Partnervermittlerin Christa Appelt: "Romantik und Kitsch können nahe beieinanderliegen."

Foto: Getty Images

Es läutet bei Christa Appelt. Nachdem sie den Facetime-Anruf annimmt, taucht sie vor einem Bücherregal in ihrem Haus bei Berlin auf. Christa Appelt, die seit 30 Jahren im Geschäft ist, zeigt sich energisch gut gelaunt, auch wenn immer wieder mal ein anderes Telefon läutet. Wahrscheinlich Kundschaft auf der Suche nach der großen Liebe. Appelt drückt die Anrufe weg. Es werden viele während des Gesprächs.

STANDARD: Frau Appelt, die Pandemie macht es nicht gerade einfacher, die große Liebe zu finden.

Appelt: Jein, entgegen unseren früheren Ratschlägen, bei denen wir Kunden geraten haben, nicht zu lange mit neuen Bekanntschaften zu telefonieren und eher auf ein Treffen hinzuwirken, geht es jetzt in der Anfangsphase vermehrt um telefonische Kontakte. Es wird also einfach viel mehr telefoniert und gechattet, bevor ein Treffen zustande kommt.

STANDARD: Aber irgendwann will man sein Gegenüber doch auch kennenlernen, oder?

Appelt: Natürlich, und diesbezüglich entstehen sehr kreative Lösungen. Die Leute gehen zum Picknick oder spazieren durch die Stadt, haben eine Thermoskanne mit Tee dabei etc. Und wenn es funkt, laden sie sich dann auch zu sich ein.

STANDARD: Wer ist denn Ihre älteste Kundschaft?

Appelt: Das ist eine Dame, die am Bodensee lebt. Sie ist 87 und wurde schon einmal über unsere Agentur verheiratet. Ihr Mann ist verstorben. Nun sucht sie eine neue männliche Energie an ihrer Seite.

STANDARD: Wie schnell landete denn das "flotteste" Paar aus Ihrem Pool vor dem Altar?

Appelt: Das war eine Hochzeit nach drei Wochen. Das Lustige daran war, dass es sich bei dem Mann um den Gründer einer bekannten Singlebörse handelte. Es kann aber auch zwei Jahre dauern.

STANDARD: Sie sagen nicht, von welcher Singlebörse, gell?

Appelt: Natürlich nicht. Diskretion steht an erster Stelle.

STANDARD: Nehmen wir an, ich möchte mich bei Ihnen auf Partnersuche begeben. Was muss ich denn dafür bezahlen?

Appelt: Das hängt von Vorstellungen und Ansprüchen ab. Auch davon, wie lange Sie dabeibleiben wollen, ob Sie in der Öffentlichkeit stehen etc. Es gibt bei uns ein Silber-, Gold- und Platinpaket. Das Silberpaket ist für Menschen um die 30 und kostet zwischen 3.500 und 6.000 Euro. Das Goldpaket liegt bei 10.000 Euro. Platin kostet 20.000 Euro und mehr.

STANDARD: Wer kauft das Platinpaket?

Appelt: Ach, ich habe gerade einen anspruchsvollen, hochkarätigen Österreicher aufgenommen, der in der Öffentlichkeit sehr bekannt ist. Dieser Herr genießt durch sein Paket auch das Recht einer Vorauswahl.

STANDARD: Geben Sie uns doch einen kleinen Tipp, wer der Mann sein könnte ...

Appelt: Hahaaaaa …

STANDARD: Na gut, zu etwas anderem: Was sind die Voraussetzungen für den Job als Partnervermittlerin? Ein Kuppler-Gen?

Appelt: Zuerst einmal muss man Menschen lieben. Sie können nicht hergehen und sagen "Oje, ist der hässlich" oder "Um Gottes willen, was will der denn?". Ich schaue den Leuten in die Augen und konzentriere mich auf das Positive. Das ist eine Gabe. Hinzu kommt die Empathie.

STANDARD: Haben Sie sich denn selbst schon einmal in jemanden verliebt? Ich meine aus Ihrer Kartei?

Appelt: Klar gibt es sehr sympathische Klienten, aber ich war lange verheiratet, bin mittlerweile geschieden und lebe wieder in einer neuen, unkomplizierten Partnerschaft.

