Wenn die USA im September ihre Truppen abziehen, drohen die Taliban die Macht in Afghanistan zu übernehmen.

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US-Präsident Biden steht mit dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan unter Druck, auch das weitere Vorgehen anderer internationaler Truppen hängt davon ab.

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Kabul/Washington – US-Präsident Joe Biden will bis zum 11. September sämtliche US-Truppen aus Afghanistan abziehen. Die "Washington Post" hatte am Dienstag berichtet, dass eine entsprechende Ankündigung Bidens für Mittwoch erwartet wird. Damit blieben die US-Soldaten noch mehrere Monate über den mit den Taliban vereinbarten Abzugstermin 1. Mai hinaus in Afghanistan.

Neben den USA plant auch Großbritannien den Abzug seiner Truppen. Nahezu alle 750 britischen Soldaten sollen bis 11. September zurückbeordert werden, meldete die "Times" am Dienstag. Ohne Unterstützung der USA würden sie sich in Afghanistan schwertun, da sie auf US-Stützpunkte und -Infrastruktur angewiesen sind.

Regierung kritisiert Abzugspläne

Die afghanische Regierung reagierte bestürzt auf die Abzugsankündigung: Es sei das "Verantwortungsloseste und Egoistischste", was die USA ihren afghanischen Partnern hätten antun können, sagte ein Mitglied des Verhandlungsteams bei den Friedensgesprächen in Doha, das namentlich nicht genannt werden wollte, der Deutschen Presse-Agentur.

US-Außenminister Antony Blinken verteidigte die Entscheidung. Man habe gemeinsam mit den Verbündeten die Ziele erreicht, die man sich gesteckt habe, sagte er am Mittwoch am Rande eines Gesprächs mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Empörung gab es auch aufseiten der Taliban: Die militant-islamistische Gruppierung besteht auf dem Abzug aller US- und Nato-Truppen aus Afghanistan bis zum 1. Mai – also deutlich vor dem inzwischen von den USA genannten Termin am 11. September. Man strebe den Abzug aller ausländischen Streitkräfte zum per "USA-Taliban-Abkommen" festgelegten Datum an, schrieb Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid am Mittwoch auf Twitter. Falls die Vereinbarung gebrochen werde, würden sich die "Probleme verschärfen".

Auch Deutschland plant Abzug

Deutschlands Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer rechnet damit, dass sich die Nato bei ihrem Sondertreffen am Mittwochnachmittag auf den Truppenabzug einigen wird. Sie machte im Vorfeld des Treffens klar, dass bei einem US-Abzug auch die rund 1.000 deutschen Soldaten das Land verlassen werden. "Wir haben immer gesagt, wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus. Ich stehe für einen geordneten Abzug", sagte die CDU-Politikerin im ARD-"Morgenmagazin". "Deswegen gehe ich davon aus, dass wir das heute so beschließen werden."

Der deutsche Bundestag hatte zuletzt eine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes bis 31. Jänner 2022 beschlossen. Derzeit sind noch etwa 1.300 deutsche Soldaten im Land stationiert, damit stellt Deutschland hinter den USA das zweitgrößte Truppenkontingent. Österreichs Bundesheer beteiligt sich mit 16 Soldaten an der Mission "Resolute Support".

Der Innsbrucker Politikwissenschafter Gerhard Mangott geht davon aus, dass die Taliban nach dem Abzug der ausländischen Truppen die Macht übernehmen werden. Auch die dieser Tage veröffentlichte Gefahreneinschätzung der US-Geheimdienste geht davon aus, dass es der Regierung in Kabul ohne ausländische Unterstützung kaum gelingen wird, den Taliban-Aufstand unter Kontrolle zu bringen. "Afghanische Kräfte sichern größere Städte und andere Regierungshochburgen", ist dort zu lesen, "aber sie sind damit beschäftigt, sich zu verteidigen, und haben es nur selten geschafft, eingenommenes Terrain zu halten oder eine Präsenz in 2020 aufgegebenen Landesteilen zu etablieren."

Stockende Friedensgespräche

Am 11. September jähren sich die Anschläge von New York und Washington zum 20. Mal. Sie hatten den Einmarsch der US-geführten Truppen in Afghanistan ausgelöst. Er führte zum Sturz des Taliban-Regimes, das sich geweigert hatte, Al-Kaida-Chef Osama bin Laden auszuliefern.

Biden steht unter Druck, rasch über einen Fahrplan für einen Abzug der US-Soldaten zu entscheiden, weil davon auch der Einsatz anderer internationaler Truppen in Afghanistan abhängt. Unter Bidens Vorgänger Donald Trump hatten die USA mit den Taliban einen Abzug bis zum 1. Mai vereinbart. Im Gegenzug gingen die Taliban mit der Regierung in Kabul direkte Friedensgespräche ein, die seit September im Golfemirat Katar laufen. Diese brachten allerdings bisher kaum nennenswerte Fortschritte.

Taliban drohen

Die Aufständischen hatten zuletzt neue Gewalt gegen Nato-Truppen angedroht, sollte die Frist bis zum 1. Mai nicht eingehalten werden. Ein US-Regierungsvertreter warnte die Taliban vor Angriffen auf ausländische Truppen während des Abzugs. In einem solchen Fall würden die USA hart zurückschlagen. Mit Blick auf die Frauenrechte in Afghanistan fügte er hinzu, die USA würden sich mit allen diplomatischen, humanitären und wirtschaftlichen Mitteln für deren Schutz einsetzen.

In dem Konflikt sind seit 2001 fast 2.400 US-Soldaten ums Leben gekommen, auf afghanischer Seite starben Uno-Angaben zufolge seit Beginn der Zählung vor zwölf Jahren über 35.000 Zivilisten., alleine in den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden 573 Zivilisten getötet und 1.210 verletzt. (red, APA, Reuters, 14.4.2021)