Die Türkei verbuchte als eines von wenigen Ländern auch im Corona-Jahr 2020 Wachstum. Bietet der jüngste Kursrücksetzer eine gute Gelegenheit zum Einstieg an der Börse?
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Mit einem Angebot in den Händen, das das einsetzende Tauwetter zwischen der Union und der Türkei veranschaulicht, reiste die EU-Spitze dieser Tage nach Ankara. Ziel ist es, die gemeinsamen Beziehungen wieder zu verbessern, etwa durch eine "Modernisierung" der seit Ende 1995 bestehenden Zollunion. Deren angedachte Ausweitung auf die Bereiche Dienstleistungen, öffentliche Beschaffung und Landwirtschaft sollte auch im Interesse von Präsident Recep Tayyip Erdoğan sein – denn die EU ist der wichtigste Außenhandelspartner der Türkei, und wirtschaftlich ist in den vergangenen Jahren nicht alles rundgelaufen.

Vorläufiger Höhepunkt war vor zwei Wochen die Entlassung des Notenbankchefs samt seinem Stellvertreter durch Erdoğan. Diese hatten die Zinsen von 17 auf 19 Prozent erhöht, um der galoppierenden Inflation – sie überstieg im März bereits 16 Prozent – Herr zu werden. Zum Missfallen des Präsidenten, der die Wirtschaft durch niedrige Zinsen am Laufen halten will. Am Finanzmarkt sorgte das Manöver für heftige Turbulenzen und für Verkaufswellen bei der türkischen Lira sowie am Aktienmarkt.

Steiler Aufwärtstrend

Dabei hatte die Börse in Istanbul zuvor einen beachtlichen Lauf auf das Parkett gelegt, der dem Leitindex ISE 100 seit dem Corona-Tief im Vorjahr bis dato einen Zuwachs von fast 70 Prozent bescherte. Ist nun der aktuelle Kurseinbruch um mehr als zehn Prozent eine günstige Gelegenheit für einen Einstieg? Oder lauert womöglich weiteres Ungemach auf Anleger?

"Der Posten des Gouverneurs der Zentralbank ist zum Schleudersitz geworden. Wer Erdoğan nicht gefällt, muss gehen", sagt Carlos von Hardenberg. Der Mitgründer des Vermögensverwalters Mobius Capital Partners war bis 2016 vor Ort ansässig und zeigt wenig Verständnis für die Absetzung der Notenbankspitze, da dies das Vertrauen untergrabe und Investoren abschrecke. "Ein Land wie die Türkei, das sein jährliches Defizit mit ausländischen Geldern finanzieren muss, kann sich das nicht erlauben", betont Hardenberg.

Auch für den Türkei-Experten Alexandre Dimitrov vom Fondsanbieter Erste Asset Management ist die künftige Zinspolitik der Notenbank entscheidend für die Entwicklung. Nächste Woche wird ihr neuer Chef Şahap Kavcıoğlu darüber Auskunft geben – sollte dieser mit der Geldpolitik seines Vorgängers brechen, könnte die Lira neuerlich unter Druck geraten. Allerdings hält Dimitrov eine Stabilisierung der Lira gegenüber Euro und US-Dollar für eine Voraussetzung dafür, dass es an der Börse weiter aufwärtsgehen kann.

Drahtseilakt für Notenbank

Notenbankchef Kavcıoğlu steht vor einem Drahtseilakt. Einerseits soll seine Geldpolitik die internationalen Investoren zufriedenstellen, andererseits die Konjunktur am Laufen halten. Dank hoher Staatsausgaben, eines starken Exports und eines Binnenkonsums, der oft über Kredite finanziert wurde, konnte die Türkei im Vorjahr trotz des Einbruchs im Tourismus 1,8 Prozent Wachstum erzielen.

Gelingt die Stabilisierung der Lira, sieht Dimitrov durchaus langfristiges Potenzial an der Istanbuler Börse – allerdings müssten Anleger generell auf starke Kursschwankungen gefasst sein. "Der Wirtschaftsstandort wird auch positiv wahrgenommen – was aber keine Garantie für den langfristigen Erfolg des Lands ist", sagt Dimitrov.

Das sieht Mobius-Experte Hardenberg ähnlich: "Das Land hat alle Zutaten, die es für ein nachhaltiges Wachstum braucht", sagt er mit Blick auf die große und junge Bevölkerung, die gute Infrastruktur und eine günstige geografische Lage. Zudem hätten die Krisen der Vergangenheit türkische Firmen wetterfest gemacht, von denen Hardenberg einige zu den "innovativsten und agilsten" der Schwellenländer zählt. "Die bleiben für Investoren auch in schwierigen Zeiten interessant." (Alexander Hahn, 10.4.2021)