In dem Video, das er auf seinem Blog verbreitet hat, wirkte Grillo noch hysterischer, als man es von ihm gewohnt ist: Er schrie, gestikulierte, zog Grimassen, schlug immer wieder mit den Händen auf den Tisch. "Es ist doch seltsam, dass eine Person, die am Morgen vergewaltigt wurde, am Nachmittag surfen geht und erst acht Tage danach Anzeige erstattet", ereiferte sich Grillo.

Beppe Grillo in Rage: "Es ist doch seltsam, dass eine Person, die am Morgen vergewaltigt wurde, am Nachmittag surfen geht und erst acht Tage danach Anzeige erstattet."
Foto: REUTERS/Max Rossi

Sein Sohn Ciro sei unschuldig: "Es gibt ein Video, auf welchem man eine Gruppe von vier 19-jährigen 'ragazzi' (Jungs) in Unterhosen sieht, die sich vergnügen – es sind meinetwegen vier Idioten, aber keine Vergewaltiger." Der Geschlechtsverkehr mit dem angeblichen Opfer sei "einvernehmlich" erfolgt. Wenn schon, schloss der 72-jährige ehemalige TV-Komiker seinen bizarren Auftritt, solle die Justiz ihn selber, Beppe Grillo, verhaften.

Die Staatsanwälte in Sardinien sehen die fraglichen Vorkommnisse anders: Nach einem Besuch in der Nobeldisco Billionaire des früheren Formel-1-Teamchefs Flavio Briatore an der Costa Smeralda am 17. Juli 2019 hätten Ciro Grillo und seine drei Freunde zwei Studentinnen in die nahegelegene Villa des gutbetuchten Beppe Grillo "abgeschleppt", um dort weiterzufeiern.

Das schließliche Opfer, eine 19-jährige Studentin aus Mailand, sei von den jungen Männern genötigt worden, einen halben Liter Wodka zu trinken – anschließend hätten sich diese "vier- bis fünfmal" an dem Mädchen vergangen. "Sie haben die physische und psychische Unterlegenheit des Opfers ausgenutzt", betonen die Staatsanwälte und wollen in diesen Tagen die Durchführung eines Prozesses beantragen.

"Schändliches" Verhalten

Grillos Videoauftritt hat sowohl im linken als auch im rechten politischen Spektrum Abscheu und Empörung ausgelöst. "Dass Grillo seine mediale und politische Macht dazu missbraucht, seinen Sohn reinzuwaschen, ist schändlich", erklärte die frühere Regionenministerin Maria Elena Boschi von der Mittepartei Italia Viva. Mit seinem Auftritt mache er, wie Machos das leider oft täten, das Opfer zur Täterin.

Lega-Chef Matteo Salvini, der am Samstag zu einem Prozess wegen Freiheitsberaubung und Amtsmissbrauch im Zusammenhang mit einem von ihm blockierten Flüchtlingsschiffs verpflichtet wurde, wies ironisch auf Grillos opportunistische Haltung bezüglich der Unschuldsvermutung hin: "Am Samstag ist Salvini schuldig, am Montag darauf ist sein Sohn unschuldig."

Ein Desaster ist Grillos hysterischer Anfall nicht nur für ihn selber, sondern vor allem auch für die von ihm im Jahr 2009 gegründete Fünf-Sterne-Protestbewegung, die stärkste politische Kraft im italienischen Parlament und innerhalb der Regierungskoalition von Premier Mario Draghi. Seit dem Sturz der Regierung von Giuseppe Conte tobt innerhalb der Bewegung ein unversöhnlicher und bisher ungelöster Richtungsstreit zwischen dem Lager der "governisti" (also derjenigen, die sich wie Beppe Grillo für die Regierungsbeteiligung unter Mario Draghi ausgesprochen hatten) und den Vertretern der reinen Lehre, die "zurück zu den Wurzeln" – also in die Opposition – gehen wollen.

Tiefe innerparteiliche Kluft

Ex-Premier Giuseppe Conte, der von Beppe Grillo Anfang März als neuer politischer Chef der Bewegung auserkoren wurde und der den seit langem schwelenden Konflikt zwischen den "Realpolitikern" und den "Orthodoxen" mit einem neuen Programm und neuen Strukturen hätte beenden sollen, ist in dem Kreuzfeuer der beiden Lager bisher keinen Schritt vorangekommen. Und seine Aufgabe ist mit dem jüngsten Auftritt des Gründers und Gurus der "Grillini" keineswegs einfacher geworden.

Der Ex-Abgeordnete Alessandro Di Battista, Anführer und Kultfigur des orthodoxen Flügels, übte sich gegenüber Grillo zwar in Nachsicht: "Du bist Vater, ich verstehe dich. Es waren wohl zwei schwierige Jahre." Gleichzeitig fügte Di Battista an: "Ich hoffe, dass sich das alles schnellstens klären wird." Und das hörte sich schon fast wie eine Drohung mit einer Parteispaltung an.

Der Mailänder "Corriere della Sera" stellte die Frage in den Raum, welche Garantien der größte Koalitionspartner Regierungschef Draghi angesichts der internen Fehden, der ungelösten Probleme und der Aussetzer ihres Gründers und Übervaters Grillo überhaupt noch geben könne. Eine berechtigte Frage, auf die derzeit niemand eine Antwort weiß – am wenigsten Grillo selbst. (Dominik Straub aus Rom, 21.4.2021)