STANDARD: Aber die haben Sie nicht aus Ihrem Pool gefischt?

Appelt: Nein, wir haben uns bei gemeinsamen Freunden kennengelernt.

STANDARD: Was macht eine gute Partner-Anzeige aus? Auf Ihrer Website fand ich das Folgende: "Am wunderschönen Chiemsee ... eine überaus charmante Witwe, Mitte 50/163, die niemals zu haben wäre, wenn es das Schicksal nicht so gewollte hätte …" Das klingt wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Buch.

Appelt: Ich denke, ein Hauch dieses Pilcher-Syndroms entspricht dem Leben. Es geht um das Schöne, Weiche, Romantische. Die romantische Liebe gehört zur Natur des Menschen, was sogar Evolutionsbiologen bestätigen. Allerdings stelle ich fest, dass das Gefühl für Romantik bei vielen Menschen verlorengegangen ist. Auch Frauen sind heute sehr oft "kopfgesteuert".

STANDARD: Romantik wird aber auch oft mit Kitsch übersetzt.

Appelt: Romantik und Kitsch können nahe beieinanderliegen. Kitsch kann herrlich romantisch sein, wie ein Sonnenuntergang, Kerzenlicht etc.; Kitsch berührt und bringt Emotionen hervor. Meiner Meinung nach ist Kitsch eher auf der Seite des Weiblichen angesiedelt.

STANDARD: Wie jetzt, Kitsch ist etwas Weibliches?

Appelt: Eher schon. Viele Männer haben es verlernt oder geben es nicht zu. Sie sehen es als Schwäche an. Heute müssen viele Menschen einfach nur funktionieren – Erfolg und Leistung zählen. Leider tun sich auch Frauen mittlerweile schwerer, Romantik zuzulassen. Sie lernen ihre romantische Seite durch uns wieder neu zu entdecken.

STANDARD: Und wie funktioniert eine gute Anzeige?

Appelt: Das Gefühl – die Fantasie des Lesers muss angeregt werden, nicht der Kopf! Der Kopf steht uns oft im Weg. Es geht ums Herz. Ein Mann sucht nicht das Zackige, das Straighte, sondern immer noch das "Weib" – eine attraktive, anschmiegsame, kluge, fröhliche, eigenständige und natürliche Frau. Da sind viele alte traditionelle Werte mit im Spiel, die man versucht, uns abzugewöhnen. Aber das wird noch ein bisschen dauern.

STANDARD: Wie definieren Sie denn "das Weib"?

Appelt: Mit etwas Weichem, Liebevollem, mit "Fallenlassen", mit etwas Empfangendem, mit Vertrauen. Es geht nicht immer nur um das Emanzipierte. Und das sage ich als erfolgreiche Unternehmerin. Ich bin auch zack, zack drauf und deshalb manchmal ein bisschen zu selbstbewusst. Da muss man sich am Schlafittl nehmen. Männer suchen keine Geschäftspartnerin, sondern eine Frau.

STANDARD: Das klingt alles etwas, wie soll ich sagen, archaisch.

Appelt: Das klingt auch nach Werten. Ich erzähle gern das simple Beispiel mit dem Gurkenglas. Jede Frau kann ein Gurkenglas öffnen. Steht allerdings ihr Mann daneben und öffnet es, freut er sich. Er fühlt sich als ihr Held. Ein Mann möchte helfen – für seine Liebste dasein.

STANDARD: Ich wage den Schritt vom Gurkenglas zur MeToo-Debatte. Wie denken Sie darüber?

Appelt: Ein Mann, der seine Machtposition ausnutzt, sollte zur Rechenschaft gezogen werden, ohne dabei alle Männer unter Generalverdacht zu stellen. Das verunsichert viele Männer. Manche wissen nicht mehr, ob sie einer Frau in den Mantel helfen sollen. Das ist doch schade.

STANDARD: Bei der MeToo-Debatte geht es doch um mehr als Mäntel und Türen. Sie hat vieles aufgezeigt. Nicht?

