Sarah Voss schwebt über dem Schwebebalken. Mit ihrem Turnanzug will sie ein "Vorbild für jüngere Sportlerinnen sein".

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Die Übung ist gelungen. Man könnte sogar sagen, Sarah Voss ist ein Coup geglückt. "Ich bin stolz, die Erste zu sein", sagte die 21-jährige Turnerin bei der Europameisterschaft in Basel. Die Erste in einem Ganzkörperanzug, die Erste, die sich freiwillig gegen den Kleider-Usus im Turnsport stellt. Der rot-schwarze Anzug ist mit Glitzerelementen versetzt, an den Armen endet er zwischen Ellbogen und Handgelenk, die Beine bedeckt er bis kurz vor den Knöcheln.

Der Code de Pointage, also der Dresscode im Regelwerk, lässt den Anzug zu. Dort heißt es: "Die Turnerin hat einen sportlich-korrekten, undurchsichtigen Turn- oder Gymnastikanzug zu tragen, der ein elegantes Design aufweisen muss." Ganz neu ist das Outfit auf der internationalen Turnbühne nicht, Ganzkörperanzüge wurden bislang aber nahezu ausschließlich aus religiösen Gründen getragen. Für Voss ist der Anzug kein Modegag, die Aufmerksamkeit sei dazu da, auf ein Problem im Turnsport hinzuweisen: "Als Teil der deutschen Nationalmannschaft sind wir für viele jüngere Sportlerinnen auch ein Vorbild und möchten ihnen eine Möglichkeit aufzeigen, wie sie sich auch in einer anderen Bekleidungsform ästhetisch präsentieren können, ohne sich unwohl zu fühlen", sagte Voss.

Körper im Zentrum

Wie in fast keiner anderen Sportart steht der Körper beim Turnen im Zentrum. Und wird dabei aus jahrzehntelanger Tradition zur Schau gestellt. Das Outfit der Turnerinnen ist traditionell ein Badeanzug mit längeren Ärmeln. Aber bitte im "eleganten Design". Zum Super-GAU im Turnsport kam es 2016, als bekannt wurde, dass der Arzt des US-Turnteams Larry Nassar hunderte Athletinnen über Jahre hinweg sexuell missbraucht hatte. Der Skandal hatte auch zur Folge, dass junge Athletinnen immer öfter auf ein ungutes Gefühl in ihrer eher knappen Bekleidung hingewiesen haben.

Caroline Weber: "Die größte Angst war oft, dass etwas verrutscht."
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"Es gab immer wieder unangenehme Momente. Die größte Angst war oft, dass etwas verrutscht", erinnert sich Caroline Weber (34) im Gespräch mit dem STANDARD. Die Vorarlbergerin ist die erfolgreichste Gymnastin in der Geschichte des Turnverbands, zwei Mal nahm sie an Olympischen Spielen teil, zwei Mal war sie im EM-Finale. Auch bei der Rhythmischen Sportgymnastik sind die Anzüge vorwiegend kurz, wobei lange Trikots öfter vorkommen. Die kurzen Anzüge seien laut Weber besonders in der Pubertät, wenn sich das Körpergefühl ändert, "belastend".

Bewusstsein schärfen

Heute ist Weber auch bei dem Verein 100 Prozent Sport, Zentrum für Genderkompetenz im Sport tätig, der sich um Geschlechtergerechtigkeit im Sport kümmert. Die Sexualisierung von Athletinnen ist dort ein immer wiederkehrendes Thema. Geschäftsführerin Claudia Koller berichtet von einer Herausforderung: "Wir wollen das Bewusstsein gegen die Sexualisierung von Frauen im Sport schärfen." Eine Herausforderung auf mehreren Ebenen.

Auf Verbands- und Funktionärsebene sind Frauen weiterhin eine Ausnahme, Traditionen und Strukturen haben sich über Jahre festgesetzt, und in sozialen Medien geht der Trend der Selbstdarstellung vor allem über den Körper. Sport sei aber nicht dazu da, "sexuelle Fantasien zu befriedigen", sagt Koller.

Ist das Konzept "Sex sells" also überholt? "Schön wäre es", sagt Koller. Das Ziel sei vor allem die Selbstbestimmung: "Frauen sollen selbst entscheiden können, wie sie dargestellt werden. Und der Fokus soll auf der Leistung liegen." Im Beachvolleyball zum Beispiel sprachen sich die meisten Athletinnen für den Bikini aus: "Es ist Teil des Jobs", sagte eine deutsche Spielerin.

Das Aufbegehren der deutschen Turnerinnen – nach Voss kündigten auch zwei Kolleginnen an, im Ganzkörperanzug zu turnen – ist auch dahingehend bemerkenswert, dass es für Aktive schwierig ist, ein System zu kritisieren, dessen Teil sie sind. Der Druck von Verantwortlichen und Sponsoren sei groß, weiß auch Koller zu berichten: "Es ist für uns schwierig, Aktive zu finden, die Stellung beziehen." (Andreas Hagenauer, 23.4.2021)