Eine geplante Reality-Show von Netflix lässt in Australien momentan die Wellen hochgehen. Geht es nach dem Streaming-Dienst, wird "Byron Baes" ein "Liebesbrief an Byron Bay". Doch im weltbekannten Badeort regt sich dagegen zunehmend Widerstand. Denn die Hauptrolle in der Show sollen Instagramer spielen, wie es heißt. Und das geht einigen gegen den Strich.

Einwohner von Byron Bay stellen sich gegen die Pläne von Netflix.
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So hat eine Online-Petition zum Boykott der Serie, angestrengt von der Einheimischen Tess Hall, mehr als 8.500 Unterschriften erhalten. Dutzende Einheimische protestierten, indem sie am Dienstag auf Surfbrettern aus der Byron Bay hinauspaddelten. "Wir sind eine Gemeinde, die durch die Influencer-Kultur und die sich schnell verändernde Demografie der Einwohner vor große Herausforderungen gestellt wird. Wir wollen nicht als perfekte Kulisse und Magnet für Social Media Influencer herhalten", begründet Hall ihre Ablehnung der geplanten Reality-Show.

Falsche Bilder

Anstatt die Region als Kulisse zur Verfügung zu stellen, sollten sich die Behörden darauf konzentrieren, systemische Probleme wie die Erschwinglichkeit von Wohnraum, die Küstenerosion, die steigende Arbeitslosigkeit und das hohe Maß an häuslicher Gewalt anzugehen, sagt sie. "Wir wollen uns nicht mit den Folgen einer Präsentation auf einer globalen Bühne auseinandersetzen, die unserer Umwelt und Gemeinschaft nur schaden kann", sagt Hall. Von Netflix kam laut der Nachrichtenagentur Reuters noch keine Reaktion.

Protest auf dem Wasser
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Simon Richardson, Bürgermeister des Byron Shire Councils, zu dem auch Byron Bay gehört, schloss sich den Bedenken vieler Anwohner an. Man wolle nicht als Handlungsort für eine "Doku-Soap-Reality-Show" herhalten, sagte er zu ABC News. Die Stadt im Bundesstaat New South Wales habe bereits 2,5 Millionen Besucher pro Jahr und will "keine Intensivierung und Aufheizung der Tourismuswirtschaft, besonders nicht für diejenigen, die durch eine falsche Darstellung von dem, was wir sind, angezogen werden könnten", fügte Richardson hinzu.

In Verruf

Weltweit wächst das Bewusstsein für und der Widerstand gegen die negativen Auswirkungen des Tourismus, einschließlich Umweltschäden und der Zerstörung von alteingesessenen Gemeinschaften. Ein Problem, das durch Influencer – oft mit einer großen Fangemeinde in den sozialen Medien – verstärkt wird. Sie werben gegen Bezahlung für Produkte, Dienstleistungen und Reiseziele und sind zunehmend als "Marketingvehikel" gefragt. Gefälschte Posts oder nicht als solche kenntlich gemachte Werbung brachten manche allerdings in Verruf.

Der russische Influencer Sergei Kosenko musste Ende Jänner Bali verlassen. Er schmiss eine Party mit 50 Gästen und verstieß damit gegen die Corona-Regeln.
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Es gab auch Probleme mit Visa für so genannte digitale Nomaden – Menschen, die Reisen und Arbeit miteinander verbinden und sich an jedem Ort mit einer Internetverbindung niederlassen können. In diesem Jahr wurde die Amerikanerin Kristen Gray, eine selbsternannte digitale Nomadin, von der Insel Bali abgeschoben. Ihre Tweets riefen in Indonesien Missfallen hervor. Auf der Insel lebend, machte sie genau das, was man als gute Promo für Bali bezeichnen könnte: Sie ließ auf Instagram und via Twitter Menschen in der Ferne an ihrem schönen Leben teilhaben. Sie sei aber nicht erst im Herbst 2020, sondern bereits im Jänner 2020 mit ihrer Lebensgefährtin auf die Insel gezogen, hieß es.

Digitale Nomaden

Ihr Leben sei nun viel entspannter und sogar billiger, ließ sie ihre Follower wissen. In Los Angeles habe sie 1.300 Dollar für eine kleine Wohnung bezahlt, auf Bali bekomme sie ein ganzes Holzhaus für nur 400 Dollar. Weiters teilte sie in einer Serie von mittlerweile gelöschten Tweets mit, dass Bali ein Ort sei, an dem farbige und homosexuelle Menschen überaus willkommen seien. Das Fazit: "Come to Bali!", empfahl sie Lesern ihres gleichlautenden, kostenpflichtigen E-Books, in dem sie Tipps zum Übersiedeln gab.

Einige Influencer will Bali loswerden, aber noch im Herbst 2020 wurden 4.400 eingeladen, um bunte Bilder von einer heilen Urlaubswelt in die Welt der Pandemie hinauszuposten.
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Gray und ihre Partnerin waren daraufhin aus Indonesien zurück in die USA abgeschoben worden, wie unter anderem die "New York Times" berichtete. Die Behörden warfen den Amerikanerinnen vor, gegen Indonesiens Visaregeln verstoßen und trotz Arbeit keine Steuern bezahlt zu haben. Zudem habe das Paar Informationen verbreitet, die die Öffentlichkeit verunsichern könnten. Die Behörden spielten damit auf die Aussagen der Amerikanerinnen an, dass Ausländer auch während der Pandemie einfach einreisen könnten. Gray hätte zudem laut Medienberichten Tipps gegeben, wie man die Einreisebeschränkungen umgehen könne.

Erhebliche Ressentiments

Während solche Nomaden die Nachfrage nach einem bestimmten Urlaubsziel anheizen können, sei der Nutzen für die Allgemeinheit allerdings begrenzt, da sie in der Regel nicht in das Steuersystem fallen, sagt Stuart McDonald, Mitbegründer der Reise-Website Travelfish. "Die Kombination aus der öffentlichen Wahrnehmung, dass die meisten illegal arbeiten und deutlich mehr verdienen als die einheimische Bevölkerung, während sie gleichzeitig gleichgültig gegenüber dem sind, was die Einheimischen als angemessenes Verhalten betrachten, hat verständlicherweise zu erheblichen Ressentiments geführt", meint er.

In Byron Bay wurden die Einwohner, einschließlich der indigenen Gemeinschaft, nicht zu der Serie befragt, so Hall gegenüber der Thomson Reuters Foundation. "Der Tourismus ist entscheidend für diese Stadt. Wir wollen, dass die Leute uns besuchen, aber auf eine Art und Weise, die nachhaltig für die Umwelt ist und die die Gemeinschaft respektiert." (Reuters, red, 22.4.2021)