Appelt: Selbstverständlich sollen Frauen, die sich bedrängt fühlen und sexuell belästigt werden, dies öffentlich machen. Ein Bärendienst für den Feminismus sollte die Debatte jedoch nicht sein. Der Feminismus wird nicht immer nur von glücklichen Frauen vorangetrieben und gepriesen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verurteile nichts dergleichen, aber ich bin Partnervermittlerin in einer traditionellen Agentur. Ich denke, es soll zwischen Paaren kein Geschlechterkampf entstehen. Kein Wettbewerb.

Mit neun Mitarbeiterinnen in verschiedenen Städten versucht Christa Appelt derzeit circa 2.300 Menschen fast aller Altersklassen unter die Haube oder zumindest zusammenzubringen.
Foto: Archiv Christa Appelt

STANDARD: Aber Sie sind schon für Gleichberechtigung?

Appelt: Aber natürlich. Wenn es um Achtung, Wertschätzung und Respekt geht. Es geht darum, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist, und auch in dem, was er tut. Es geht um Augenhöhe, um Ergänzung und Selbstverwirklichung für beide.

STANDARD: Was sind die größten Fehler, die Ihre Klienten auf der Suche nach einem neuen Partner machen?

Appelt: Sie möchten, dass ihr Kopfkino Realität wird. Jeder Mensch hat seinen Idealpartner im Kopf, den es im Leben meistens so nicht gibt. Wenn Kriterien vergleichbar ähnlich sind, wie z. B. Bildung, sozialer und finanzieller Background, Kultur, Lebenswerte und Lebensziele, Konfession, Weltoffenheit – dann rate ich zur Offenheit, auch wenn dann das Alter oder die Größe vom Wunschpartner abweichen.

STANDARD: Und was noch?

Appelt: Wenn wir zwei Menschen miteinander bekannt machen, dann raten wir ihnen, nicht über die Ex-Partner zu sprechen. Diese auch nicht schlechtzumachen. Möglichst wenig, am besten gar kein Alkohol beim ersten Date. Selbst wenn Sie sich fünf Stunden wunderbar unterhalten, aber ein bisschen zu viel getrunken haben, landen Sie dann eher gemeinsam in der Kiste. Gehen Sie nie beim ersten Treffen miteinander ins Bett!

STANDARD: Weil?

Appelt: Nun, es ist ein Phänomen. Die meisten von denen, eigentlich fast alle, die es taten, sind nie ein Paar geworden.

STANDARD: Warum das denn?

Appelt: Nun, auch wenn es abermals ein wenig altmodisch klingt: Ein Mann nutzt diese Situation eher aus. Er ist immer noch der Jäger. Und Frauen sollten sich dem nicht unterordnen. Das ist ja auch das Problem von Tinder und Co. Da landen viele viel zu schnell zusammen im Bett. Der Mann fühlt sich als Held – die Frau wundert sich, warum er sich nicht wieder meldet. Raten Sie mal, warum es noch nie so viele Singles wie heute gab. Es fühlt sich an wie eine Wegwerfgesellschaft. Das macht mir Sorgen.

STANDARD: Aber es gibt doch auch Jägerinnen, oder?

Appelt: Schon, natürlich. Es kommt immer darauf an, was Frau will – Sex oder Liebe?

STANDARD: Zurück zu den Dating-Plattformen wie Tinder. Die haben Sie bestimmt einiges an Geschäft gekostet …

Appelt: Das kann ich nur für die ersten Jahre – nachdem Parship und Elite starteten – bestätigen. Mittlerweile habe ich mein Team erweitern müssen. Die Zeit spielt uns in die Hände. Covid auch.

STANDARD: Warum?

Appelt: Viele, die ernsthaft suchen, möchten sich nicht blind mit irgendjemandem treffen, und viele sind der dauernden Dates, die zu nichts Ernsthaftem führen, auch müde. Wir kennen alle unsere Klienten, die Angaben in den Exposés, mit denen wir arbeiten, entsprechen der Realität. Man kann uns in keiner Weise mit Tinder vergleichen.

STANDARD: Das muss man sich aber halt schon auch leisten können.

Appelt: Stimmt, das muss man sich leisten können. Es ist aber auch eine Frage der Priorität.

STANDARD: Klischee hin oder her. Nicht selten haben ältere Männer jüngere Frauen an ihrer Seite. Kommt es auch umgekehrt vor?

