Die aktuelle Covid-19-Pandemie veranschaulicht einmal mehr die Abhängigkeit von Politik und Wissenschaft. Ohne eine fundierte wissenschaftliche Beratung scheint die Problemlösungsfähigkeit der politischen Eliten gerade in einem prekären Katastrophenfall wie in einer Pandemie zu versagen. Andererseits hängt Forschung und Wissenschaft vielfach an infrastrukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen, die von politischen Entscheidungsträgern bereitgestellt werden müssen. Zwar hat die Herausforderung durch Corona der virologischen Forschung zu ungeahnten finanziellen Anreizen und Zuschüssen verholfen, gleichzeitig jedoch lässt sich parallel zur aktuellen Covid-19-Pandemie ein Wiederaufkeimen von nationalistischen Kalkülen in der Wissenschafts- und Gesundheitspolitik feststellen. Erinnerungen an das relativ frühe Stadium der Pandemie werden wach, als während eines politischen Disputs über die Bereitstellung von Gütern wie Schutzausrüstung oder Beatmungsgeräten die Nachfragestillung dem nationalen Interesse untergeordnet wurde. Somit wurden in einigen Ländern diese medizinisch wichtigen Güter gehortet, während in vielen Gegenden, die von der Pandemie schon voll erfasst waren, Schutzausrüstung oder Beatmungsgeräte fehlten.

Umgekehrt hat man damals in Europa durchaus gesehen, dass die Pandemie ohne Blick über die eigenen Grenzen hinweg nicht zu stoppen sein wird. Deshalb wurden Notfallpatienten über Staatsgrenzen hinweg von Gegenden mit einem überlasteten Gesundheitssystem in Gegenden mit Spitälern mit freien Kapazitäten an Intensivbetten gebracht. Dieser nach außen hin scheinbar, aber dann doch nicht altruistische Akt geschah zu einem Zeitpunkt, als gewisse Regionen bereits sehr stark unter der Covid-19-Pandemie litten, während man in anderen Länder die Gesundheitssysteme auf die bevorstehende Pandemie vorbereiten wollte. Eine ähnliche Erkenntnis hat die wohlhabensten Staaten der Welt bereits relativ frühzeitig im Zusammenhang mit potenziellen Impfstoffen ereilt.

Nationalistisches Kalkül

Die Gewissheit, dass, wenn Sars-CoV-2 in armen oder infrastrukturschwachen Staaten fortbestehen wird, die Bedrohung durch Sars-CoV-2 – und mittlerweile auch seine Virusmutationen – ebenso andauern wird, hat im April 2020 zur Gründung von Covax (Covid-19 Vaccines Global Access) geführt. Dennoch erfolgt die nunmehrige Verteilung von Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 – wie zuvor bereits deren Entwicklung oder die Verteilung von potenziell wirksamen Medikamenten, man erinnere sich an Remdesivir – weitgehend nach nationalistischen Kalkülen und weniger nach den Prinzipien einer globalen Strategie zur Beendigung der Sars-CoV-2-Pandemie. Zu groß erscheint die Bedeutung und der ökonomische Nutzen von Impfstoffen, als dass er nicht zu einem ökonomischen wie strategischen Objekt der Begierde verkommt.

Hinzu kommt, dass beschleunigte Zulassungsverfahren für Impfstoffe dazu führten, dass die Wissenschaft nicht alle Fragen, die an neue Pharmazeutika gestellt werden, beantworten konnte. Eine durch nationalistische Stereotype befeuerte Skepsis gegenüber gewissen Impfstoffen war die Folge. Die wissenschaftliche Analyse steht dabei nicht über und vor strategischen nationalstaatlichen oder betriebswirtschaftlichen Kalkülen, sondern maximal gleichauf und parallel dazu. Mehr als alles andere bedarf eine objektive wissenschaftliche Analyse nämlich weitgehendster globaler Transparenz und eines offenen Diskurses.

