Die Globalisierung könnte grüner werden.

Foto: CNES / Airbus DS via Reuters

Es war ein bemerkenswertes Comeback. Eine Zeitlang sah es tatsächlich so aus, als würde die Pandemie die Globalisierung nachhaltig beschädigen. Zumindest im vergangenen Frühjahr, als quasi über Nacht Staaten weltweit ihre Grenzen dichtmachten. Das führte zu kilometerlangen Lkw-Staus am Ärmelkanal oder an den deutsch-österreichischen Grenzen.

Zehntausende Menschen waren gestrandet. So riegelte Ungarn seine Grenzen ab, Saisonarbeiter konnten nicht mehr in ihre Heimatländer reisen. Corona sorgte für Produktionsausfälle in China, weshalb Containerschiffe mit Ersatzteilen nicht mehr in Richtung Europa und USA ablegen konnten.

Zugleich begann ein Wettrennen um Schutzausrüstung. Weil Masken nicht zu bekommen waren, wurde der Ruf laut, dass künftig heikle Güter im Inland produziert werden müssten.

Ein Jahr später sieht es so aus, als wäre dieser Sturm vorübergezogen. Der Einbruch des internationalen Handels mit Maschinen, Kühlschränken und anderen Gütern war geringer als befürchtet. Denn die Grenzen wurden rasch wieder geöffnet, die Werke in Asien nahmen die Produktion wieder auf.

Laut Welthandelsorganisation (WTO) ging der Warenhandel 2020 im Volumen um nur fünf Prozent zurück. Und die Erholung ist kräftig. Heuer dürfte der Handel um acht Prozent zulegen. Damit wäre das Vorkrisenniveau wieder erreicht. Über eine Regionalisierung der Produktion wird zwar immer noch gesprochen, besonders in der Landwirtschaft. Doch Fälle wie jener der Hygiene Austria zeigen die Grenzen solcher Vorschläge für Massenprodukte auf.

Nur eine Delle

Bei Dienstleistungen schaut es anders aus. Ins Gewicht fällt hier, dass der Tourismus massiv zurückgegangen ist.

Doch die Chancen für ein Comeback sind gut. Das liegt daran, dass Menschen gern verreisen und sich das global immer mehr leisten können. Dass Wachstum in der Tourismusindustrie in der Vergangenheit war so rasant, dass selbst der Rückgang um 72 Prozent im vergangenen Jahr den internationalen Reiseverkehr nur auf den Level von 1990 zurückgeworfen hat.

Die UN-Organisation für Tourismus hat ein Expertenpanel befragt, wann in der Branche das Vorkrisenniveau wieder erreicht ist: Die Hälfte der Experten tippt auf 2023.

Natürlich gibt es Risiken bei solchen Prognosen. Eine Pleitewelle könnte Hotels in beliebten Destinationen wie Frankreich, Spanien und Österreich erfassen. Aber selbst wenn das so kommt, stehen via Airbnb und andere digitale Plattformen Anbieter bereit, um ein Vakuum bei den Angeboten zu füllen.

Einen Rückgang gab es schließlich bei der Arbeitsmigration: Die Zahl der ausgestellten Visa in Industrieländern brach um fast 50 Prozent ein. Hier könnte der Knick auch etwas länger bleiben, sagt Thomas Liebig, Migrationsexperte von der Industriestaatenorganisation OECD. Doch die innereuropäische Migration war trotz Pandemie stabil. Und wenn der Aufschwung voll da ist, sollten auch wieder mehr ausländische Arbeitskräfte kommen.

Die Chancen stehen damit jedenfalls gut, dass für die Globalisierung, also für den freien Waren-, Kapital- und Personenverkehr, die Pandemie bloß eine Delle war. Das liegt auch daran, dass "wir eine Krise erlebt haben, die nicht aus dem Wirtschaftssystem kam, sondern dort hineingetragen wurde", sagt Globalisierungsforscher Harald Oberhofer, der an der WU-Wien und vom Wifo-Institut forscht.

Die Globalisierung steht dennoch vor dem größten Umbruch seit Generationen. Das hat aber nichts mit der Pandemie zu tun, sondern mit der Klimakrise. Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens haben 195 Länder vertraglich vereinbart, die Erderwärmung unter zwei Grad zu begrenzen und dieses Versprechen mit konkreten Zielsetzungen zu erreichen. Die Aktivitäten haben sich zuletzt merklich beschleunigt.

