Der US-Leitindex S&P hat seit Jahresbeginn schon 33 neue Rekordhochs erreicht. Die konjunkturelle Erholung nach der Corona-Pandemie scheint in den Kursen eingepreist. Experten fragen sich nun, was die Fantasie für das Anhalten der Kursrally sein könnte – oder ob es zu einer Korrektur kommt.

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Zum Kalendermonat Mai gibt es das ein oder andere bekannte Sprichwort. Alles neu macht der Mai zum Beispiel. Auch die Börsianer haben ihre Version vom Wonnemonat. Die lautet allerdings etwas weniger hoffnungsvoll. "Sell in may and go away", lautet das Motto. Also: Verkaufe deine Papiere und verlasse den Markt.

Diese Börsenregel geht auf die historische Betrachtung zurück, dass die Börsen über die Sommermonate tendenziell schwächer performt haben. Da konnte es oft lohnender sein, das Geld abzuziehen, gegebenenfalls Gewinne mitzunehmen und das Kapital auf dem Sparbuch oder am Rentenmarkt zu parken.

Mit der neuen Zinslandschaft verändert sich wohl die Sinnhaftigkeit dieses Verhaltens. Denn am Sparbuch sinkt die Kaufkraft des Kapitals, und je nach Höhe der Einlagen werden die Strafzinsen, die die Banken selber zahlen müssen, in Form von "Verwahrungsentgelt" an die Kunden weitergegeben.

"Nach dem Wonnemonat an der Wall Street zeigte diese oftmals eine schwächere Performance, aber in Zeiten des Nullzinsumfelds werden die Alternativen immer unattraktiver", fasst Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin im Private Banking der Unicredit Bank Austria, die Lage zusammen. Nachdem die Alternativen für das Kapital also mau sind, könnte es durchaus sein, dass die alte Börsenweisheit aus der Mode gekommen ist.

Blick zurück

Ein Blick ins Vorjahr zeigt jedenfalls, dass man viel Performance liegen gelassen hätte, hätte man den Markt im Mai verlassen. In der Zeitspanne von 2010 bis 2020 gab es nur eine Sommerhälfte, in der die Wall Street negativ performt hat.

Und dennoch könnte die Aussage, dass es gut sein kann, den Markt im Mai zu verlassen, für heuer ihre Richtigkeit haben. Die Gründe dafür liegen aber nicht in einer allgemeinen Marktschwäche während der Sommermonate. Vielmehr könnte es die seit Jahren laufende Rally sein, die ein Ende finden könnte. Zur Einordnung: Der breitgefasste US-Index S&P500 hat seit Jahresbeginn schon elf Prozent zugelegt und heuer bereits 33-mal neue Höchststände verbucht.

"Die Börsen nehmen die Zukunft vorweg", sagt Rosen-Philipp. Und das haben die Börsen heuer schon gemacht, "indem sie viele Themen eingepreist haben". Die Stimuluspakete wurden von den Börsianern bereits entsprechend abgefeiert, auch die guten Unternehmensergebnisse haben für das eine oder andere Hoch gesorgt. "Die Frage ist nun, woher der nächste Impuls kommt", sagt Rosen-Philipp.

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"Börsen nehmen die Zukunft vorweg", sagt Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin im Private Banking der Unicredit Bank Austria.
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Denn zuletzt habe sich gezeigt, dass auch auf gute Unternehmensergebnisse die Aktien nicht mehr entsprechend reagiert haben. Auch in jenen Branchen, die wegen der Corona-Pandemie massiv abgerutscht sind, etwa der Tourismus, hat es bereits gewisse Aufholeffekte gegeben. Das reine Aufsperren der Geschäfte und neue Lockerungen könnten also an den Börsen verpuffen. Zudem könnten Gewinnmitnahmen dafür sorgen, dass der Markt schwächer tendiert.

Party auf Pump

Hinzu kommt, dass die Rekordjagd an der Wall Street zunehmend auf Kredit finanziert wird. Das Kreditvolumen für Aktienkäufe steigt seit zwölf Monaten und erreichte im März den Rekordwert von 822 Milliarden Dollar, wie Daten der US-Aufsicht Finra zeigen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um 70 Prozent. Ähnliche Werte gab es seit Beginn dieser Datenaufzeichnung nur zwei Mal: im Jahr 2000 vor dem Platzen der Dotcom-Blase und 2007 vor der Finanzkrise.

Aus dem US-Stimuluspaket ist ebenfalls viel Geld in Aktien geflossen. Bei jeder Tranche der Schecks in der Höhe von 1400 Dollar, die an Haushalte vergeben wurden, haben die Depotneueröffnungen auf der Tradingapp Robin Hood zugenommen. Dass es zu massiven Korrekturen kommt, erwarten Experten vorerst zwar nicht. Doch im Moment scheint auch die Fantasie für eine Fortsetzung der Rally zu fehlen.

Die europäischen Börsen haben am Dienstag trotz der Hoffnungen durch den Impffortschritt und sinkende Infektionszahlen in Europa schwächer tendiert. Äußerungen von Notenbankern könnten nun stärkeren Einfluss auf die Kurse nehmen. Zuletzt hat der deutsche Bundesbankpräsident Jens Weidmann daran erinnert, dass das EZB-Notfallprogramm Pepp mit der Pandemie enden solle. Auch andere Zentralbanker, dies- und jenseits des Atlantiks, haben ein zukünftiges Ende der laxen Geldpolitik thematisiert. Auch die US-Börsen haben schwächer eröffnet und sich in der Verlustzone gehalten. (Bettina Pfluger, 5.5.2021)