Unter anderem am 27. Februar trafen Impfstoffe von Johnson & Johnson in Johannesburg ein. Aufgrund einer möglichen Emboliegefahr gib es einen vorübergehenden Impfstopp mit diesem Vakzin.

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Südafrika ist der Pechvogel der Corona-Pandemie. Mit mehr als 1,5 Millionen Infizierten und 55.000 Covid-Opfern ist es der Staat Afrikas, der mit weitem Abstand am härtesten getroffen wurde. Obwohl die Regierung die striktesten Lockdown-Bestimmungen der Welt erließ, wurde das Land auch noch von der weltweit ersten und wesentlich ansteckenderen Virusvariante heimgesucht. In Sachen Impfstoff ist Südafrika ebenfalls vom Pech verfolgt: Erst vergaß die Regierung, rechtzeitig Vakzine zu bestellen, dann bestellte sie ausgerechnet Astra Zeneca, das sich gegenüber den hiesigen Mutanten als nur eingeschränkt wirksam herausstellte.

Pretoria schwenkte deshalb auf das Produkt von Johnson & Johnson um, bis dieses wegen Emboliegefahr ins Gerede kam: Jetzt sah sich die Regierung zum vorübergehenden Stopp der Impfungen mit J&J gezwungen. Nicht einmal 300.000 Pflegekräfte sind hier bislang geimpft. Falls die Impfkampagne in diesem Tempo weitergehe, rechnete das hiesige Datenprojekt Media Hack aus, werde Südafrika erst in 16 Jahren die für eine Herdenimmunität nötige Zahl von Geimpften erreichen.

Mit seiner Verspätung ist der Südzipfel des Kontinents nicht allein. Bislang wurden lediglich 14 Millionen der 1,3 Milliarden Afrikaner geimpft, gerade einmal gut ein Prozent. In den USA ist es ein Drittel der Bevölkerung, in Großbritannien sogar die Hälfte. Weltweit bekamen inzwischen 800 Millionen Menschen den schützenden Stich in den Oberarm. 87 Prozent von ihnen leben in Staaten mit hohem und "gehobenem mittlerem" Einkommen, 0,2 Prozent in Armutsländern. Im westafrikanischen Mali wurden bis Mitte vergangener Woche 643 Personen geimpft, in Tansania nicht einmal eine.

"Vakzin-Nationalismus"

Der Grund dafür ist allseits bekannt: Die Industrienationen haben sich mit Impfstoff-Optionen eingedeckt, mit denen sie ihre Bevölkerung bis zu sechsmal behandeln könnten. In der Fachwelt wird vom "Vakzin-Nationalismus" oder von der "Impfstoff-Apartheid" gesprochen. Allerdings leiden bekanntlich auch die Industrienationen unter der Impfstoff-Knappheit, während Schwellenländer aus dem globalen Süden ihre afrikanischen Geschwister im Stich lassen. In Indien verhängte die Regierung jüngst angesichts der außer Kontrolle geratenen Pandemie ein Ausfuhrverbot über das vom dortigen Serum-Institut unter Lizenz hergestellte Astra Zeneca.

Das trifft vor allem den von der Weltgesundheitsorganisation eingerichteten Covax-Fonds, der in diesem Jahr eigentlich 600 Millionen Impfdosen in 40 afrikanische Staaten liefern sollte – vor allem das indische Astra Zeneca. Bislang hat Covax lediglich 50 Millionen Dosen an 110 Staaten verteilt. Eigentlich sollen es bis Ende dieses Jahres zwei Milliarden sein. Selbst damit würden nur 20 Prozent der Bevölkerung von Entwicklungsländern geschützt – und selbst dafür fehlen dem Fonds noch 27 Milliarden Dollar. "Covax ist nicht nur ein bloßer Wohltätigkeitsverein", kritisiert eine Gruppe britischer Wissenschafter im Universitätsdienst Conversation. "Es ist ein Feigenblatt für den Impfstoff-Nationalismus."

Appell an Joe Biden

Von den düsteren Aussichten aufgeschreckt, appellierten vergangene Woche 100 Nobelpreisträger und 75 ehemalige Staatschefs an US-Präsident Joe Biden, einen von Südafrika und Indien bei der Welthandelsorganisation eingebrachten Antrag zu unterstützen, wonach die Patentrechte für Vakzine vorübergehend ausgesetzt werden sollen.

Wäre der Vorstoß erfolgreich, könnten Länder auch ohne Einwilligung der Patentbesitzer deren Impfstoff herstellen lassen: Einen derartigen Fall lassen die WTO-Bestimmungen ausdrücklich zu. Doch der Vorstoß wird von den westlichen Industriestaaten blockiert – neben den USA auch von der EU, Großbritannien und der Schweiz. Im Fall einer Aufhebung des Patentrechts sehen sie den Anreiz der Pharmakonzerne zur Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel verringert.

Sollten die westlichen Staaten ihre Blockade wider Erwarten revidieren, wären damit aber längst nicht alle Widerstände aus dem Weg geräumt. Nur wenn das zwangslizenzierte Medikament in einem Staat auch hergestellt werden kann, macht es Sinn, das Patentrecht aufzuheben. Derzeit wird lediglich in Südafrika ein Covid-Impfstoff hergestellt, und selbst das erst seit kurzem: Aspen Pharmacare produziert in Port Elizabeth seit wenigen Wochen unter Lizenz das J&J-Vakzin.

Sputnik-Produktion in Algerien

Bald soll auch in Algerien mit der Lizenzherstellung des russischen Sputnik V begonnen werden. Ansonsten werden auf dem Kontinent lediglich noch im Senegal, in Marokko, Tunesien und Ägypten Impfstoffe hergestellt, in den meisten Fällen allerdings nur abgefüllt und verpackt.

Das African Center for Disease Control will auf dem Kontinent fünf Zentren zur Erforschung und Herstellung von Impfstoffen aufbauen: im Norden, Westen, Osten und Süden Afrikas sowie in dessen Zentrum. Wann die Einrichtungen funktionsfähig sein werden, wurde nicht mitgeteilt. Dass sie im Krieg um die Covid-19-Vakzine noch eine Rolle spielen werden, ist nicht zu erwarten. Aber diese Pandemie wird ja auch nicht die letzte gewesen sein. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 21.4.2021)