Der Wandel von innen

Vertreterinnen der EU-Staaten und des EU-Parlaments hatten sich vergangenen Mittwoch auf eine Verschärfung des Klimaziels geeinigt. Bis 2030 sollen die Treibhausgase der EU um 55 Prozent unter den Wert von 1990 sinken.

Am Tag darauf hat US-Präsident Joe Biden für die USA zugesagt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um bis zu 52 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Hier geht es nicht mehr um abstrakte Ziele in weit entfernter Zukunft.

Der EU ist es zwar schon gelungen, Emissionen zu reduzieren. Aber um die eigene Zusage zu erreichen, müsste die Union ihren CO2-Ausstoß in neun Jahren um ein Viertel senken. "Damit wäre ein Totalumbau der Wirtschaft eingeleitet", sagt Klimaforscher Stefan Schleicher vom Wegener-Center in Graz.

Nun kann es sein, dass hier leere Versprechungen gemacht werden. Doch viel spricht dafür, dass es ernste Bemühungen sind, zumal parallel eine ökonomische Transformation begonnen hat.

Beispiel Automobilindustrie

Das wird vielleicht nirgendwo so deutlich wie am Beispiel der europäischen Automobilindustrie. Diese hatte die E-Mobilität erst verschlafen. Aber jetzt kommen wöchentlich neue E-Modelle von VW, Škoda, Renault und BMW. 2015 wurde das erste vollelektrische Auto auf den Markt gebracht.

Laut dem auf Klimafragen spezialisierten Unternehmen Systemiq wird es bis 2022 gut 500 Modelle am Markt geben. Je stärker die Ausbreitung der E-Autos, umso günstiger werden sie in der Produktion. Bald könnten Verbrenner bei Neuwagen komplett verschwinden, so Systemiq. Mit Klimaschutz lässt sich gut verdienen. Das verschiebt Prioritäten.

Der Umstieg auf E-Mobilität wird nicht reichen, ohne Dekarbonisierung der Stromerzeugung vielleicht wenig bringen. Doch auch da tut sich etwas. China, global für ein Viertel des CO2-Ausstoßes verantwortlich, hat zugesagt, bis 2060 netto keine Emissionen mehr zu verursachen.

Ohne einen Umbau der Energieversorgung, die vor allem auf Kohle basiert, wird das nicht gehen. "Photovoltaikanlagen schlagen inzwischen in puncto Kosten jeden anderen Energieträger", sagt der Klimaexperte Schleicher. Es mache ökonomisch immer wenige Sinn, die Dreckschleudern zu bauen oder zu erhalten. Bei Energie wie Verkehr tut sich also etwas.

Dekarbonisierung

Parallel liegt bei vielen Corona -Aufbauprogrammen der Schwerpunkt auf Klimaschutz, besonders in der EU. Hier wird viel Geld mobilisiert. Und auch die Industrie investiert. Die Stahlindustrie experimentiert energisch, um in der Produktion den eingesetzten Kohlenstoff mit Wasserstoff zu ersetzen.

Die Klimaexperten von Systemiq haben analysiert, in welchen Wirtschaftssektoren, von Verkehr über Energie bis hin zur Landwirtschaft, es heute dekarbonisierte Alternativen zu klassischen Produktionsverfahren gibt, die preislich konkurrenzfähig sind. Aktuell finden sie das in 25 Prozent der Sektoren. Bis 2030 soll sich der Anteil verdreifachen.

Das ist für das Klima eine gute Nachricht und auch für die Jobs: Neue Lieferketten und Industrien werden entstehen. Parallel müsste der Staat diesen Wandel aktiv begleiten: über neue Steuern für CO2. Und er müsste neue Technologien und Infrastrukturen fördern und sich an ihnen beteiligen. Schließlich wird der Staat gebraucht, um die Transformationsschmerzen abzufedern.

Ein grüneres Wirtschaftssystem gepaart mit neuen Handelsrouten und einer anderen Rolle des Staates. Nicht weniger, sondern eine ganz andere Globalisierung wäre die Folge. Es wäre nicht die schlechteste Zukunft. (András Szigetvari, 26.4.2021)