Der Straßenrand ist für August Stadlmayr ein interessantes Erkundungsfeld. Der 61-jährige Maschinenbauingenieur und Wirtschaftswissenschafter hat in dem privaten Projekt "Sauberer Straßenrand" penibel aufgelistet, was es da so aufzufinden gibt. Aus dem Auto geworfene Dosen, Flaschen, Fastfood-Verpackungen sind ihm beim Laufen, beim Gehen und bei Fahrten mit dem Auto unangenehm aufgefallen.

Stadlmayr hat begonnen, im Umfeld seines Wohnortes im Bezirk Vöcklabruck die "Fundstücke" zu kategorisieren – und zog daraus interessante Schlüsse. In Nebenstraßen werden mehr Bierdosen als Energydrink-Dosen durch das Autofenster entsorgt. Auf Hauptstraßen ist der Anteil an Energydrinks größer. Je höher die Geschwindigkeit beim jeweiligen Streckenabschnitt, desto weniger Abfall.

Viel Müll in der Natur

Alles Details, auf die sich Stadlmayr so seinen Reim macht. Eines ist klar: Fürs große Ganze ist das alles nicht gut, das weiß nicht nur der Oberösterreicher. Dass achtlos weggeworfener Unrat der Umwelt schadet, lernte heute jedes Kind. Trotzdem landen 450 Müllwägen Verpackungsmüll nicht in den dafür vorgesehenen gelben Säcken und Tonnen, sondern auf Wiesen, in Wäldern und eben am Straßenrand.

Plastik ist praktisch, aber für die Umwelt leider nicht gut – zumindest wenn es nicht wenigstens wiederverwertet wird.
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In Österreich werden etwa derzeit nur 70 Prozent aller Plastikflaschen gesammelt und aufbereitet. Eine EU-Richtlinie sieht aber vor, dass Getränkeflaschen aus Kunststoff bis 2025 zu mindestens 77 und bis 2029 zu mindestens 90 Prozent getrennt gesammelt und recycelt werden müssen. In Ländern mit etablierten Pfandsystemen wie Norwegen oder Deutschland sind es über 95 Prozent – dort werden die Anforderungen längst übererfüllt.

Pfand in der Warteschleife

Es besteht also Handlungsbedarf. Das von der grünen Klimaschutzministerin Leonore Gewessler so heftig favorisierte und von ÖVP und Wirtschaft ebenso erbittert abgelehnte flächendeckende Plastikpfand auf Einwegflaschen kommt trotzdem nicht. Zumindest nicht sofort. Gewessler präsentierte am Mittwoch den Begutachtungsentwurf für die Abfallwirtschaftsgesetz-Novelle (AWG). In Kraft treten soll sie 2024. Kernpunkt ist eine verbindliche "Mehrwegquote", um den Konsumenten wieder die Wahl zwischen Mehrweg- und Einweggebinden zu ermöglichen, wie Gewessler sagt. Das Pfandsystem – wie im AWG bereits festgeschrieben – kann per Verordnung in Kraft treten. Wann das sein wird, ließ Gewessler offen. Hier laufen einige Projekte, aus denen dann "das beste System für Österreich" entwickelt werden soll, wie Gewessler erklärte. Details wollte die Ministerin nicht nennen.

Mehr Mehrweg

Dafür erinnert sie daran, dass es bis 1990 im heimischen Handel verbindliche Quoten für Mehrwegflaschen gab, der Anteil der Pfandgebinde betrug 80 Prozent, heute seien es 19 Prozent. Was beim Bier noch leidlich funktioniere, soll also in einigen Jahren wieder die Regel sein: Flaschen können nach dem Gebrauch in den Supermarkt zurückgebracht und der Wiederverwertung zugeführt werden. Bis 2024 hat der Lebensmitteleinzelhandel Zeit, bei Bedarf aufzurüsten.

In den Sammelsystemen landen viele der Flaschen, aber es sind nicht genug.
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Konkret müssen ab 1. Jänner 2024 60 Prozent der Bier- und Biermischgetränke-Flaschen sowie bei Mineralwasserflaschen 20 Prozent wiederverwertbar sein. Bei Milch, Säften und anderen alkoholfreien Getränken werden zehn Prozent vorgeschrieben. Würstelstände und Bäckereien sind von der Verpflichtung ausgenommen.

Zu spät, zu wenig

Die Reaktionen sind gemischt. Umwelt-NGOs wie Greenpeace, Global 2000 und WWF begrüßten den Entwurf, auch wenn ihnen die Quoten teilweise zu niedrig sind und man auf eine Verordnung für ein Pfandsystem pocht. Die Wirtschaftskammer stößt sich an den Quoten. SPÖ und Neos kritisieren den späten Umsetzungszeitpunkt, die SPÖ ortet einen "Rückzieher beim Einwegpfand", die FPÖ sieht Österreich von einem solchen "meilenweit entfernt".

August Stadlmayr sammelt indes unbeirrt weiter Müll. "Grundreinigung" nennt er das. Aus Spaß macht er das nicht. Er will weiter Erkenntnisse gewinnen – und mögliche Maßnahmen zur Vermeidung der Vermüllung der Umwelt ableiten. Ein bisschen Unterstützung bekommt er durch das AWG. Einwegplastik wie Wegwerfbesteck, Strohhalme und Becher sollen ab Juli verboten werden. (Regina Bruckner, 28.4.2021)