General Jovan Divjak 2011 bei seiner Rückkehr.

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Begräbnis am 13. April.

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Wenn er durch die Stadt ging, blieben die Leute stehen, manche schenkten ihm Blumen. Er war der beliebteste Bürger Sarajevos, ein Humanist und ein Philanthrop. Geht man in diesen Tagen durch die Straßen, so sieht man, dass viele ein Foto von ihm ins Fenster gestellt haben. Auf Facebook wird "Sarajevo" mit seinem Abbild im Hintergrund in "Sarajovo" umbenannt. Jovo war die Stadt, die Stadt war Jovo.

Der Verteidiger Sarajevos im Krieg (1992–1995) und – ebenso wichtig – der Verteidiger des bosnischen Zusammenlebens, einer multireligiösen, toleranten und weltoffenen Lebensweise, verstarb am 8. April im Alter von 84 Jahren an einer Krebserkrankung. "Er war unser Mahatma, unsere große Seele", hieß es bei der Gedenkstunde im Nationaltheater am Dienstag vor seiner Beisetzung.

Säkulare Gesellschaft

Divjak hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, der von seinem Enkel Gregor Divjak vorgelesen wurde. Der oftmals scherzende Mann mit dem verschmitzten Lächeln schrieb in dem Abschiedstext von seiner Kindheit in Serbien als Sohn eines Lehrers, seiner Ausbildung an der Militärakademie in Belgrad und vor allem seiner Zeit bei der Armee von Bosnien-Herzegowina. "Es war die ehrenvollste Zeit in meinem Berufsleben", so Divjak, der maßgeblich daran beteiligt war, die eingeschlossene und unter Dauerbeschuss stehende Stadt, anfangs fast ohne Waffen, zu verteidigen.

"Sehr geschätzte Mitglieder der Armee, seien Sie stolz auf Ihren Beitrag zur Verteidigung von Bosnien und Herzegowina innerhalb seiner historischen Grenzen und zur Erhaltung der bürgerorientierten und säkularen Gemeinschaft. Erziehen Sie Ihre Familien auf dieser Grundlage", erinnerte Divjak an die wichtigste Motivation, das damals schwer bedrohte Bosnien-Herzegowina vor der Zerstörung zu bewahren, nämlich die Erhaltung des Zusammenlebens aller Bürger – jenseits von Religion und Zugehörigkeit zu Volksgruppen.

Verein für die Ausbildung junger Menschen

Nach seiner Zeit bei der Armee baute Dijvak eine Hilfsorganisation auf, die tausenden jungen Menschen Stipendien und Ausbildungen ermöglichte. Er reiste viel, um Vorträge zu halten und sammelte Geld für die Bildung junger Menschen, die er für die Zukunft der Gesellschaft als essenziell erachtete.

Divjak war in Sarajevo auf fast jeder Kulturveranstaltung anzutreffen, der Mann – Onkel Jovo genannt – war ein Charmeur und Menschenfreund. Er hatte andernorts aber auch viele Feinde. Insbesondere serbische Nationalisten "verziehen" ihm niemals, dass er sich nicht auf ihre Seite gestellt hatte. Im Jahr 2011 wurde Divjak sogar am Wiener Flughafen verhaftet, weil die serbischen Behörden einen Haftbefehl lanciert hatten und die österreichischen Behörden zu blöd waren, um diesen als politisch motiviert zu enttarnen. Divjak musste fünf Monate in Wien darauf warten, dass er wieder nach Hause durfte. Aber er blieb auch damals freundlich und ruhig wie immer.

"Schießt nicht!"

Erinnert wird oft an seine Worte "Schießt nicht! Schießt nicht", als die jugoslawische Volksarmee im Mai 1992 aus Sarajevo abzog und es zu Waffengewalt kam. Tatsächlich hatte es Divjak aber in der bosnischen Armee als Serbe schwer. Er wurde von manchen als eine Art "Feigenblatt" missbraucht, um den multinationalen Charakter der Armee zu unterstreichen, gleichzeitig aber zur Seite gedrängt. Er kritisierte die Islamisierung der Armee und die Verbrechen gegen lokale Serben in Sarajevo vehement und bat den damaligen Präsidenten Alija Izetbegović, die Serben zu schützen. Im Jahr 1997 gab er enttäuscht seinen Generalstitel zurück, nachdem fragwürdige Leute von Izetbegović militärisch befördert und der Kriminelle Caco, der Serben in Sarajevo ermordet hatte, mit allen militärischen Ehren begraben worden war.

In seinem Schreiben an Izetbegović stellte Divjak aber klar, dass er weiter an den Staat glaubte: "Ich bin stolz darauf, dass ich im April 1992 die wichtigste und einzig richtige Entscheidung meines Lebens getroffen habe, um für Bosnien und Herzegowina zu kämpfen. Ich werde für den Rest meines Lebens für diese Idee kämpfen. Ich werde mich und Bosnien niemals verraten."

Bei der Gedenkveranstaltung am Dienstag wurde ein Witz erzählt, den Divjak gerne machte. Dieser geht so: Als General Divjak die Truppen auf den Bergen oberhalb der Stadt besuchte, die die Stellung hielten, fragte er: "Na, Mujo, wie ist die Situation?" Und Mujo antwortete: "General, wir sorgen dafür, dass kein Serbe seinen Fuß über diese Linie setzen wird." Darauf antwortete Divjak: "Dafür ist es schon zu spät, ich hab es bereits getan."

Unter Menschen

Sein Humor, seine Herzlichkeit und sein Einsatz für ein multikulturelles Bosnien-Herzegowina, das nach wie vor von Nationalisten bedroht ist, wurde in den vergangenen Tagen von vielen Menschen betont und erinnert. Divjak selbst trauerte in den letzten Jahren um seine verstorbene Frau Vera. Trotz seiner Krebserkrankung war er noch oft in den Straßen auf dem Weg zu seinem Büro zu sehen.

"Liebe Bürger von Sarajevo, ein halbes Jahrhundert Leben war ich unter euch. Vielen Dank den Nachbarn, meinem Friseur, dem Schneider, den Verkäufern in Geschäften und Märkten, den Zeitungsverkäufern, Ihnen, die in Institutionen der Kultur, Kunst, des Sports arbeiten – vielen Dank. Ich war einer von Ihnen. Ich war bei Ihnen bei sonnigem und regnerischem Wetter", schrieb er in seinem Abschiedsbrief.

"Die Tage des Lebens in Sarajevo waren Tage der Liebe, des gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung. Ich entschuldige mich, wenn ich jemals jemanden verletzt habe. Es war nicht meine Absicht", so Divjak. Am Ende seines Abschiedstexts heißt es: "Möge das bosnische Land glücklich sein mit der Liebe, die ich mit mir trage. Ihr Jovan, Bosnier, Herzegowiner aus tiefster Überzeugung." Nachdem sein Brief am Dienstag fertig vorgelesen war, sah man viele Menschen im Nationaltheater, die sich nach vorne bückten, um ihre Tränen zu verbergen. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 13.4.2021)