Die Pandemie ist ohne ein gemeinsames internationales Vorgehen nicht zu stoppen.
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Antisemitismus und Rassentheorien

Es lässt sich jedoch nicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte feststellen, dass nationalistische Einflüsse auf Wissenschaft und Forschung wirkten und dass dadurch die wissenschaftliche Zuverlässigkeit und Objektivität beeinträchtigt wurden.

So wirkten vermutlich die antisemitischen politischen Einflüsse verkörpert durch Politiker wie den ehemaligen Wiener Bürgermeister Karl Lueger oder den Führer der Deutschnationalen Bewegung, Georg von Schönerer, in Kombination mit dem wohl durch eine Art von künstlerischer Eitelkeit ausgelösten Antisemitismus Richard Wagners auf den im Ausland, und hier unter anderem in Wien, lebenden Engländer Houston Stewart Chamberlain, der nicht mit dem ehemaligen britischen Premierminister Neville Chamberlain verwechselt werden darf.

Diese und ähnliche Einflüsse veranlassten den erwähnten Chamberlain, vom akademischen Hintergrund eigentlich ein studierter Biologe, zu den pseudo-sozialwissenschaftlichen Ausführungen im Werk "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", welches auf Deutsch erstmals im Jahr 1899 erschien. Diesem Werk zufolge betrachtete Chamberlain die gesamte Menschheitshistorie als ein Machtstreben unterschiedlicher Menschenrassen, wobei er der von ihm erdachten arischen Rasse eine Reihe von positiven Eigenschaften zuschrieb, während die von ihm erdachte jüdische Rasse die genau gegenteiligen Eigenschaften in sich vereinen würde. Der Begriff der jüdischen Rasse deckt sich hierbei keineswegs mit dem Begriff der jüdischen Religion oder der jiddischen oder hebräischen Sprache. Jesus Christus war etwa für Chamberlain kein echter Jude. Rein äußerlich soll sich dieser Unterschied außer im Verhalten lediglich in Form des sprachlichen Akzents gezeigt haben. Sämtliche kriegerischen Konflikte seien letztlich das Resultat von jüdischen Finanzinteressen, wie er meinte.

Auch sein Hass auf sein eigenes Herkunftsland, England, begründete sich dadurch, dass ihm zufolge die englische Kultur durch die jüdische Rasse korrumpiert worden war. Daher orientierte er sich politisch am Deutschen Reich und am deutschen Kaiser und bezeichnete am Ende des Ersten Weltkriegs sowohl die Niederlage des Deutschen Reiches als auch die Errichtung der Weimarer Republik als Judenwerk – einer der Ursprünge der Dolchstoßlegende. Später fungierte Chamberlain als persönlicher Mentor für Adolf Hitler und die damals noch junge nationalsozialistische Bewegung. Einer der Chefideologen der nationalsozialistischen Bewegung, Alfred Rosenberg, wurde massiv von ihm beeinflusst. Chamberlains Tod vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 mag ihn davor bewahrt haben, sofort mit dem Nationalsozialismus assoziiert zu werden. Jedoch lässt sein Fall ahnen, wie der Nationalismus einer dezisionistischen und opportunistischen Politik bisweilen die Schaffung von pseudo-wissenschaftlichen Abhandlungen und Theorien bewirkt, die sich dann letzten Endes wiederum politisch auswirken können.

Nationalismus über Wissenschaft gestellt

Chamberlain war jedoch bei weitem nicht der einzige pseudo-sozialwissenschaftliche Rassentheoretiker des frühen 20. Jahrhunderts. Hans F. K. Günther, der das Jahr 1945 überlebte, konnte sich unter dem Vorwand, ein reiner Sozialtheoretiker zu sein, als minderbelasteter NS-Mitläufer darstellen. Die Erscheinung der Wissenschaftlichkeit nach außen hin mag also einige wie ihn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts davor bewahrt haben, für ihre Ansichten eine wirkliche persönliche Verantwortung übernehmen zu müssen.

