Größer, schneller, effektiver: Computer erleichtern das Leben vieler Menschen, bergen aber auch Gefahren. Eine davon ist der missbräuchliche Umgang mit Daten.

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Er ist im Auto nach Wien gefahren, wo er als Gastredner beim Kongress von Österreichs Energie erwartet wurde. Armin Nassehi kennt Wien halbwegs gut, "mein Sohn hat hier studiert". Dennoch habe er sich vom Navi leiten lassen, weil es praktisch ist. "Aber von München kommend über den 17. Bezirk zum Museumsquartier? Anders wäre es wohl schneller gegangen", mutmaßt der Soziologe. Und recht hat er.

STANDARD: Digitalisierung scheint das neue Zauberwort zu sein, um Probleme in verschiedensten Bereichen zu lösen oder zumindest zu lindern, von Corona bis Arbeitsmarkt?

Nassehi: Ja, das ist so. Man muss aber schauen, wem das zugutekommt. Da geht es auch um Macht- und Verteilungsfragen. Das Match ist noch nicht entschieden.

STANDARD: Man spricht von digitalen Zwillingen in der Produktion, die E-Wirtschaft nutzt intelligente Stromzähler, Fernsehen kennen die meisten von uns sowieso nur digital. Ohne Digitalisierung geht es nicht mehr?

Nassehi: Alle Lebensbereiche sind durchdigitalisiert, die einen mehr, die anderen weniger. Das geht nicht mehr aus der Welt. Vieles wird parallel weiterhin bestehen. Der Buchdruck ist mit der Digitalisierung ja auch nicht verschwunden, es haben sich neue Möglichkeiten aufgetan.

STANDARD: Früher ging es darum, den letzten Prozentpunkt an Produktivität herauszuholen, jetzt wird mit Digitalisierung breiträumig rationalisiert. Dabei wird gesagt, es gebe viele neue Jobs.

Nassehi: Das ist noch nicht entschieden.

Sein Vater kam aus Iran nach Deutschland, des Studiums wegen, seine Mutter entstammt einer schwäbisch-katholischen Familie: Armin Nassehi.
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STANDARD:Sie als Soziologe können diese neuen Jobs, die es dereinst geben soll, folglich auch noch nicht benennen?

Nassehi: Nein, wie könnte ich. Andererseits weiß auch die Industrie, dass sie Abnehmer für ihre Produkte benötigt mit entsprechender Kaufkraft. Sonst bleibt sie auf der Ware sitzen, und alle Einsparungen helfen nichts. Außerdem werden Menschen, denen der Verlust ihres Jobs droht, auf Dauer wohl kaum Parteien wählen, die durch wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht neue Arbeitsplätze in Aussicht stellen. Da wird es also durchaus eine Balance geben.

STANDARD: Was macht die Digitalisierung mit uns Menschen, außer Nackenversteifung, weil wir mit gebeugtem Kopf auf das Handy starrend durch die Gegend laufen?

Nassehi: Sie greift ziemlich tief in unsere Alltagsroutinen ein. Wenn ich beispielsweise mit dem Auto fahre, gebe ich das Ziel ein, muss mich nicht weiter darum kümmern. Die Technik erzeugt also Umwelten, die unsere Aufmerksamkeit umlenken können. Sie wird selbst zur Infrastruktur unseres Handelns.

STANDARD:Digitalisierung und Big Data kann man als zwei Seiten einer Medaille betrachten. Während viele Menschen Digitalisierung hinnehmen und durchaus auch die Vorteile sehen, schrecken nicht wenige bei Big Data auf. Wieso?

Nassehi: Das hat wohl mit dem Big zu tun. Big Data heißt viele Daten. Da fühlt man sich überfordert, geheimnisst viel hinein. Es dürfte in der Bevölkerung wenig Wissen darüber geben, wie Big-Data-Strategien überhaupt arbeiten.

STANDARD: Big Data heißt auch strukturiertes Nutzen vieler Daten.

Nassehi: Das stimmt. Das Entscheidende ist, dass mit Daten Dinge gemacht werden, für die die Daten gar nicht primär erzeugt worden sind. Es bleibt eine unsichtbare Technik, das erzeugt dann Abwehrreflexe.

STANDARD: Warum pflegen asiatische Gesellschaften einen lockereren Umgang mit Daten als wir Europäer?

Nassehi: Das ist wohl kulturell bedingt. Selbst in Europa gibt es Unterschiede in der Einstellung, wie freizügig mit Daten umgegangen wird. In den deutschsprachigen Ländern, wo die Sensibilität für das Thema besonders hoch ist, kommt generell noch eine Technologieskepsis hinzu, die schwer erklärbar ist.

STANDARD:Wir hinterlassen ja auch ständig Daten, wenn wir im Internet surfen, online bestellen oder telefonieren. Das wird ohne Mucks hingenommen?

Nassehi: Das ist das Widersprüchliche. Einerseits nutzen wir Smartphones und Apps, die im Alltag sehr viele Datenspuren hinterlassen, ohne dass wir es merken. Andererseits diskutieren wir etwa die Gefahren einer Corona-App, die Daten zur Nachverfolgung sammeln soll. Diese Widersprüche und Ängste sind ein Hinweis darauf, dass das kulturelle Selbstverständnis noch hinterherhinkt. Das heißt: Wir unterschätzen manche Gefahren der Digitalisierung und fürchten uns manchmal vor den falschen Dingen.

STANDARD: Gibt es einen Punkt, an dem das Pendel wieder zurückschlagen und die Lust an Analogem den Sog des Digitalen bremsen wird?

Nassehi: Das sehe ich nicht. Techniken, vor allem Informationstechniken, lösen sich ja nicht ab, sondern kommen neu hinzu. Es ist aber auch eine Frage der technologischen Innovationsfähigkeit, man denke etwa an den Durchbruch des Smartphones durch Apples iPhone.

Wischen statt drücken in allen Lebenslagen: Smartphones sidn aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.
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STANDARD: Der finnische Konzern Nokia ist mit dem mobilen Tastentelefon groß geworden, wurde unbestrittener Weltmarktführer und hat sich ins Out manövriert.

Nassehi: Eine fatale Fehleinschätzung, dass Menschen nicht wischen, sondern Tasten drücken wollen.

STANDARD: Geht mit zunehmender Digitalisierung nicht viel an Kreativität verloren?

Nassehi: Im Gegenteil, in digitalen Geräten steckt enorm viel Kreativität. Ein Navi, Handy oder was auch immer, das sind Großrechner, in denen viel Hirnschmalz steckt.

STANDARD: Das hilft bei einem Blackout aber auch nicht weiter, ohne Strom ist alles schwarz. Und möglicherweise haben wir dann sogar einfachste Sachen vergessen wie Feuer machen, weil wir auf den einen Knopf fixiert sind, der unter normalen Umständen das Feuer entfacht.

Nassehi: Kontrolliert Feuer machen kann dem einen oder anderen schwerfallen, unkontrolliert geht leichter (lacht). Was stimmt, ist, dass die Verwundbarkeit der Systeme, die wir liebgewonnen haben, mit zunehmender Digitalisierung steigt. Dessen sollten wir uns bewusst sein und ein entsprechendes Augenmerk darauf richten.

(Interview: Günther Strobl, 29.4.2021)