An einem frühlingshaft warmen Mittwochvormittag im April steht der Trompeter Simon Wettenhall nahe des Great Lawn im Central Park und spielt mit der Baby Soda Band Jazz Klassiker und Dixieland Music. Die Berufsmusiker haben seit der Schließung der New Yorker Jazz Clubs vor mehr als einem Jahr jede Auftritts- und Einkommensmöglichkeit verloren. Normalerweise spielen sie in den berühmtesten New Yorker Clubs, Blue Note, Village Vanguard oder Carlyle Hotel. Jetzt musizieren sie im Freien, Kinder wiegen sich zu den Klängen der Musik, Spaziergänger bleiben stehen und lassen sich im Gras nieder, Dog Walker schlendern mit Hunden vorbei. „Es ist schwierig, kein regelmäßiges Einkommen mehr zu haben. Wir spielen aber gerne im Park, die Menschen unterstützen uns“, erzählt Wettenhall. Manchmal hinterlassen Zuhörer aufmunternde Nachrichten wie „Your music made my day“ oder kleine Zeichnungen, neben zum Teil großzügigen Geldspenden.

Simon Wettenhall mit der Baby Soda Jazz Band, Central Park.
Stella Schuhmacher

Sogenannte Pop-up Konzerte finden zurzeit in New York vielerorts statt. Wenn man Glück hat und sich die Zeit nimmt, kann man sehr guten Musikern einfach auf der Straße oder im Park zuhören. Mit dem wärmeren Wetter planen große Veranstaltungsorte wie das Lincoln Center, das die Metropolitan Opera und die Aufführungshalle der New York Philharmonic umfasst, Konzerte und Theaterveranstaltungen in den Außenbereichen, „Restart Stages at Lincoln Center“. Auch Stand-Up-Comedy-Clubs, wie beispielsweise der West Side Comedy Club, planen Aufführungen im Freien. Die Straße zwischen dem Club und dem Beacon Theater wird für diesen Zweck abgesperrt. Überall herrscht strikte Maskenpflicht und Abstandhalten.

Nicko Shevelov (Drums) und das Shevelovin Trio. @shevelovin
Stella Schuhmacher
Pop-up-Konzert Upper West Side, Evan Sherman Music.
Foto: Stella Schuhmacher

Impfung und Wettlauf gegen die Virusvaranten

Der Wettlauf zwischen Impfungen und den sich rasch ausbreitenden Virusvarianten ist in vollem Gang. Mittlerweile haben alle New Yorker ab dem Alter von 16 Jahren Zugang zu Impfungen, nachdem zunächst Senioren, besonders exponierten Berufsgruppen oder Risikogruppen  Vorrang gegeben worden war. Es wird in gut organisierten riesigen Impfzentren in allen Stadtteilen, im Kongresszentrum Javits Center oder dem Yankee Stadium, geimpft. Auch bieten die meisten Apotheken einen Impfstoff an. Über eine Hotline und Online-Portale kann man sich anmelden. Im Bundesstaat New York sind ungefähr 27 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 40 Prozent haben eine erste Impfdosis erhalten. Nach einem Höhepunkt an Infektionen im Jänner haben sich die Zahlen nun auf einem relativ hohen Niveau eingependelt. Das Infektionsrisiko in der Stadt ist als "very high risk" eingestuft, ein leichter Rückgang von "extremely high" Anfang April.  

Bronx Botanical Garden. Kusama: Cosmic Nature, eine gerade eröffnete Ausstellung.
Daniela Reinsch

Insgesamt schreitet der Öffnungsprozess langsam voran. Indoor-Dining ist in der Stadt mit 50 Prozent Kapazitätsauslastung erlaubt. Die während des Winters entstandenen Outdoor-Dining-Hütten und Vorgärten bestehen weiterhin. Straßen und Gehsteige sind dadurch belebt, das Sitzen gemütlich. Auch Kinos sind seit März mit 25 Prozent Auslastung geöffnet und sogar der Amusement Park in Coney Island wurde wieder geöffnet. Die großen Museen wie Metropolitan Museum of Arts, Museum of Modern Art oder American Museum of Natural History kann man seit September 2020 bereits wieder besuchen, ebenfalls mit strikten Obergrenzen bei den Besucherzahlen. Da keine Touristen in der Stadt sind, kann man die Ausstellungen in aller Ruhe genießen. Broadway-Theater werden voraussichtlich im September nach dem Labor-Day-Wochenende aufsperren.

Outdoor-Dining ist sehr populär.
Foto: Stella Schuhmacher
Outdoor-Dining, Upper West Side.
Foto: Stella Schuhmacher
Outdoor Dining.
Stella Schuhmacher

Für Schulen hat das Centers for Disease Control and Prevention vor kurzem die Richtlinien revidiert und den Abstand, der zwischen Schülern eingehalten werden muss, von sechs auf drei Feet (circa ein Meter) reduziert. Solange die Schüler Masken tragen und die Klassenzimmer gut belüftet sind, wird das von Experten als ausreichend für die Prävention von Infektionen beurteilt. Auch die bisher geltende Regel, dass bei zwei infizierten Personen in unterschiedlichen Klassen die gesamte Schule für mindestens zehn Tage schließen muss, wird nun auf vier Infektionsfälle ausgeweitet. Viele New Yorker Schulen, die in diesem Schuljahr Hybridlernen mit einer Mischung aus In-Person- und Remote-Learning angeboten haben, planen damit zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie eine Fünftagewoche in den Schulen ab Anfang Mai.

Die Schulen in New York stellen langsam wieder auf Vollzeit um.
Foto: Stella Schuhmacher

Wie beurteilen New Yorker die Zukunft der Stadt?

Im Allgemeinen scheint der Optimismus der New Yorker Bevölkerung ungebrochen, trotz hoher Arbeitslosigkeit und angestiegener Kriminalitätsrate. Viele, die die Stadt im März letzten Jahres fluchtartig verlassen haben, kehren wieder aus Kanada, Maine, oder Long Island zurück. Es scheinen sich alle einig zu sein: "We missed the city", „New York will come back“, „It always comes back“, und „A little different, but it will come back”, sagen sie übereinstimmend.

Auch der Musiker Wettenhall zeigt sich optimistisch: „Künstler und Kunstschaffende gehören zu den widerstandsfähigsten New Yorkern. Sie lassen sich nur schwer verdrängen, finden auf kreative Art und Weise neue Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. New Yorker Musiker und Künstler werden so oder so hier ausharren und überleben.“

Jewish Community Center in Manhattan, Zitat Dr. Fauci (medizinischer Berater von Präsident Biden)
Foto: Stella Schuhmacher

Hoffentlich gewinnen in diesem New Yorker Frühling die Impfungen die Oberhand und treiben den Virus dauerhaft zurück. Die New Yorker Bevölkerung genießt sichtlich das Frühlingserwachen und hofft auf das Ende des Pandemie-Komas.  

Kirschblüten vor dem Brooklyn Museum.
Foto: Siyu Liu
Flushing Meadows Corona Park, Queens.
Foto: Daniela Reinsch

(Stella Schuhmacher, 17.4.2021)

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