Neben Politik, Kunst, Geistes- und Sozialwissenschaft wirkte der Nationalismus auch auf die Naturwissenschaft. Eigentlich würde die auf Francis Bacon zurückgehende empirische Methodologie von Anfang an auch ein gewisses Ausmaß an Wissenschaftsethik einfordern. Trotzdem konnten sich im Rahmen von naturwissenschaftlichen Befunden pseudo-wissenschaftliche Auswüchse breitmachen, die Phänomene lediglich oberflächlich beschreiben, jedoch keine ausreichenden Beweise und Belege für ihre Theorien und Paradigmen anführen konnten.

In dem Bereich wären speziell im Kontext von deutschnationalen und nationalsozialistischen Naturwissenschaftern die Namen Alfred Plötz, Eugen Fischer und Fritz Lenz zu nennen. Ersterer, der aus dem Sozialdarwinismus das Konzept der Rassenhygiene ableitete, welches der Nazi-Führung sowohl als Grundlage für die Nürnberger Rassegesetze als auch für das Euthanasieprogramm T4 diente, bei dem mehrere Hunderttausend psychisch kranke und behinderte Menschen heimtückisch ermordet wurden, konnte durch seinen Tod vor Kriegsende einer Aufarbeitung seiner Mitschuld an den nationalsozialistischen Verbrechen weitgehendst entgehen.

Fischer wiederum entwickelte seine Rassenlehre und sein Konzept der Rassenhygiene, bei dem allen Formen von Mischehe Kontraproduktivität und Schädlichkeit unterstellt werden, einige Jahre nach Alfred Plötz im Jahr 1921. Alle drei der vorhin Erwähnten fungierten nicht nur als Inspiration und Ideengeber für Hitler, sondern sie unterstützten ab 1933 die nationalsozialistische Rassen- und Bevölkerungspolitik aktiv.

Fischer konnte unter dem Deckmantel einer rein auf Sachurteilen ruhenden Naturwissenschaft sein Leben nach 1945 nahezu unbeeinträchtigt fortführen und sich jedweder Verantwortlichkeit entziehen. Ein ähnliches Schicksal war Lenz beschieden, der jedoch schließlich nach dem Ende des NS-Regimes wenigstens öffentlich Bedauern über den Holocaust zum Ausdruck brachte.

Kein Nationalismus in der Forschung mehr!

Es stellt sich hierbei notwendigerweise die Frage, ob der nationalsozialistischen Ideologie in den 1930ern und frühen 1940ern so viel an stillschweigender Akzeptanz entgegengebracht worden wäre, hätte sie sich nicht zum Teil auf Theorien von damals hoch angesehenen Wissenschaftern gestützt.

Nichts kann die persönliche Verantwortung von denjenigen Nazis mindern, die in einer Reihe von Gerichtsprozessen, angefangen beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, ihrer Schuld überführt wurden. Allerdings kann nicht abgestritten werden, dass sich viele Ideengeber und darunter auch führende Ideologen des Nationalsozialismus entweder durch einen frühen Tod oder unter dem Eindruck einer unantastbaren Pseudo-Wissenschaftlichkeit oder beidem sowohl der historischen als auch der persönlichen Verantwortlichkeit für zum Beispiel nationalsozialistische Verbrechen entziehen konnten.

Gerade vor dem Hintergrund von gesellschaftlichen Risiken wie der Covid-19-Pandemie oder anderen zivilisatorischen oder technischen Bedrohungen scheint es daher notwendig zu sein, sich vor einem erneuten Aufkeimen eines wissenschaftlichen oder methodologischen Nationalismus zu hüten. Oder, wie es Horkeimer und Adorno formulierten, die Wissenschaft mit ihrem Auftrag der Entmythisierung der Welt ist selbst von Mythen durchdrungen und mittlerweile auch selbst zum Mythos geworden. Nun kommt es darauf an, die moralischen Narrative und Paradigmen so zu setzen, dass Forschung und Wissenschaft der Weisheit der gesamten Menschheit einen Dienst erweisen und nicht zum Instrument werden, um Partikularinteressen zu vertreten oder sogar einzelne Gruppierungen zu unterdrücken. (Daniel Moser, 20.4.2021)