Städte wie Singapur wollen in Zukunft vor allem in den Untergrund weiterwachsen. Pläne für den Ausbau gibt es bereits einige.

Foto: JTC, Amberg Engineering and Jurong Consultants

Vashti und ihr Sohn Kuno leben am jeweils anderen Ende der Welt – nicht auf, sondern unter der Erde. Wie für die meisten anderen Menschen ist ihr Zuhause ein unterirdischer und von anderen Menschen isolierter und standardisierter Raum, in dem alle Bedürfnisse durch eine übermächtige und global vernetzte Maschine befriedigt werden. Nur über einen Instant-Messaging-Videokonferenz-Service können sie sich mit anderen Menschen unterhalten, Ideen und Wissen austauschen.

Das Szenario ist Teil der fiktiven Geschichte "Die Maschine steht still" des britischen Autors E. M. Forster, die ein Leben im Untergrund beschreibt. Das Faszinierende: Sie ist schon im Jahr 1909 erschienen – lange bevor die Menschheit etwas von Klimawandel oder Messenger-Diensten gehört hat. Mehr als hundert Jahre später nimmt die Idee, mehr Teile des täglichen Lebens, der Arbeit, der Infrastruktur oder der Freizeitaktivitäten unter die Erde zu verlegen, wieder Fahrt auf – nicht als dystopisches Technologieszenario, sondern als Antwort auf Probleme wie das Städtewachstum, den Klimawandel und die Umweltzerstörung. Sollten wir die Ideen ernst nehmen?

Untergrundbauten essenziell

Zugegebenermaßen klingt der Vorschlag, in Zukunft mehr Zeit unter als auf der Erde zu verbringen, für viele wohl ziemlich radikal und wenig ansprechend. U-Bahn-Linien sind zwar in vielen Städten effizient und zeitsparend, so richtig lange will man sich in den Stationen aber auch nicht aufhalten. Auch die unterirdischen Einkaufsstraßen, denen man immer wieder in Bahnhöfen und Innenstädten begegnet, bestechen meist nicht durch ihre Gemütlichkeit.

Fest steht aber: Ohne die Bauten im Untergrund könnte heute kaum eine Stadt funktionieren. Dazu gehören neben den U-Bahn-Linien und Einkaufsstraßen auch Fußgängerwege, Straßen, Abwasserkanäle, Wasser- und Stromleitungen und nicht zuletzt die vielen Tiefgaragen.

Wohnhöhlen noch heute

Neu ist das alles nicht. Höhlen und Schächte werden von Menschen seit Jahrmillionen als Behausungen und zur Lagerung von Nahrung verwendet. Auch größere Untergrundstädte, Passagen oder Katakomben existieren seit Tausenden von Jahren.

In Sassi di Matera in Italien lebten bis Mitte des 20. Jahrhunderts knapp 20.000 Menschen in Wohnhöhlen, die heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Und in einigen Dörfern und Städten, wie beispielsweise der Ortschaft Coober Pedy in Südaustralien, leben auch heute noch hunderte Menschen in unterirdischen Wohnungen, um den extremen Sommertemperaturen zu entkommen.

Auch in Tunesien leben Menschen in Untergrundhäusern, die die Bewohner vor Hitze und Kälte schützen sollen.
Foto: Reuters/ZOHRA BENSEMRA

Mehr Platz auf der Erde

Geht es nach einigen Ingenieuren und Ingenieurinnen, könnte dem Untergrund künftig vor allem in Städten eine noch größere Bedeutung zukommen. Denn theoretisch könnten dort nicht nur vermehrt Infrastrukturen, Fußgängerpassagen oder Einkaufszentren Platz finden, sondern ebenso Wohnungen, Büros, Schwimmbäder oder Forschungszentren.

Für die Befürworter liegen die Vorteile auf der Hand: Würde vermehrt unterirdisch gebaut werden, würde wieder mehr Platz auf der Erde für Fußgänger, Natur, Parks und andere Flächen freiwerden. Untergrundbauten sind weniger stark äußeren Umwelteinflüssen wie Wind, Schnee, Regen, Eis oder Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Sie brauchen grundsätzlich weniger Energie als Gebäude auf der Erdoberfläche, da Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Untergrund grundsätzlich konstanter sind, wodurch die Gebäude weniger beheizt oder gekühlt werden müssen. Zudem sind unterirdische Gebäude grundsätzlich besser vor Erdbeben geschützt. Indem mehr Straßen unter die Erdoberfläche verlegt werden, sollen Städte insgesamt ruhiger werden.

