Das Wandgemälde von George Floyd in Minnesota ist schon längst eine Art Ikone für die Black-Lives-Matter-Bewegung geworden.

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Jetzt beginnt das Warten, und wie lange es dauert, kann niemand sagen. Nachdem Anklage und Verteidigung am Montag ihre Schlussplädoyers in der Causa George Floyd gehalten haben, müssen zwölf Geschworene entscheiden, ob sie den Polizisten Derek Chauvin für schuldig befinden. Und wenn ja, in welchen Punkten. Dazu ziehen sie sich zu Beratungen in ein Hotel zurück, wo sie keinen Kontakt zur Außenwelt haben.

Gut möglich, dass die Runde schon nach wenigen Tagen, vielleicht sogar nach wenigen Stunden, zu einem Urteil gelangt. Denkbar ist aber auch, dass sie Wochen braucht, um sich zu einigen. Oder scheitert bei dem Versuch, sich auf eine gemeinsame Sicht zu verständigen. Für einen Freispruch reicht es schon, wenn nur einer der Meinung ist, dass begründete Zweifel an Chauvins Schuld bestehen.

Staatsanwalt: "Das war keine Polizeiarbeit"

Zweifel könne es angesichts eindeutiger Beweise nicht geben, argumentiert der Staatsanwalt Steve Schleicher, als er sich am letzten Verhandlungstag an die Jury wendet. Auf dem Straßenasphalt neben einem Polizeiauto liegend, habe Floyd wieder und wieder geklagt, dass er keine Luft mehr bekomme. "Der Angeklagte hat es gehört, doch er hat einfach nicht zugehört."

Neun Minuten und 29 Sekunden habe Chauvin sein Knie in Floyds Nacken gedrückt. Selbst dann noch, als der nicht mehr reden konnte, als kein Puls mehr zu fühlen, als schließlich der herbeigerufene Krankenwagen eingetroffen war. In seinem Stolz, einem "egozentrierten Stolz", habe er die Passanten ignoriert, die ihn immer verzweifelter aufforderten, endlich von Floyd abzulassen. "Er würde tun, was er wollte. So lange, wie er es wollte. Die Umstehenden würden machtlos sein. Das war keine Polizeiarbeit, das war Mord."

Traumatisierte Zeugen

Die Anklage lautet auf Mord zweiten und dritten Grades sowie auf Totschlag. Mord zweiten Grades, nach den Statuten Minnesotas ein Angriff, der mit dem nicht beabsichtigten Tod des Angegriffenen endet, kann mit bis zu 40 Jahren Gefängnis bestraft werden. Um es zu belegen, hat die Staatsanwaltschaft in den vergangenen drei Wochen 38 Zeugen aufgerufen.

Einige, auf dem Bürgersteig zum Zuschauen verurteilt, als der Polizist den 46-jährigen Afroamerikaner malträtierte, sprachen unter Tränen von Schuldgefühlen, weil sie nicht eingreifen konnten. Sie habe sie spüren können, die Todesangst George Floyds, sagte Darnella Frazier, damals noch Schülerin, die das Geschehen mit ihrer Handykamera filmte. "Es schien, als ahnte er, dass es vorbei war."

Kommandiert von Chauvin, dem Dienstältesten, zerrten vier Beamte Floyd aus dem Streifenwagen, in dem er zur nächsten Polizeistation gebracht werden sollte, nachdem er im Lebensmittelgeschäft Cup Foods mit einem gefälschten Zwanzig-Dollar-Schein für Zigaretten bezahlt und der Manager den Notruf gewählt hatte. Unter Platzangst leidend, hatte sich der Festgenommene gewehrt, als er in das Fahrzeug bugsiert werden sollte. Bis er, die Hände auf dem Rücken gefesselt, das Gesicht nach unten, auf dem Asphalt lag.

Polizist belastet Polizisten

Chauvins Verteidiger Eric Nelson erklärte, die Anklage habe die Schuld seines Mandanten nicht zweifelsfrei bewiesen. Falls nur ein einziger begründeter Zweifel bestehe, müsse das Urteil auf nicht schuldig lauten, sagte er an die Geschworenen gerichtet. In seinem Plädoyer erklärte er, es könne kein Verbrechen vorliegen, weil es sich bei Chauvins Handeln um berechtigte Gewaltanwendung im Rahmen eines "dynamischen" Polizeieinsatzes gehandelt habe. Chauvin habe angesichts des vorangegangenen Kampfes und der physischen Stärke Floyds damit rechnen müssen, dass dieser sich erneut zur Wehr setzen würde – und seine Atemnot vielleicht nur vortäusche.

Dem hatte Medaria Arradondo, der Polizeichef von Minneapolis, vor Tagen im Zeugenstand dezidiert widersprochen. In dem Moment, in dem Floyd keinen Widerstand mehr leistete, hätte Chauvin das Knie von seinem Hals nehmen müssen, betonte er. Was der Officer getan habe, entspreche weder der Ausbildung noch den ethischen Werten seines Police Departments.

Es war ein denkwürdiger Augenblick, hat es in den USA doch absoluten Seltenheitswert, dass Polizisten gegen Polizisten aussagen. Die Regel ist, was Kommentatoren – nach der Farbe der Uniformen – die blaue Mauer des Schweigens nennen.

Entscheidende Medizineraussagen

Ebenso eindeutig, wie sich Arradondo von dem Angeklagten distanzierte, kam Martin Tobin, ein angesehener Lungenarzt, zu dem Schluss, dass Floyd an Sauerstoffmangel starb. Die Bauchlage auf hartem Untergrund, die wegen der Handschellen auf dem Rücken verdrehten Arme, die Tatsache, dass drei Männer auf ihm knieten – das alles habe ihm die Luft zum Atmen genommen. Die Drogen Fentanyl und Metamphetamin, die man in seinem Kreislauf feststellte, hätten dabei keine Rolle gespielt.

Dem widersprach ein pensionierter Gerichtsmediziner, auf den sich wiederum die Verteidigung beruft. David Fowler führte den Tod Floyds auf eine Herzkrankheit zurück. Drogen seien ebenso ein Faktor gewesen wie die Abgase des Polizeiautos, die er einatmete und die womöglich eine Kohlenmonoxidvergiftung zur Folge gehabt hätten. Wem die Jury folgt, Tobin oder Fowler, dürfte der entscheidende Punkt sein. (Frank Hermann aus Washington, 19.4.2021)