Appelt: Ja, wobei es in solchen Fällen mehr Überredungskunst unsererseits benötigt. Wir sind sehr gut darin, die richtigen Partner füreinander zu begeistern. Liebe fragt nicht nach dem Alter.

STANDARD: Aber manche Männer schon.

Appelt: Wenn ein Mann mit 65 glaubt, er kann sich durch eine junge Frau seine Jugend zurückholen, nur weil er Geld hat, und hinter ihren Absichten ausschließlich wirtschaftliches Interesse steht, dann ist selten Liebe im Spiel. In dem Fall wird das zur Abhängigkeit führen. Andererseits habe ich auch schon Paare mit großem Altersunterschied zusammengeführt, und es hat funktioniert.

STANDARD: Reden wir über den Traumpartner. Gibt es denn den? Findet wirklich jeder Topf seinen Deckel und umgekehrt?

Appelt: Jeder hat mehr oder weniger seine Idealvorstellung von einem Partner im Kopf. Menschen, die sich von diesen Vorstellungen lösen und sich dem Leben öffnen, haben eine große Chance, ihrem Traum-Seelen-Partner zu begegnen. Wir raten unseren Kunden: Gehen Sie mit offenem Herzen und offenen Armen auf den anderen zu, seien Sie neugierig auf einen neuen interessanten Menschen – ein neues Universum … auch wenn er nicht ganz ins Raster passt. Die Chemie allein entscheidet. Diese Erfahrung haben wir zigfach gemacht.

STANDARD: Wie weiß man denn, dass man bei der oder dem Richtigen gelandet ist?

Appelt: In der "freien Wildbahn" verliebt man sich oft in die Optik. Die Schmetterlinge flattern im Bauch usw. Man kennt das ja. Man kommt oft erst später drauf, dass es nicht gepasst hat. Wenn es über unsere Agentur läuft, ist die Angelegenheit zunächst ein bisschen unromantischer. Man liest all die Angaben, Vorstellungen, sieht das Foto etc. Wenn dazu dann auch noch die Chemie passt, sich ein wohliges Gefühl von Geborgenheit einstellt, die Lebensziele und der Sex stimmig sind, dann könnte es für immer sein.

STANDARD: Ja, aber wann weiß man denn, dass es passt?

Appelt: Ich sage, wenn ein Paar drei bis vier Monate durchgehend zusammen ist, haben wir sie als Kunden verloren. Nach dieser Zeit wird die rosarote Brille blasser. Man sieht bestimmte Dinge, die man vorher nicht sah. Jetzt kommen die Vertrautheit, das liebevolle Miteinander, die Kommunikation und vieles mehr ins Spiel, die die Beziehung am Leben halten und tragen.

STANDARD: Glauben Sie an die ganz große Liebe? Was ist denn die ganz große Liebe?

Appelt: Keine Ahnung, Romeo und Julia vielleicht? Denken Sie an all die Filme und Songs. Jaja, und die Geschichten, bei denen die Menschen letztendlich dann doch nicht zusammenkommen, siehe Romeo und Julia. Klar gibt es die große, romantische Liebe. Die muss aber nicht immer von Dauer sein. Sie kann in Abhängigkeiten führen und ist nicht selten mit Tragik behaftet. Wahre Liebe muss wachsen. Sie entsteht aus einer Beziehung zweier Menschen, die sich bedingungslos vertrauen und sich annehmen, wie sie sind. Wahre Liebe lässt frei.

STANDARD: Erzählen Sie uns bitte ein Beispiel ...

Appelt: Also gut. Ich rufe ein Paar an, das schon zwei Jahre zusammen war, und erkundige mich, wie es den beiden so geht. Es war vor Ostern, und der Mann, ein international tätiger Unternehmer, erzählte mir, er bemale gerade Gänseeier für seine Liebste und dass er das noch nie gemacht hätte.

STANDARD: Und?

Appelt: Er sagte weiter: "Es ist wunderbar, diese Eier für meine Liebste zu bemalen, aber auch unheimlich, denn solche Gefühle kannte ich früher nicht!" Bei der Geschichte bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. (Michael Hausenblas, RONDO exklusiv, 29.4.2021)