In normalen, pandemiefreien Jahren genießen hier die Urlauber den Blick auf den Ölberg. Heute fliegen vor dem Löwentor Steine, Blend- und Tränengasgranaten. Am Montag eskalierte die Lage in Jerusalem bereits am Vormittag. Palästinensische Jugendliche griffen ein Auto mit jüdischen Insassen an, warfen Steine, verletzten den Fahrer, öffneten die Türen und versuchten die Insassen zu verprügeln. Der Wagen kam ins Schleudern, einer der Angreifer wurde überfahren, sein Zustand war am späten Montagnachmittag unbekannt.

Um elf Uhr zählten Rettungsorganisationen 215 Verletzte, davon 20 Polizisten. Fünfzig Verletzte waren in Spitalsbehandlung, vier davon in ernstem Zustand. Unter den Verletzten war auch ein sieben Monate altes Baby. Ein Stein hatte das Kind am Kopf getroffen. Später war von mehr als 300 Verletzten die Rede.

Unten Feiern zum Jerusalemtag, oben ein brennender Baum – Schäden an den historischen bauten gab es offenbar nicht.

Am Montagvormittag verbarrikadierten sich rund 8.000 Palästinenser auf dem Tempelberg und beschossen israelische Polizisten mit Steinen und Feuerwerkskörpern. Die Polizei drang daraufhin in das Gelände ein, es kam zu heftigen Gefechten, gegen Mittag zog die Exekutive wieder ab. Am Abend brach auch ein Brand auf dem Tempelberg aus, laut Agenturberichten fing ein Baum Feuer. Schäden an den historischen Bauten gebe es nicht.

Ultimatum der Hamas

Am Abend eskalierte die Lage. Die im Gazastreifen regierende radikalislamische Hamas stellte Israel ein Ultimatum. Bis 18 Uhr (17 Uhr MEZ) sollten alle Polizisten und Siedler vom Tempelberg sowie aus dem Viertel Sheikh Jarrah in Ostjerusalem abgezogen werden. Das war nicht der Fall. Laut Angaben aus Israel gingen danach Raketen auf Israel nieder, über Schäden war zunächst nichts bekannt. Die Hamas bekannte sich zu dem Beschuss.

Ein Hamas-Sprecher sagte, man habe als Botschaft an den israelischen Feind Raketen auf Jerusalem abgefeuert. Es handle sich um eine "Reaktion auf seine Verbrechen und seine Aggression gegen die heilige Stadt" sowie auf Israels Vorgehen auf dem Tempelberg und in Sheikh Jarrah. Die israelische Armee teilte mit, es seien sieben Raketen abgefeuert worden. Eine davon habe die Raketenabwehr abgefangen.

Neun tote Palästinenser

Laut palästinensischen Behörden wurden bei einem israelischen Luftangriff im Gazastreifen neun Palästinenser getötet, drei davon Kinder. Den Angaben zufolge ereignete sich der Vorfall in Beit Hanoun im Norden des Küstenstreifens. Eine Armeesprecherin sagte, man prüfe die Berichte aus dem Gazastreifen.

Die Wiedervereinigung der Stadt

Doch zunächst zum Hintergrund: Wären es nicht Blut und gebrochene Knochen, die heute das ganze Land nach Jerusalem blicken lassen, wäre es ein für viele Israelis freudiger Anlass. An keinem anderen Tag im Jahr steht die Stadt so im nationalen Fokus wie am heutigen Feiertag, dem Jerusalemtag. Israel feiert die Wiedervereinigung der Stadt, die laut nationaler Erzählung vor mehr als einem halben Jahrhundert mit der Eroberung Ostjerusalems begann.

Eine palästinensische Ambulanz bringt Verletzte in Sicherheit.
Foto: EMMANUEL DUNAND / AFP

Wer heute durch die Altstadt läuft, sieht von einer vereinten Stadt nichts. Überall ist Polizei stationiert, mit Helmen und multipler Bewaffnung, jederzeit einsatzbereit. Bereit sind auch die jungen, fast ausschließlich männlichen Palästinenser, die heute auf Krawall aus sind. Sie werfen Steine und Flaschen, die Polizei antwortet mit Gummipatronen, Tränengas, Blendgranaten.

