Die Pandemie hat Schwachstellen im Bildungsbereich nicht erzeugt, sagt der Erziehungs- und Bildungswissenschafter Hans Karl Peterlini im Gastkommentar, sondern sichtbar gemacht. Eine Polemik gegen den Corona-Pessimismus im Bildungsdiskurs.

Lerngruppen bilden, Fächer zusammenlegen, die Natur erkunden, das wäre mit und ohne Corona möglich.
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Die Rede vom verlorenen Jahr, von der verlorenen Generation bestimmt derzeit die Analysen, wie sich die Pandemie wohl auf die Bildung auswirken wird. Es sind auch ernstzunehmende Stimmen darunter, so die Sorge des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef), allerdings weniger auf Bildungslücken bezogen denn auf mangelnde gesundheitliche Maßnahmen im globalen Süden, wo Kinder ohnehin ein schwereres Aufwachsen und Durchkommen haben als in der reicheren Hälfte der Welt.

Wenn hierzulande Corona-Schäden von der Volksschule bis zur Universität befürchtet werden, dann wiegt ein Aspekt tatsächlich schwer: Die Bildungsschere aufgrund sozialer Herkunft dürfte noch weiter auseinanderklaffen. Homeschooling und digitaler Unterricht haben den Einfluss des familiären Status noch einmal erhöht. Die Verlagerung der Lernbegleitung in den privaten Haushalt benachteiligt jene, deren Eltern weniger dazu in der Lage sind, aufgrund mangelnder Bildungserfahrungen, sprachlicher Hürden, der zeitlichen Unmöglichkeit oder schlicht der ökonomischen Knappheit, die keine Nachhilfestunden erlaubt. Allein die Ausstattung mit den digitalen Werkzeugen fürs Homeschooling schafft neue feine Unterschiede.

Auf den Kopf stellen

Das Virus hat diese Unterschiede nicht erzeugt, sondern durch Scharfstellung sichtbar gemacht. Sie waren immer schon da, wurden mehr oder weniger zur Kenntnis genommen, ohne dass tatsächliche Gegensteuerung erfolgt ist. Schule ist seit ihrer Gründung auf das idealtypische Kind der bürgerlichen Bildungselite ausgerichtet, sichert deren Privilegien und begrenzt die Konkurrenz auf eine – leicht wachsende – Minderheit, die durch Anstrengung und Fleiß gegen jede Benachteiligung den Aufstieg schafft.

Von Corona etwas zu lernen würde bedeuten, die Schule auf den Kopf zu stellen – von der Vermittlungsinstanz des bildungsbürgerlichen Wissenskanons hin zu einer Schule des erfahrenden und explorierenden Lernens, bei dem immer alle von null anfangen müssen, weil es die Welt zu entdecken gilt, bei dem immer aber alle auch schon Wissende sind, weil sie gleichberechtigte Kinder dieser (einen) Welt sind.

Starre Routine

Das klingt nach Utopie, ist aber möglich: weniger Stoff, dafür Vertiefung, die es den Lernenden erlaubt, sich mit dem Gegenstand in Beziehung zu setzen, Erfahrungen zu machen und diese auf die eigene Lebenswirklichkeit zu beziehen. Ein solches Lernen, bei dem auch die Lehrenden Lernende sind, für das die Methoden und Inhalte partizipativ ausgewählt werden, wäre mit und ohne Corona möglich. Schule müsste dafür ihrem Lehr- und Lernpersonal nur die Erlaubnis erteilen, ins Freie zu gehen, Fächer zusammenzulegen, Jahrgänge zu mischen, kleine Lerngruppen zu bilden, die mit einer Anleitung und Mund-Nasen-Schutz ihre Stadtviertel erkunden oder das naheliegende Biotop. Wenn ein Bildungsjahr verlorengegangen sein sollte, dann nicht durch das Virus, sondern durch die Fantasielosigkeit der schulischen Routine, nach der Unterricht entweder traditionell in der Klasse mit Arbeitsblättern und sonstigem Krimskrams stattfindet oder eben digital nach demselben Strickmuster. Die Ausnahmen gibt es.

"Wir haben ein gutes halbes Jahrhundert der Bestechlichkeit hinter uns, von dem die politischen Skandale nur die Spitze des Eisbergs sind."

Vielleicht ist das verlorene Jahr sogar ein gewonnenes Jahr. Kinder und Jugendliche haben in diesem Jahr weniger aus Schulbüchern, Arbeitsblättern, Gruppenarbeiten in der Klasse – oder am Bildschirm – gelernt, als es die Lernpläne vorsehen. Lernen ist aber viel mehr als das Büffeln für die nächste Prüfung und das anschließende Vergessen. Lernen ist Auseinandersetzung mit der Welt, mit der Wirklichkeit. Die sogenannte Corona-Generation wurde mit der Unbestechlichkeit eines Virus konfrontiert, das Opfer abverlangt, liebe Menschen ins Grab bringt, Eltern arbeitslos macht, die Familie existenziell bedroht.

Wir haben ein gutes halbes Jahrhundert der Bestechlichkeit hinter uns, von dem die politischen Skandale nur die Spitze des Eisbergs sind. Darunter verbirgt sich ein viel breiteres gesellschaftliches Phänomen – das einer Bestechlichkeit im Sinne der Annahme kleiner Annehmlichkeiten zwecks Ausblendung der Wirklichkeit.

Blindflug ins Verderben

Die Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich aus der Verstrickung in Not, Schuld und Scham in jenes Wirtschaftswunder hineingerettet, das nicht nur die Vergangenheit zu verdrängen half. Es überspielte auch neue Schuld durch eine Lebensweise, die koloniale Ausbeutung fortführt und zerstörerisch ist gegenüber Natur und Umwelt. Wir haben uns jahrzehntelang darüber hinweggeschwindelt, korrumpieren lassen vom Zuwachs an Bequemlichkeiten und Besserstellungen, die für andere Not, Tod und Schlechterstellung bedeuteten und den Planeten bedrohen.

Die Bildung, die in all dieser Zeit reich gegeben war, hat nichts, aber auch gar nichts an diesem Blindflug ins Verderben geändert, trotz bemühter Curricula und vielfach engagierter Lehrkräfte. Sie konnte nichts ändern, weil Bildung missverstanden wurde als Lernen über die Welt, nicht an, in und mit der Welt, über die anderen, nicht mit den anderen. Die Wirklichkeit, die sich dann und wann durch Klimawarnungen oder Flucht vor Krieg und Armut auch hierzulande meldete, wurde bestochen durch eine Shopping- und Freizeitkultur, die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer Kulturindustrie nannten, durch das Dichtmachen der Grenzen gegen die Boten des Verdrängten. Irgendwie haben wir uns immer um die Wirklichkeit herumgemogelt, Hauptsache, es ging uns gut.

Neues Curriculum

Das Virus könnte jetzt ein neues Curriculum schreiben. Es erlaubt das Herummogeln nicht, es bestraft jede Nachlässigkeit und wird uns samt Impfungen und Testungen als neuen Bestechungsversuchen nicht so leicht in die alten Gewohnheiten zurückfallen lassen. Wenn die angeblich verlorene Generation von diesem Jahr lernt, dass wir nicht gesund bleiben können in einer kranken Welt (Papst Franziskus), dann würde das viele Unterrichtsstunden aufwiegen. Dann wäre das verlorene Bildungsjahr ein gewonnenes Jahr an Lebens- und Überlebenswissen. (Hans Karl Peterlini, 25.4.2021)