre und Honfleur, durch Geschichte, Kunst, Landschaft und die Stadt Paris. Geschrieben mit großem Wissen, mit Witz, Ironie und Esprit. Sie traf viele, sie fand Erstaunliches, Großes im Kleinen, Kleines im Großen.

Magnetkräfte

Peter Stephan Jungk, "Marktgeflüster.
Eine verborgene Heimat in Paris". 24,70 Euro / 224 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. Erscheint am 28.4.
Cover: S. Fischer Verlag

Eine andre trouvaille: der Marché d’Aligre zwischen Boulevard Diderot und der Rue du Faubourg Saint-Antoine, zwölftes Arrondissement, einige Hundert Meter nördlich des Gare de Lyon. Der dort ansässige Peter Stephan Jungk schreibt in seinem buchlangen Porträt Marktgeflüster. Eine verborgene Heimat in Paris: "Der Aligre dominiert mein Leben, verfügt über Magnetkräfte, die mich an Paris ketten." Im 19. und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt der Marché d’Aligre als "zweiter Bauch von Paris", der erste waren die vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert abgerissenen halles.

Straßenhändler und eine bekannte Schauspielerin, die sauvettes, illegale Sinti- und Roma-Straßenhändler, viele Obst- und Gemüsestände, Käseläden, Geschäfte für Tee, Kaffee, Gewürze, fruits de mer, vietnamesische, thailändische, arabische restos rapides. Ein Dönerimbiss namens "Restaurant Turc", von den Marktleuten "Le Grec" getauft, betrieben von Kurden aus dem Nordirak. Muslimische, jüdische, buddhistische, jesidische Verkäuferinnen und Verkäufer.

Gassengeflecht

Der Markt – die Halle, die Gassen mit Ständen und der Flohmarkt – hat, Ausnahme ist der Montag, täglich von frühmorgens bis halb acht Uhr abends geöffnet. Die mächtige Halle wurde 1781 gebaut und galt vor der Französischen Revolution als wichtigster Verkaufsort für Heu.

"Das Gassengeflecht und sein Hauptplatz", so Jungk, "bilden ein Dorf inmitten der Metropole." Dieses ist für ihn Durchgang zu einer anderen Welt. Jeden Sonntag streift er früh über den Markt. Einen Iren, der, in Hongkong geboren, in Taiwan aufwuchs und vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Paris zog, lässt er sagen, der Marché d’Aligre erlaube es, "in die Seele Frankreichs zu blicken".

Jungks Wege, bewusst ziellos, führen ihn auch erinnernd zurück in seine Kindheitsjahre in Wien, in seine Studentenjahre in Los Angeles, zu Kuriosem, Amourösem. "Splitter der Heimatsuche" nennt Jungk dies. Ansonsten: nur das "Menschenbeobachtungslaboratorium".

Er fragt Leute aus, so eine Verkäuferin, die 14-jährig im Mai 1944 anfing, auf dem Markt zu arbeiten und nostalgisch reminisziert. Zum Großmarkt in Rungis lässt er sich chauffieren. Schreibt über eine Treibjagd, zu der ihn einer der Aligre-Fleischhauer mitnimmt, und über die Terroranschläge im November 2015.

Utopie und Blut

Mit einem Traum setzte es ein, mit Terror endete es. Auftakt war der 18. März 1871. 72 Tage später war die Pariser Kommune vorbei. Es war die "Diktatur des Proletariats". Jedenfalls so, wie sie sich Friedrich Engels vorstellte. "Wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht?", schrieb Marxens Kompagnon 20 Jahre nach den Vorgängen in Paris. "Seht euch die Pariser Kommune an."

Frankreich hatte zwei Niederlagen erlitten, nach Napoleon III. Abdankung infolge der Schlacht von Sedan 1870 war die Dritte Republik proklamiert worden, die den Krieg gegen Preußen weiterführte und unterlag. Ende Jänner 1871 wurde das neue Deutsche Kaiserreich ausgerufen, im Schloss zu Versailles, eine Demütigung. Die 200.000 Kämpfer der Nationalgarde in Paris behielten die Waffen, nannten sich am 15. März um in "Republikanische Föderation der Nationalgarde".

Als drei Tage später die Truppen der Nationalregierung auf dem Butte Mont martre die 400 Kanonen der Nationalgardisten requirieren wollten, kam es zum Aufstand. Paris erklärte sich zur autonomen Zone, zur sozialistischen Republik inklusive, Reverenz an die Revolution von 1789 ff., "Wohlfahrtsausschuss". 170.000 Soldaten der regulären Armee belagerten die Stadt.

