Laut Definition treten Pandemien nur zeitlich begrenzt in Erscheinung.

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Es werden noch viele Masken die Fließbänder hinuntergehen, bis wir sie nicht mehr brauchen.

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Am Beginn der Pandemie, lang ist’s her, strapazierte Gesundheitsminister Rudolf Anschober immer wieder das Bild des Marathonlaufs. Die Botschaft war klar: Die Bewältigung der Krise wird kein 100-Meter-Sprint, sondern länger dauern und uns allen viel Geduld und Durchhaltevermögen abverlangen.

Dieses Bild vom Marathonlauf ist im öffentlichen Reden über die Pandemie zuletzt ein wenig verschwunden. Dabei würde sich dieser Vergleich gerade jetzt ideal als Narrativ – also als sinnstiftende Erzählung und Motivationshilfe – anbieten. Für die etwas über 42 Kilometer des Marathonlaufs gilt, dass es für das letzte Sechstel der Strecke (also so etwa ab Kilometer 35) noch einmal richtig hart und zäh wird. Die Beine schmerzen, und man möchte am liebsten stehenbleiben, auch wenn es nicht mehr weit bis ins Ziel ist.

Das letzte Sechstel

Umgelegt auf den Pandemiemarathon halten wir in Österreich ziemlich genau bei diesen 35 Kilometern: Mehr als zwölf Monate oder fünf Sechstel des Weges haben wir bereits mit viel Mühe geschafft. Und in den kommenden, noch sehr mühsamen zwei, längstens drei Monaten – dem letzten Sechstel – sollten wir endlich aus dem Gröbsten herauskommen und damit das wichtigste Ziel erreicht haben.

Bereits jetzt im unmittelbaren Bereich der Ziellinie sind Länder wie Israel. Dank des überaus raschen Durchimpfens der Bevölkerung gingen dort in den vergangenen Wochen die Zahlen der Neuinfektionen in allen Bevölkerungsgruppen (also auch bei den nicht geimpften Kindern) erfreulich stark zurück.

Damit reduzierten sich auch die schweren Erkrankungen und Todesfälle, und es wird längst schon vorsichtig die Rückkehr zum Leben vor Corona geprobt (siehe unten). Ähnliche erfreuliche Entwicklungen sind in Ansätzen etwa auch schon in Großbritannien zu beobachten.

Das Leben danach

Ist damit in Israel – und hoffentlich auch im Laufe des Sommers in der EU – die Pandemie zu Ende? Könnten uns noch Gefahren vor und nach Erreichen der Ziellinie drohen? Was wird von Corona bleiben? Und wie wird unser Leben "danach" ausschauen?

Beginnen wir mit dem Grundsätzlichen – also der globalen und langfristigen Perspektive: Bei einer Pandemie handelt es sich definitionsgemäß um eine "zeitlich begrenzt in Erscheinung tretende, weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen und mit schweren Krankheitsverläufen".

Mit anderen Worten: Eine Pandemie geht erstens immer zu Ende, sie ist zweitens aber immer eine globale Angelegenheit. Wenn also Covid-19 auch in Israel, Europa, den USA und noch ein paar Ländern im Sommer besiegt sein wird, ist damit die Pandemie als solche noch nicht beendet. Dort, wo noch nicht ausreichend geimpft ist, wird sie vorerst weiterlaufen.

Wenn die Immunisierung weltweit weit genug vorangeschritten ist, was passiert danach?

Sars-CoV-2 wird endemisch

Bei einer Umfrage des Wissenschaftsjournals Nature, an der 119 Fachleute aus 23 Ländern teilnahmen, vermuteten fast 90 Prozent, dass sich die Pandemie mittel- und langfristig in eine Endemie verwandelt. Mit anderen Worten: Sars-CoV-2 wird mittel- und langfristig endemisch, also weiterhin in Teilen der Weltbevölkerung zirkulieren und vermutlich – ähnlich wie andere humane Coronaviren oder wie die Grippe – saisonal auftreten. Die Verläufe werden aufgrund der Impfungen aber viel leichter ausfallen, als sie es jetzt tun.

Bei dieser Prognose gibt es freilich etliche Unbekannte. So etwa wissen wir nicht, wie lange die Immunität nach Infektionen und Impfungen anhalten wird. Das hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie gut es dem Virus gelingen wird, sich durch Mutationen unseren Immunisierungen zu entziehen. Für eine Mehrheit der Fachleute ist dieses absehbare Wettrennen zwischen Mutationen und dagegen wirksamen Impfungen auch der Hauptgrund dafür, dass Covid-19 endemisch wird.

