Was tun, wenn die Siebenjährige jeden Ausflug verweigert? (Symbolbild)

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Frage:

"Unsere siebenjährige Tochter boykottiert jeden Familienausflug. Sobald wir die Haustür hinter uns schließen, fängt das Gemecker an. Entweder der Schal stört, oder die Mütze zwickt, oder der Schuh drückt. Sie fängt dann ständig an zu quengeln und an sich herumzuzupfen und mit den Füßen zu stampfen. Wenn man ihr den Schal oder die Mütze ausziehen will, klammert sie sich daran fest und möchte die Sachen anbehalten. Im gleichen Moment fängt sie jedoch wieder an zu quengeln.

Vorhin hat sie uns erneut den Ausflug vereitelt. Sie möchte nicht zu Fuß gehen. Zuerst störte der Schal, dann schlurft sie mit den Schuhen, dass einem die Ohren wehtun. Wenn man sie bittet aufzuhören, interessiert es sie nicht. Wenn man dann so weit ist, sie bei der Oma abzusetzen und alleine weiterzugehen, fängt sie das Heulen an. Nach weiteren 50 Metern tut ihr Fuß weh. Die nächsten 50 Meter wird wieder geschlurft und gewinselt wie ein Hund. Nach insgesamt vielleicht 300 Metern reicht es meinem Mann, und wir drehen nach Hause um. Unsere Tochter natürlich wieder unzufrieden und am Weinen, weil sie ja eigentlich doch den Ausflug machen möchte und ihr Fuß auf einmal nicht mehr wehtut. Wir sind aber mit den Nerven am Ende und haben schlechte Laune.

Also verzieht sich zu Hause jeder in ein Zimmer, das Kind weint und bekommt Alexa und Toniebox entzogen, mein Mann hat schlechte Laune und schaut Fernsehen, und ich gehe notgedrungen alleine spazieren, weil ich als Schwangere frische Luft benötige. Wir wissen wirklich nicht mehr weiter. Der Haussegen hängt nach jedem gescheiterten Ausflug schief, und unsere Tochter macht sich deswegen wahrscheinlich selbst Vorwürfe. Sie kann oder will ihr Verhalten aber auch nicht ändern. Bitte, helfen Sie uns."


Antwort von Linda Syllaba

Es geht Ihrer Tochter nicht gut, das drückt sie damit aus, dass immer irgendetwas zwickt oder irgendwie nicht passt. Finden Sie heraus, was so unrund läuft, dass sie sich so unwohl fühlt. Welche Bedürfnisse bleiben unbefriedigt? Sie selbst kann ihre Bedürfnisse noch nicht so benennen, wie es Erwachsene können. Sie kann nur sagen, was sie in diesem Moment will oder nicht will. Doch Wünsche und Bedürfnisse sind völlig verschiedene Dinge. Natürlich haben alle in der Familie ihre Bedürfnisse, und es ist immer wieder ein Abwägen für die Erwachsenen, wer mit seinem gerade Vorrang hat. Bedürfnisaufschub kann man lernen, genauso wie damit zu leben, dass man nicht immer alles bekommt, was man sich wünscht. Dazu braucht es jedoch Eltern, die diese Entwicklungsprozesse mit Einfühlungsvermögen und Nervenkraft begleiten.

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Sie ist Autorin der Bücher "Die Schimpf-Diät" (2019) und "Selfcare für Mamas" (2021).
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Ich weiß nicht, was Ihrer Tochter konkret fehlt. Es kann sein, dass sie gerade in der "Wackelzahnpubertät" steckt, wo dieses nicht einzuordnende Unrundsein immer wieder vorkommt. Es kann sein, dass sie verunsichert ist, wer in der Familie die Führung hat, es ihr an Klarheit fehlt, sie deshalb auf ihre Weise das Ruder übernimmt und völlig damit überfordert ist. Es kann sein, dass es an Einfühlung für ihre kindliche Erlebniswelt fehlt und sie sich als Mitglied dieser Familie nicht ernstgenommen oder wertvoll fühlt. Es kann sein, dass sie einfach andere Vorstellungen von einem gelungenen Ausflug hat. Das sind spontan ein paar Möglichkeiten. Eindeutig ist, dass es ihr nicht gut geht.