In der letzten Maiwoche, zwischen 21. und 28. Mai, kam es zur blutigen Niederschlagung und zu brutalster Willkür entspringenden Exekutionen zahlloser Kommunarden bei Straßenkämpfen oder durch Standgerichte. Allein 147 Kommunarden wurden an der Mauer des Friedhofs Père-Lachaise erschossen, Tausende später in überseeische Kolonien deportiert.

Kämpfende Frauen

Louise Michel, "Die Pariser Commune". Übersetzt von Veronika Berger und Eva Geber. 28,– Euro / 416 Seiten. Mandelbaum, Wien 2020
Cover: Mandelbaum Verlag

Was waren diese 72 Tage? Utopie? Demagogie? Diktatur? Blutrausch des bürgerlichen Lagers, um radikale Funken auszutreten? Eines war es definitiv nicht: der von Marx und Engels historisch projizierte Sieg des Proletariats. Louise Michel war 1871 41 Jahre alt. Und wurde zur Ikone der Aufstandstage.

Sie beschränkte sich während der Tage der Kommune nicht darauf, Hungernde mit Essen zu versorgen und Verletzte zu pflegen, sie stellte sich an die Tête eines aus kämpfenden Frauen zusammengestellten Bataillons. Im Sommer 1871 wurde sie vor Gericht gestellt, nach Neukaledonien verbannt, 1880 amnestiert.

Bis zu ihrem Tod 1905 tourte sie als Rednerin und publizierte Artikel, Aufsätze, Bücher. Nun liegt ihre lesenswerte, zwischen Ironie und revolutionärer Leidenschaft changierende Monografie Die Pariser Commune erstmals auf Deutsch vor.

Verve, Feuer und Allüre

18. März 1871: "Als die Sonne aufging, hörte man die Sturmglocke. Wir stürmten den Hügel im Bewusstsein, dass uns oben eine geordnete Armee empfangen würde. Wir wollten für die Freiheit sterben." So passioniert geht es weiter in dieser Prosa von Verve, Feuer und überlebensgroßer romantischer Allüre.

1898 brachte sie ihre Erinnerungen zu Papier, ein Malstrom revolutionären Sendungsbewusstseins aus Briefen und Vignetten, Zeitungsartikeln und Bekanntmachungen. Mit Stolz zitiert sie einen zeitgenössischen Historiker, der über die Frauen der Kommune meinte: "Sie zeigten den Versaillern, welch schreckliche Frauen die Pariserinnen sind, selbst wenn man sie angekettet hat."

Kristin Ross, "Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune". Übersetzt von Felix Kurz. 20,60 Euro / 208 Seiten. Matthes & Seitz, Berlin 2021
Cover: Matthes & Seitz Verlag

2015 veröffentlichte Kristin Ross, Professorin für Komparatistik an der New York University, in einem Londoner Verlag Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune. Es ist keine historische Darstellung. Ross will vielmehr aufzeigen, wie nah der politischen Gegenwart seit der Bankenkrise, Occupy Wall Street und dem Arabischen Frühling die politischen Visionen der Kommunarden sind.

Das mutet hochfliegend an, es erweist sich auch als hochfliegend. Für Ross ist die Kommune paradigmatisches Sammelbecken aller zersplitterten radikalen Fraktionen und Gruppierungen. Die Idee einer politisch tatsächlich universellen Republik – et voilà! Die dialektische Synthese von Erfahrung und Erkenntnis – et voilà! Der titelgebende Luxus für alle: eine jeder und jedem zugängliche Bildung, Kunst und Kultur für alle, antielitär, herrschaftsfrei, volksnah. Ross’ Argumentation will nicht an jeder Stelle gleich überzeugen, manchmal ist die Gegenwartsparallelisierung zu stark, zu oktroyierend.

Karlheinz Stierle, "Der Mythos von Paris. Zeichen und Bewusstsein der Stadt". 35,– Euro / 988 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2021
Cover: Suhrkamp-Verlag

Eine wichtige Nachauflage ist Karlheinz Stierles hochgelehrtes, hochinstruktives Zeichen- und Mentalitätspanorama Der Mythos von Paris, das der 1936 geborene Romanist, der lange in Konstanz lehrte, nun begleitet mit einer neuen, klugen Untersuchung über interkulturelle Korrespondenzen, von Balzac über Walter Benjamin bis zu Peter Handke.

Er durchstreift Gedachtes und Gebautes. Der erste Satz schon steht ganz im Bann von Paris: "Die große Stadt in ihrer Überfülle verschlägt die Sprache." Wie wahr. (Alexander Kluy, ALBUM, 10.4.2021)

Karlheinz Stierle, "Paris denken – Penser Paris. Deutsch-französische Annäherungen". 25,70 Euro / 312 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2021
Cover: Suhrkamp-Verlag