Ein Kaiserreich für ein Pferd: Das kam für Emmanuel Macron dann doch nicht infrage. An sich wollte der Pariser Invalidendom das Skelett von Napoleons liebstem Schimmel ausstellen. Die Originalanatomie von Marengo – der den Russlandfeldzug und 1815 die Schlacht von Waterloo mitgemacht hatte – konnte aber aus Sicherheitsgründen nicht aus dem National Army Museum in London eingeflogen werden.

Emmanuel Macron vor Napoleons Grab.
Foto: Christophe Petit Tesson/Pool via REUTERS

Auf Macrons Anweisung darf das kuriose 3D-Kunstwerk aus Plastikknochen nun erst ab Freitag über dem monumentalen Grab des kleinen Korsen schweben. Der Präsident wollte sich am Mittwoch nicht von einem Pferdeskelett ablenken lassen. Er hatte eine schwierige Rede zu halten – über einen Mann, der das moderne Zivilrecht geschaffen, aber auch die Sklaverei zurückgebracht hatte.

Auf jeden Fall, so sagte Macron am Mittwochnachmittag im Pariser Institut de France, "ist Napoleon ein Teil von uns". Vor Wissenschaftern und Schülern lobte der Präsident Bonaparte als großen Reformer des französischen Staats- und des Rechtswesens. Den am 5. Mai 1821 verstorbenen Kaiser stilisierte er zu einem "Europäer". Der Historiker Jean Tulard sah in ihm gar einen Ursprung der europäischen Einigung. Dass selbige für Napoleon vor allem darin bestand, seine Familienangehörigen und Vertrauten an der Spitze von eroberten Territorien wie Spanien oder Italien zu platzieren, überging der bekannteste Napoleonist geflissentlich.

Macron rechtfertigte in seiner Ansprache, warum Frankreich überhaupt eines Feldherrn gedenkt, der militärisch scheiterte und die erste postrevolutionäre Republik per Staatsstreich beendet hatte. Die Linke wetterte deshalb seit Tagen, das moderne Frankreich habe nicht einen "Totengräber der Republik" zu feiern. Selbst Macrons Ministerin für Gleichheit, Elisabeth Moreno, die von den von der Sklaverei geprägten Kapverden stammt, geißelte einen "Menschenfeind, der die Sklaverei wiederhergestellt hatte".

Der janusgesichtige Kaiser

Die französischen Medien berichteten kritisch. Der Fernsehsender BFM stellte am Mittwoch in einer Diskussionsrunde die Frage "Napoleon – Nostalgie der Grandeur?". Darin war vor allem die Rede vom "Janusgesicht" des Ex-Kaisers.

Regierungssprecher Gabriel Attal hatte zum 200. Todestag die Losung herausgegeben: "Gedenken, nicht zelebrieren". Macron beantwortete die inhärente Frage, ob Napoleons Todestag überhaupt gefeiert werden sollte, allein schon mit der aufwendigen Inszenierung. Nach dem Reden-Reigen begab er sich in den Invalidendom und legte vor der Grabstätte Napoleons einen Kranz nieder.

Eine Pflichtgeste war das mitnichten: Seit einem halben Jahrhundert hatten französische Präsidenten das Grab des Kaisers gemieden. Zu ambivalent war ihnen der Korse. Außerdem hat die pompöse neoklassizistische Grabkammer Napoleons viel von ihrer Aura verloren, seitdem sie 1940 Adolf Hitler im Rahmen seines Pariser Blitzaufenthalts besucht hatte.

Vor ihm hatten dort schon Könige und Zaren haltgemacht, nach ihm schaute Fidel Castro vorbei. Der Besuch Hitlers hinterließ aber auf Napoleons Grab einen Schatten. Heute wirkt die symbolüberladene Ruhmeshalle mit dem riesigen fleischfarbenen Grab völlig überdimensioniert, ja fast surreal. Ähnlich die Zeremonie zu Fuße des 13-Tonnen-Sarkophags, der in sich ein Zeichen ist, wie schwer das Vermächtnis Napoleons auf Frankreich lastet. Macron hielt es schließlich nur wenige Minuten am Ort. (Stefan Brändle, 5.5.2021)