Deshalb schlage ich vor, dass Sie erst mal alles, was Ihre Tochter tut, nicht als feindlichen Angriff oder Vereitelungsanschlag betrachten, sondern als Ruf danach zu sehen, wie es ihr geht, was sie braucht, um wieder im klassischen Sinn kooperieren zu können. Sie braucht Sie, ihre Eltern, als engste Vertrauenspersonen. Doch irgendetwas "stört" diesen Fluss. Bestrafen Sie die Tochter nicht dafür, dass sie versucht, sich auszudrücken und mit Ihnen in Kontakt zu bleiben. Auch nicht, wenn das nicht so geschmeidig läuft, wie es laufen könnte. Sie versucht sich eben mit den Mitteln auszudrücken, die ihr zur Verfügung stehen – das ist bei Kindern so. Empathie ist ganz oft der Schlüssel. Lassen Sie sich auf Ihre Tochter ein, springen Sie über Ihren eigenen Schatten, auch wenn es anstrengend ist, und probieren Sie es auf die liebevolle Art. (Linda Syllaba, 28.4.2021)


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Offenbar fühlt sich die Kleine aktuell in ihrer eigenen Haut nicht wohl. Ja, mehr noch hat sie selbst wohl keine Ahnung, warum. Deshalb ist es an erster Stelle wichtig zu klären, was da wirklich los ist. Offenbar tut die Kleine alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch warum?
Ist es die aktuelle Corona-Situation mit Homeschooling, keine Freunde sehen, viel drinnen sein und wenig Abwechslung? Oder ist es möglicherweise das Geschwisterchen, das im Anmarsch ist? Direktes Fragen kann hilfreich sein, führt aber oft zu nichts, weil es sehr gut möglich ist, dass sie selbst nicht genau weiß, wie ihr geschieht. Wenig überraschend wurde jüngst in einer Studie in Hamburg von einer deutlichen Zunahme psychosomatischer Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen bei Kindern als Folge der Pandemiemaßnahmen berichtet.

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Andrea Diemand

Ein wenig ist es auch bei Kindern in diesem Alter und selbst bei vielen Erwachsenen so wie bei Säuglingen: Sie können nicht sagen, was mit ihrem Gefühl los ist, weil sie nicht reden können (wie bei Säuglingen) oder weil sie es selbst nicht wissen. In diesem Fall muss man als Gegenüber, müssen Sie als Eltern Ihrem Gespür vertrauen. Was mir an Ihrer Schilderung auffällt, ist die Tatsache, dass das Verhalten Ihrer Tochter den Zusammenhalt der Eltern stört, wenn Ihr Mann mies gelaunt vor dem Fernseher landet und Sie allein spazieren gehen. Da scheint eine ungünstige Spirale in Gang gekommen zu sein, die Ihre Tochter nicht allein durchbrechen kann. Sie fühlt sich schlecht und stellt selbst her, dass sie sich anschließend noch schlechter fühlt, wenn sie bestraft im Zimmer sitzt und womöglich auch noch Schuldgefühle wegen des Streits ihrer Eltern hat, die augenscheinlich aktuell selbst recht gestresst sind und damit nur begrenzte Geduld mit ihr haben.

Zu empfehlen ist in einer solchen Situation, den Spieß umzudrehen. Statt Eskalation sollten Sie mit der Kleinen nach Wegen suchen, wie es ihr möglich ist, den ja auch von ihr gewünschten Spaziergang ohne Druck und Stress durchzuführen. Statt Schuldzuweisungen sind – ohne hier ein Klischee bedienen zu wollen – gezielte Belohnungen für den Fall, dass ihr ein harmonischer Ausflug gelingt, der bessere Weg. Da kann sie ihre Kreativität spielen lassen und selbst vorschlagen, was sie als angemessen empfinden würde. Wenn es Ihnen als Eltern unangemessen vorkommt, können Sie immer noch Nein sagen und etwas anderes ausverhandeln. (Hans-Otto Thomashoff, 28.4.2021)