Nach der Urteilsverkündung gegen Derek Chauvin gingen Menschen in mehreren US-Städten auf die Straße.

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Es ist ein Sieg der Gerechtigkeit. Zwölf Geschworene in Minneapolis haben ein Urteil gefällt, wie man es mit gesundem Menschenverstand anders kaum fällen konnte. Sie haben Derek Chauvin, den Polizisten, der sein Knie so lange in den Nacken George Floyds drückte, bis der in Handschellen am Boden liegende Afroamerikaner an Sauerstoffmangel starb, in allen drei Anklagepunkten für schuldig befunden. Zu eindeutig waren die Aufnahmen einer Handykamera, die das Verbrechen dokumentierten, als dass sich der Beamte auf Notwehr berufen konnte. Die Argumente der Verteidigung haben nicht überzeugt, weil die Beweislast erdrückend war.

Und doch. Nicht wenige Amerikaner, vor allem Menschen mit dunkler Haut, hatten bis zum Schluss sogar einen Freispruch für möglich gehalten. Zu bitter waren die Erfahrungen, die Opfer brutaler Gewalt machen mussten, wenn die Hüter von Recht und Ordnung, was selten genug passierte, vor Gericht standen. Da ist Rodney King, der schwarze Taxifahrer, auf den vier Polizisten wie von Sinnen einprügelten, nachdem sie ihn nach einer wilden Verfolgungsjagd durch die Straßen von Los Angeles gestoppt hatten. 1992, ein Jahr nach der Tat, wurde das Quartett von einer mehrheitlich mit Weißen besetzten Jury für nicht schuldig befunden. Obwohl es auch damals einen Augenzeugen gab, der die Gewaltorgie filmte, mit einer Videokamera, nicht mit einem Smartphone.

Blaue Mauer des Schweigens

Da ist Michael Brown, der schwarze Teenager, der in Ferguson von einem Uniformierten erschossen wurde. Unbewaffnet. Eine im Geheimen tagende Grand Jury, eine vorgerichtliche Instanz, entschied, keine Anklage zu erheben. Da ist Eric Garner, der schwarze New Yorker, der bei einer Festnahme im Würgegriff eines Beamten starb. Erneut wartete die Öffentlichkeit vergeblich auf eine Anklage.

Was all diese Fälle verbindet, ist die Prämisse, nach der Polizisten im Zweifelsfall immer recht haben. Entscheidungen sind in Sekundenschnelle zu treffen, die Kriminalität ist hoch, der Job gefährlich, zumal in einem Land, dessen Verfassung privaten Waffenbesitz garantiert: Dass den Kräften von Law and Order von einer Mehrheit der Amerikaner viel Verständnis entgegengebracht wurde, wussten die schwarzen Schafe der Truppe auszunutzen, wenn sie sich exzessiver Gewalt schuldig machten. In aller Regel wurden sie dabei von ihren Vorgesetzten wie auch von ihrer Gewerkschaft gedeckt. Die Metapher von der blauen Mauer des Schweigens, sie hatte – und hat – ihren Grund.

Uralte Ressentiments

In Minneapolis ist die Mauer zerbröselt, auch das bedeutet womöglich eine Zäsur. Jede Polizistin, jeder Polizist, die beziehungsweise der dort als Zeuge geladen war, sagte gegen den Angeklagten aus. Der Versuch der Verteidigung, Chauvin als kühl abwägenden Officer zu porträtieren, der im Einklang mit den Vorschriften handelte, scheiterte nicht zuletzt an der kompromisslosen Klarheit, mit der der Polizeichef von Minneapolis solche Argumente zerpflückte. In einem anderen Punkt griff Chauvins Anwalt tief in die Kiste der Stereotypen: Dass sein Mandant das Knie länger als neun Minuten in Floyds Nacken presste, begründete er mit der enormen Stärke des Festgenommenen. Chauvin habe damit rechnen müssen, dass sich der Hüne Floyd nach einer Schwächephase mit Erfolg zur Wehr setzen würde gegen die Beamten, die ihn zu bändigen versuchten. Ein bereits Gefesselter potenziell siegreich im Duell gegen vier in Kampftechniken geschulte Polizisten: Das Märchen, das der Jurist Eric Nelson im Gerichtssaal auftischte, wurzelt in uralten Ressentiments. Es handelt vom schwarzen Mann, der über scheinbar übermenschliche Kräfte verfügt. Nach dem Tod Michael Browns, eines hochgewachsenen, muskulösen Achtzehnjährigen, ist es schon einmal erzählt worden. Immer wieder dasselbe Klischee.

Dass die Geschworenen nichts von alledem gelten ließen, spricht für ein gesundes Urteilsvermögen. Vielleicht spricht es sogar – man sollte da vorsichtig sein – von gesellschaftlichem Wandel. Wenigstens ansatzweise. Der Schuldspruch erspart den USA eine Welle von Protesten, die ganz sicher durch das Land gerollt wäre, hätte der Prozess einmal mehr den Eindruck erweckt, als wären Polizisten so gut wie unantastbar. Ob er tatsächlich eine Wende markiert, bleibt abzuwarten. (Frank Herrmann, 21.4.2021)