Szenen vom Sonntagabend aus Jerusalem
DER STANDARD

Vertreibung und Besatzung

An den Tagen zuvor ging es erst nach Sonnenuntergang los. Heute ist das anders. Der Jerusalemtag ist selbst in entspannteren Jahren emotional aufgeladen. Aus palästinensischer Sicht auf negative Weise: Das, was aus israelischer Sicht Wiedervereinigung war, ist für die Palästinenser eine Geschichte der Vertreibung, Besatzung, Unterdrückung. Und genau das, die Vertreibung aus den eigenen Häusern, ist das, was die Demonstranten im Ostjerusalemer Viertel Sheikh Jarrah seit Tagen auf der Straße anprangern. Auch für die Uno gehört Ostjerusalem zu den von Israel besetzten Gebieten, und die Beschlagnahmung von Häusern laut humanitärem Völkerrecht daher nicht zulässig.

Israelische Polizisten nehmen einen jungen Mann in Ostjerusalem fest.
Foto: REUTERS/Ammar Awad

Es fügt sich also alles ineinander, an diesem heißen Montag an der Stadtmauer Jerusalems – auf explosive Weise. Und als wäre das nicht genug, marschierten gegen Mittag auch rechte jüdische Nationalisten auf und skandierten Slogans für ein jüdisches Jerusalem.

Regierungschef Benjamin Netanjahu bezeichnete die Zusammenstöße am Montag als "Kampf zwischen Toleranz und Intoleranz". Unter keiner Herrschaft hätten die drei monotheistischen Weltreligionen jene Gleichbehandlung erfahren, die Israel ihnen gewährt. Israelische Polizisten stünden nun auf der Straße, um diese Toleranz zu verteidigen, auch wenn ausländische Journalisten ihren Einsatz auf "irreführende Weise" darstellen würden.

Einer dieser Journalisten bekam die Gewalt am eigenen Leib zu spüren – seitens der Polizei. Videos zeigen, wie Beamte einen Mann verprügeln, bei dem es sich laut der israelischen Zeitung "Haaretz" um den Korrespondenten der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu handelt.

Debatte im Sicherheitsrat

UN-Generalsekretär António Gutierrez zeigte sich Sonntagabend "tief betroffen" über die Gewalt in Jerusalem, aber auch über die angedrohten Exilierungen palästinensischer Familien in Sheikh Jarrah. Der UN-Sicherheitsrat wird sich am Montag den Jerusalemer Ereignissen widmen.

Auch die USA drückten Sonntagabend ihre Sorge über die Räumungen in Sheikh Jarrah aus. Der Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, betonte in einem Telefonat mit seinem israelischen Amtskollegen Meir Ben-Shabbat, die USA bemühten sich um eine Deeskalation.

Proteste in Haifa

Indes greifen die Jerusalemer Proteste auch auf andere israelische Städte über. In der für eine vorbildhafte Koexistenz gelobten Hafenstadt Haifa versuchten Demonstranten eine Polizeisperre zu durchbrechen, es kam zu Festnahmen.

Die israelische Armee ließ mehrere Straßen und Areale nahe der Grenze sperren, auch die Zugverbindung zwischen Ashkelon und Beersheva wurde eingestellt. Die für Dienstag geplante allgemeine Truppenübung wurde abgesagt: Generalstabschef Aviv Kochavi befahl, "alle Vorbereitungen für Eskalationszenarien zu treffen". Spitäler wurden beauftragt, sich auf "individuelle Anschlagsszenarien" vorzubereiten.

Der Armee war es auch zu verdanken, dass der umstrittene Flaggenmarsch in Jerusalem im letzten Augenblick umgeleitet wurde. Nur eine Stunde vor Beginn der Parade wurden die Veranstalter beauftragt, den Hotspot Damaskustor und das muslimische Viertel der Altstadt zu meiden. (Maria Sterkl aus Jerusalem, red, 10.5.2021)