Swimmingpool im Untergrund

Tatsächlich nehmen die Pläne zum Ausbau des Untergrundsystems in immer mehr Städten konkrete Gestalt an. Kürzlich stellte die finnische Hauptstadt Helsinki einen neuen Plan zum Ausbau des Untergrundsystems der Stadt vor. Schon in den vergangenen Jahren baute die Stadt die unterirdischen Flächen auf knapp zehn Millionen Quadratmeter aus. Heute gibt es unter anderem ein unterirdisches Kunstmuseum, eine Kirche, einen Swimmingpool und eine Gokart-Strecke unter der Erde.

Bis zu 1.000 Personen können – wenn es nicht gerade eine Pandemie gibt – gleichzeitig die unterirdische öffentliche Badeanlage Itäkeskus in Helsinki nutzen.
Foto: HKP

Und auch in Städten wie Moskau, Peking oder Singapur soll künftig die Untergrundstadt ausgebaut werden. Singapur ist ein Beispiel für sich: Der Stadt, die bis 2030 von 5,7 Millionen auf knapp sieben Millionen Einwohner wachsen soll, geht schon jetzt der Platz aus. Hinzu kommt der durch den Klimawandel steigende Meeresspiegel, der weite Landstriche des Inselstaats bedroht.

Schon in den vergangenen Jahren hat die Regierung deshalb sukzessive Zugverbindungen, Einkaufsflächen und Straßen unter die Erde verlegt. In den nächsten Jahren könnten auch unterirdische Forschungszentren, Energieunternehmen und Lagerhäuser entstehen. Lediglich Wohnungen und Büros sollen weiterhin an der Oberfläche gebaut werden.

Immer mehr Hotels und Unternehmen in Singapur verlegen ihre Kühlanlagen in den Untergrund.
Foto: APA/AFP/ROSLAN RAHMAN

Einige Herausforderungen

Noch aber stellen die Untergrundpläne viele Städte vor Herausforderungen. Denn generell ist der Bau im Untergrund weit komplexer und teurer als jener an der Oberfläche. Auch besteht die Gefahr vor Überflutungen, was laut Experten in einigen Fällen spezielle Pumpsysteme nötig macht.

Wenn es ums Leben im Untergrund geht, dürfte der größte Knackpunkt für viele aber in der menschlichen Psyche liegen. Denn Straßen oder Lagerhäuser nach unten zu verlegen ist eine Sache. Etwas anderes ist die Vorstellung, tatsächlich längere Zeit unter der Erde zu verbringen. Viele Menschen verbinden den Untergrund mit dunklen, kleinen, feuchten und höhlenartigen Umgebungen, in denen wir schnell eingeschlossen oder verschüttet werden könnten. Laut einer Studie leiden immerhin 2,2 Prozent aller Menschen an Klaustrophobie.

In New York gibt es Pläne, einen alten Terminal in einen Untergrundpark zu verwandeln.
Foto: The Lowline

Geht es nach einigen Designern und Architekten, gibt es allerdings Möglichkeiten, mit diesen Ängsten und Unbehagen umzugehen. Untergrundgebäude müssen nicht komplett unter der Erde gebaut werden: So können bestimmte Teile mit der Oberfläche verbunden sein, um ausreichend Licht ins Innere durchzulassen. Ein gut durchdachtes Lüftungssystem, ausreichend Platz im Untergrund, angenehme Lichtstimmungen sowie Pflanzen, die auch unter der Erdoberfläche gedeihen, sollen zumindest annähernd den Eindruck vom Leben an der Oberfläche vermitteln.

In Paris ist vor zwei Jahren eine urbane Farm in einer alten Parkgarage entstanden. Jede Woche produzieren die Mitarbeiter dort durchschnittlich 500 Kilogramm Endivien und 500 Kilogramm Pilze.
Foto: EPA/CHRISTOPHE PETIT TESSON

Wenige Wohnungen im Untergrund

Fest steht aber: Noch planen die wenigsten Städte damit, auch Wohnungen oder Büros nach unten zu verlegen. Schon jetzt leben zwar mehr als eine Million Menschen unterhalb von Peking in Tunneln und Schächten, die ursprünglich während des Kalten Krieges als Luftschutzkeller angelegt worden sind – aber die meisten wohl nicht aus freien Stücken, sondern weil sie sich die Wohnungen in der Stadt schlicht nicht leisten können.

Für einige Experten spricht allerdings grundsätzlich wenig dagegen, künftig noch mehr Einkaufsflächen, Straßen oder sogar einzelne urbane Farmen unter die Erde zu verlegen. Auf der Erde wäre dann mehr Platz für Grünflächen und andere Erholungsräume. Auch auf die Sonne müssten wir dann nicht verzichten. (Jakob Pallinger, 28.4.2021)