Ein einziger Stich mit dem Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer – wie hier im Bild – ist nur bei jenen Personen ausreichend, die bereits eine Infektion hinter sich haben.

Reuters / FABRIZIO BENSCH

Wer in Österreich bereits eine Corona-Infektion hinter sich hat und sich impfen lässt, benötigt nur eine einzige Impfdosis zur Vollimmunisierung. So lautet die Empfehlung des Nationalen Impfgremiums, die bereits seit längerem in der Praxis umgesetzt wird. Das bringt unter anderem den Vorteil, dass damit Impfstoff gespart wird – und betroffene Personen ersparen sich den zweiten Stich. Die immunologische Erklärung für dieses Vorgehen: Eine Infektion schützt vor einer Ansteckung ähnlich gut wie die Impfungen.

Nun gibt es eine weitere Bestätigung dieser Vorgangsweise in Form einer neuen britischen Studie, die im Fachblatt "Science" erschien. Diese sehr kleine Untersuchung wirft freilich – wie schon zwei rezente Studien aus Israel und Katar – die Frage auf, ob es im Rahmen des grünen Passes nicht etwas riskant ist, dass Geimpfte ohne überstandene Infektion bereits drei Wochen nach der Erstimpfung von der Testpflicht enthoben werden: Denn der Schutz gegen die in Österreich dominante "britische" Variante B.1.1.7 könnte nach einer einzigen Impfung geringer sein als gedacht.

Laboranalysen der Immunreaktionen

Die neue Untersuchung des Teams um Rosemary Boyton (Imperial College London) basiert vor allem auf Laboranalysen der Immunreaktionen von jeweils nur rund 25 Genesenen und 25 Personen ohne überstandene Covid-19-Infektion – in beiden Fällen nach einer ersten Impfung mit dem Impfstoff Comirnaty, also dem Vakzin von Biontech/Pfizer. Die Probanden waren Beschäftigte an den Barts and Royal Free Hospitals. Bei der Gruppe der zuvor Infizierten lag die Erkrankung im Schnitt 39 Wochen zurück.

Die Forschenden nahmen für die Studie vor allem Blutproben der Probanden unter die Lupe. Diese Proben wurden auf das Vorhandensein und den Grad der Immunität gegen den ursprünglichen Stamm von Sars-CoV-2 (also den "Wildtypus" aus Wuhan) sowie gegen die Varianten aus Großbritannien (B.1.1.7) und Südafrika (B.1.351) untersucht. Neben den Antikörpern konzentrierte sich das Forscherteam auch auf die B-Zellen, die sich an das Virus "erinnern", und auf die T-Zellen, die das Gedächtnis der B-Zellen unterstützen, die mit dem Coronavirus infizierte Zellen erkennen und zerstören.

Unterschiedliche Wirkungen

Die Ergebnisse in aller Kürze: Die Erstimpfung der Genesenen erzielte gegen den "Wildtypus" eine deutliche Booster-Wirkung vor allem bei der T-Zell-Reaktion. Sie war bei 22 der Genesenen (90 Prozent) nachweisbar gegenüber 16 von 23 Personen (70 Prozent), die vor der ersten Impfdosis keinen Kontakt zum Virus gehabt hatten. Die T-Zell-Antwort war bei den Genesenen im Schnitt siebenmal stärker.

Gegen B.1.1.7, also die auch in Österreich längst vorherrschende Variante, kam es nach einer Impfung zwar bei allen Genesenen zu einer starken Antikörperantwort, und bei 23 von 24 Genesenen waren die Antikörper auch in der Lage, die Variante B.1.351 zu neutralisieren, die als "Fluchtmutante" gilt. Die Abwehrreaktion gegen B.1.1.7 war freilich bei den Nichtvorerkrankten um das 46-Fache schwächer als bei den Vorerkrankten; gegen B.1.351 gar um das 63-Fache.

Vor B.1.1.7 schlechter geschützt

Resümierend meint Rosemarie Boyton, dass es beunruhigend sei, dass 90 Prozent (18 von 20) der nicht vorerkrankten Personen keine neutralisierenden Antikörper gegen B.1.1.7 gebildet hatten, während ihr Immunsystem den "Wildtyp" gut abwehrte. Allerdings könnte eine schwächere Antikörperreaktion durch die vermehrte Bildung von spezifischen T-Zellen ausgeglichen werden, welche mit Sars-CoV-2 infizierte Zellen erkennen und zerstören.

Die Erklärung für diese Unterschiede: Kontakt mit dem gesamten Virus im Rahmen einer Covid-19-Erkrankung löst offenbar eine stärkere Immunantwort aus. Immerhin bekommt es das Abwehrsystem des Infizierten nicht nur mit dem S-Protein (Oberflächen- bzw. Spike-Protein) zu tun, sondern hat auch Kontakt mit anderen Virusbestandteilen. Diese sind im Vergleich zum S-Protein von Erregervariante zu Erregervariante stabiler, was eine Art Kreuzimmunität verursachen könnte.

Die Bedeutung des zweiten Stichs

Umgekehrt würde aber auch eine natürliche Infektion mit dem "Wildtypus" allein möglicherweise keine ausreichende Immunität gegen die Varianten bieten, argumentiert Boyton, die einmal mehr betont, wie wichtig die zweite Dosis des Impfstoffs für alle Personen ohne vorangegangene Covid-19-Infektion ist. Menschen, die ihre erste Impfdosis erhalten haben und nicht zuvor mit Sars-CoV-2 infiziert waren, seien nicht vollständig gegen die zirkulierende Variante B.1.1.7 geschützt.

Stellte diese Studie nur bei ein paar Dutzend Probanden auf die konkrete Immunantwort ab, so lieferten zwei diese Woche veröffentlichte Studien aus Israel und Katar die komplementären epidemiologischen Ergebnisse: Auch hier zeigte sich, dass die Erstimpfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff einen nicht allzu starken Schutz insbesondere gegen die Varianten B.1.1.7 und B.1.351 bot. Erst durch die Zweitimpfung erreichte er jene Werte, die aus den Zulassungsstudien gegen den "Wildtypus" bekannt waren.

Auf der anderen Seite ist die Schutzwirkung drei Wochen nach der Erstimpfung auch nicht ganz gering, wie britische Untersuchungen letzte Woche zeigten: So verringerte sich die Zahl der Spitalsaufnahmen durch die erste Impfung sowohl mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer wie auch jenem von Astra Zeneca um jeweils rund 90 Prozent. (Klaus Taschwer, 8.5.2021)