Im Hier und Jetzt

Damit sind wir auch schon wieder zurück im Hier und Jetzt. So scheint sich in Österreich bereits an einem ersten konkreten Beispiel anzudeuten, was das in Zukunft konkret bedeuten könnte: In Tirol hat sich in die "britische" Virusvariante B.1.1.7 zusätzlich die Mutation E484K eingebaut. Und E484K hat die unangenehme Eigenschaft, dass dadurch unsere durch Impfungen oder Infektionen erworbene Immunabwehr herabgesetzt wird.

Fachleute vermuten nun, dass diese zusätzliche Mutation bereits im Zusammenhang mit der großflächigen Impfaktion in Tirol stehen könnte – als Reaktion des Virus, um die Immunisierungen zu umgehen. Der Wettlauf zwischen Impfungen und Mutationen hat also längst begonnen und wird vermutlich noch Jahre weitergehen.

Um einen Zeithorizont zu geben: Die britische Forscherin Sharon Peacock, die das weltweit führende Sars-CoV-2-Sequenzierprogramm leitet, rechnet damit, dass sie auch noch im Jahr 2030 Coronaviren sequenzieren wird, um bessere Impfstoffe gegen Mutanten zu entwickeln.

Keine Herdenimmunität

Für eher unwahrscheinlich halten die meisten Fachleute leider ein anderes, positiveres Exit-Szenario: dass es uns in absehbarer Zeit durch Impfungen und das Erreichen einer globalen Herdenimmunität gelingen könnte, dem Virus völlig den Garaus zu machen. Das Ziel der Herdenimmunität, die dafür nötig wäre, dürfte sich laut jüngsten Studien bei Sars-CoV-2 nämlich schwerer erreichen lassen, als man ursprünglich dachte.

Das liegt nicht zuletzt an den Mutationen des Virus. So etwa erhöhte die ansteckendere Variante B.1.1.7 rein rechnerisch die dafür nötige Immunisierungsquote auf weit jenseits der 70 Prozent. Dazu kommt, dass der Impfschutz auch bei den wirksamsten Vakzinen nicht 100 Prozent beträgt.

Doch auch ohne Herdenimmunität sollte in unseren Breiten wieder ein relativ normales Leben möglich werden, wie die Entwicklungen in Israel vermuten lassen. Vorsicht wird aber vermutlich geboten bleiben. Das prognostiziert jedenfalls ein britisches Forscherteam, das im Fachblatt The Lancet Infectious Diseases einen Ausblick wagte, wie sich die Pandemie in Großbritannien bis 2024 entwickeln wird.

Diese Modellrechnungen ergaben, dass es ganz ohne Maßnahmen zu einem – wenn auch lokal begrenzten – Wiederaufflammen des Infektionsgeschehens kommen könnte, selbst wenn ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist. Anders gesagt: Ab dem Sommer werden zwar keine Lockdowns mehr nötig sein. Aber bestimmte Vorsichtsmaßnahmen wie Corona-Tests oder das situationsspezifische Tragen von Masken dürften uns auch noch nach dem eigentlichen Pandemiemarathon erhalten bleiben.


Wie sich andere Länder auf die Zeit nach Covid einstellen

Chile Lockdown trotz großen Impfeifers

In keinem anderen Land des amerikanischen Kontinents wurde die Bevölkerung so schnell geimpft wie in Chile. Mehr als ein Drittel der 18 Millionen Menschen haben mindestens eine Dosis des Impfstoffs von Biontech/Pfizer oder des chinesischen Sinovac erhalten. Und doch befindet sich Chile aufgrund einer Sieben-Tage-Inzidenz von 253 nun wieder im Lockdown. Offenbar hatte man sich in falscher Sicherheit gewiegt. Im November hatte das Land seine Grenzen geöffnet, im Jänner durften Chileninnen und Chilenen auf Sommerurlaub reisen. Fachleute spekulieren, dass genau diese Urlauber infiziert zurückgekehrt sind und ein zu lasches Contact-Tracing das Virus wieder grassieren ließ.


Israel: Der Impfweltmeister feiert – und bangt

In Tel Avivs Cafés herrscht wieder (fast) normaler Trubel.
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Israel, das der Welt einen Blick in eine postpandemische Zukunft gewährt, hat Ende dieser Woche weitere Öffnungsschritte eingeführt. Die hohe Durchimpfungsrate mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer macht es möglich – fast 4,9 Millionen haben bereits zwei Dosen intus.

