Spritzen und leere Verpackungen des Impfstoffs von Johnson & Johnson, das auch unter dem Namen Janssen bekannt ist. In den USA wurden weitere Verimpfungen, aber auch Lieferungen in die EU vorläufig gestoppt.

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Es sind wieder einmal sowohl gute wie auch schlechte Nachrichten, die von den Impfstoffherstellern kommen. Und einmal mehr sind jene der mRNA-Vakzin-Produzenten die positiven: Biontech/Pfizer will die Lieferung von 50 Millionen Impfdosen an die Europäische Union vom vierten auf das zweite Quartal vorziehen. Das bedeutet für Österreich konkret eine Million zusätzlicher Einzelimpfungen bis Ende Juni.

Nicht so gut sind die Neuigkeiten zum Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson. Zwar befinden sich seit Montag 16.800 Dosen dieses Vakzins in Österreich. Doch an dessen Verimpfung ist vorläufig nicht gedacht. Grund dafür sind sehr seltene Nebenwirkungen, die in den USA, wo bereits rund 6,8 Millionen Impfungen mit dem Vakzin stattgefunden haben, aufgetreten sind. Aus diesem Grund hat J & J auch die Lieferungen in die EU vorerst eingestellt.

Frage: Was hat in den USA konkret zur Entscheidung geführt, mit der Verabreichung des Impfstoffs zu pausieren?

Antwort: Das war in erster Linie eine Vorsichtsmaßnahme. Das Vakzin, das Ende Februar in den USA zugelassen wurde, führte nach bisher 6,8 Millionen Verimpfungen bei sechs Frauen im Alter zwischen 18 und 48 zu Sinusthrombosen, also zu lebensbedrohlichen Blutgerinnseln in der größten Vene des Gehirns. Eine Frau starb. Diese Vorfälle ähneln sowohl in ihrem seltenen Auftreten und den Symptomen jenen schweren Erkrankungen, die im Zusammenhang mit Astra Zenecas Impfstoffs Vaxzevria in Europa etwa in der Häufigkeit von 1 zu 100.000 gemeldet wurden. Auch bei den Fällen in den USA traten diese Blutgerinnsel als Folge einer speziellen Form von Thrombozytopenie auf.

Frage: Was ist das für eine Erkrankung?

Antwort: Dabei handelt es sich um einen dramatischen Rückgang bei Blutplättchen (Thrombozyten), die bei der Blutgerinnung eine zentrale Rolle spielen. Paradoxerweise führt dieser spezielle Thrombozytenmangel in diesem Fall aber zu Blutgerinnseln, weil sich die wenigen übrigen Blutplättchen verklumpen und entsprechende Pfropfen bilden, die dann die Venen verstopfen. In drei der sechs Fällen in den USA ist zusätzlich eine Thrombozytopenie, also ein Mangel an Blutplättchen, gemeldet worden.

Frage: Könnten die Vorfälle bei Johnson & Johnson eine ähnliche Ursache haben wie die bei Vaxzevria?

Antwort: Das ist noch Spekulation, und die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat sich bis jetzt zu möglichen Ähnlichkeiten entsprechend vorsichtig geäußert. Es spricht aber viel dafür, dass es tatsächlich Zusammenhänge gibt, da sowohl der Impfstoff von Johnson & Johnson (beziehungsweise von Janssen, der eigentlich produzierenden Subfirma) wie auch der von Astra Zeneca Vektorimpfstoffe sind. Dabei werden Schnupfenviren als Fähren verwendet, um die eigentliche Anweisung für die Immunantwort einzuschleusen. In jüngsten Forschungsarbeiten zu den Thrombozytopenien von Ende letzter Woche wird spekuliert, dass diese schweren Blutgerinnungsstörungen womöglich durch "zerbrochene" Adenoviren ausgelöst worden sein könnten. Das ist aber nur eine von mehreren Hypothesen, die aktuell geprüft werden. (Siehe Literaturangaben am Ende des Texts)

Frage: Wie geht es mit Johnson & Johnson in den USA und Europa nun weiter?

Antwort: Für Mittwochabend wurden Daten aus den USA erwartet, die genauere Aufschlüsse über die Häufigkeit der Nebenwirkungen geben sollten. Und von diesen Daten wird auch abhängen, welche Empfehlungen die US-Zulassungsbehörde und die EMA, die ihre Stellungnahme für nächste Woche ankündigte, aussprechen werden. In Österreich wird nach Vorlage der Daten vermutlich auch das Nationale Impfgremium tagen, um die weitere Vorgangsweise zu besprechen. Nach aktuellem Wissensstand sind die Zwischenfälle aber noch seltener als bei Astra Zeneca, was dafür spräche, den Impfstoff wie geplant einzusetzen.

Frage: Welche Rolle spielt das Vakzin im europäischen Kampf gegen die Pandemie?

Antwort: Auf europäischer Ebene ist der Impfstoff durchaus eine wichtige Komponente der Impfstrategie. Die EU-Kommission hat 200 Millionen Dosen bestellt, die ursprünglich erst für das zweite Halbjahr 2021 erwartet worden waren. Vor der jüngsten Impf- und Auslieferpause wollte Johnson & Johnson allerdings mehr als ein Viertel davon bereits im zweiten Quartal an die EU liefern, womit rund 55 Millionen Europäer bis Ende Juni immunisiert werden könnten. In der EU wollen aktuell immer mehr Länder vorerst nicht mehr mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson impfen. Neben Österreich setzen auch die Niederlande, Schweden, Dänemark und Italien das Vakzin vorerst aus.

Frage: Wie wichtig ist der Impfstoff von Johnson & Johnson für die Impfkampagne in Österreich?

Antwort: Weniger wichtig, als er sein könnte. Österreich hat beschlossen, von der möglichen Impfstoffmenge nur 63,7 Prozent auszuschöpfen, das sind 2,5 Millionen statt knapp vier Millionen Dosen. Im zweiten Quartal werden wir davon demnach voraussichtlich nur gut 670.000 Dosen erhalten (statt der bei 100 Prozent möglichen etwas über einer Million). Sprich: Wir lassen uns rund 330.000 mögliche Vollimmunisierungen bis Anfang Juli entgehen – vorausgesetzt, der Lieferstopp wird aufgehoben, Johnson & Johnson beliefert die EU, und die Zulassungsbehörden halten weiterhin an dem Impfstoff fest. (Klaus Taschwer, 14.4.2021)