Nach einem Beschluss der Regierung ist es nun wieder möglich, dass sich 100 Personen und nicht nur 50 im Freien treffen. Indoor bleibt das Limit von 20 aufrecht. In Kultureinrichtungen dürfen bis zu 750 Personen zu Gast sein – im Zusammenhang mit dem sogenannten "Grünen-Pass-Programm", das bereits Geimpften mehr Freiheiten erlaubt. Sie dürfen etwa Restaurants und Bars besuchen, aber auch Fitnessstudios. Die Direktorin für öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium, Sharon Alroy-Preis, warnte aber vor "Gefahren von außen" – vor allem durch Virenmutationen.


Ungarn: Vakzin-Überschüsse, aber viele Tote

Donauabwärts von Österreich kämpft Ungarn mit einem Paradoxon: Einerseits zählt es mit 29 Prozent Erstgeimpften zu jenen Ländern, in denen die meisten Menschen bereits zumindest einen Stich bekommen haben. Weil sich die Regierung des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orbán früh mit russischen und chinesischen Vakzinen eingedeckt hat, kann sie sogar Überschüsse an den tschechischen Nachbarn liefern.

Andererseits gehört die Zahl der Covid-Toten pro Kopf in Ungarn mit aktuell mehr als 22.000 zu den höchsten der Welt. Trotzdem begann Ungarn am Mittwoch mit ersten Öffnungsschritten: Die seit November geltende Ausgangssperre wurde gelockert, der Handel darf wieder öffnen, um Andrang zu vermeiden, sogar von 5.00 bis 21.30 Uhr. Hotels und Gastronomie bleiben vorerst aber geschlossen.


Großbritannien: Offene Pubs und Reisefreiheit ab Mitte Mai

Londons Pubs warten schon sehnsüchtig auf die ersten Besucherinnen und Besucher – "Cheers" heißt es ab Montag.
Foto: EPA / Andy Rain

Am Montag dürfen in Großbritannien die Pubs und Restaurant wieder öffnen – zumindest ihre Außenbereiche. Ebenso werden der Handel, Fitnessstudios und Friseure wieder Kundschaft empfangen dürfen. Die weiteren Öffnungsschritte sind durch das gut verlaufende Impfprogramm möglich. Bereits vor vier Wochen wurden die Schulen wieder geöffnet. Von den insgesamt fast 67 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern haben 37,4 Millionen zumindest eine erste Impfdosis erhalten. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 39. Im Zusammenhang mit einer weiteren Liberalisierung testet die Regierung den Einsatz eines "Covid-Status-Zertifikats". Pilotveranstaltungen sollen ab Mitte April stattfinden. Premier Boris Johnson will internationale Reisen ab 17. Mai wieder zum Teil ermöglichen. Um auf mögliche Anstiege der Infektionszahlen in diesem Zusammenhang reagieren zu können, soll es künftig ein Ampelsystem geben. Damit sollen mögliche Quarantänemaßnahmen geregelt werden.


Dänemark: Wie man im Norden auf die neue Freiheit hofft

In Kopenhagens Tivoli darf – mit Test – gefeiert werden.
Foto: AFP / Olafur Steinar Gestsson

Ostern hatte Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen schon bei ihrer Neujahrsansprache als Datum ausgegeben, zu dem sich in Sachen Covid alles zum Guten wenden werde.

Nun zeigt sich, dass die Sozialdemokratin recht behalten könnte: In dem Land im hohen Norden Europas – aktuell liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 162 – haben am Dienstag Schülerinnen und Schüler bis zur achten Schulstufe wieder Platz in ihren Klassen genommen, Friseure und Wellnesseinrichtungen haben wieder geöffnet. Kommende Woche geht es mit Geschäften in Einkaufszentren weiter, wiederum eine Woche später öffnen auch Bibliotheken, Museen und Gastgärten. Ab dem 6. Mai darf in Dänemarks Gaststätten auch indoor wieder gespeist und getrunken werden.

Ende Mai, wenn laut Frederiksen allen Menschen über 50 "ein Impfangebot gemacht worden sein soll", könnte das Land fast wieder im Normalzustand sein. Sieben Prozent der Menschen sind durchgeimpft, 13 Prozent haben den ersten Stich bekommen – ein Spitzenwert in der EU. Auch die Situation auf den Intensivstationen wird als entspannt beschrieben, so wenige Covid-Tote wie in Dänemark gibt es kaum irgendwo sonst in Europa. (Klaus Taschwer, Bianca Blei, Florian Niederndorfer, 10.4.2021)