Schon die monatlichen Kosten für Handy, Streamingdienste oder Fitnesscenter summieren sich für etliche junge Leute zu hohen finanziellen Belastungen.

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Immer mehr Österreicher geraten bereits in jungen Jahren in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Jeder vierte Klient der heimischen Schuldenberatungen war im Vorjahr höchstens 30 Jahre alt, wie aus dem Schuldenreport 2021 hervorgeht. Diese Altersgruppe ist von der Misere am Jobmarkt infolge der Corona-Krise besonders stark betroffen, wobei Arbeitslosigkeit generell der Hauptgrund für Überschuldung ist. Sie betrifft 38 Prozent aller Klienten heimischer Schuldnerberatungen, unter den Jungen sogar 42 Prozent. Aber die Jobkrise durch Corona ist wie so oft nur ein Brandbeschleuniger der zugrunde liegenden Entwicklung.

Diese lautet im Grunde: Schulden machen wird immer leichter, wie Clemens Mitterlehner, Chef der ASB, der Dachorganisation heimischer Schuldnerberatungen, betont. Aber auch das Geld auszugeben, etwa durch den bei Jungen besonders stark ausgeprägten Trend zu unbaren Zahlungen. "Der Trennungsschmerz ist bei Bargeld viel ausgeprägter als bei Kartenzahlungen", sagt Mitterlehner.

Gleichzeitig müssen junge Leute auch mehr finanzielle Posten stemmen als frühere Generationen in diesem Alter. Etwa einen Handyvertrag – oft der teure mit Gratisgerät der Spitzenklasse –, das Abo beim Fitnesscenter oder diverse Streamingdienste. Die Posten summieren sich und können laut Mitterlehner dazu führen, dass das Konto überzogen wird – also der teuerste aller Kredite in Anspruch genommen wird.

Wenn dann andere Posten nicht mehr beglichen werden können, ist der Grundstein für die Schuldenspirale aus Zinsen, Zinseszinsen und Mahnkosten gelegt – was sie Außenstände immer weiter nach oben treibt. "Das sind die Privatkonkurse von morgen", befürchtet Mitterlehner. Im Durchschnitt sind die Klienten der Schuldnerberatungen zwar 42 Jahre alt, aber die Schulden wurden vorher gemacht. "Es ist nur das Alter, in dem sie zu einem unüberwindbaren Problem werden."

Kaum leistbares Wohnen

Auch die enorm gestiegenen Kosten für Wohnen machen besonders den Jungen das finanzielle Leben immer schwerer. "Für eine junge Familie ist Wohnen kaum noch leistbar", betont Mitterlehner, der darin ein "Riesenproblem" sieht. Zur Verdeutlichung: Österreichweit nehmen etwa fünf Prozent der Bevölkerung Kredite für Alltagsgüter auf, in Ballungszentren mit hohen Wohnkosten sind es mit elf Prozent mehr als doppelt so viele.

"Es hat einen gesellschaftlichen Wandel gegeben", sagt Konsumforscherin Bernadette Kamleitner von der WU Wien. "In unserem Verhältnis zu Geld hat sich viel verändert." Früheren Generationen sei Sparsamkeit viel stärker als Wert vermittelt worden, nennt sie ein Beispiel. Dies sei einerseits durch die Nullzinspolitik der EZB untergraben worden, da klassisches Sparen keine Erträge abwirft. Zudem betont sie wie Mitterlehner, dass gleichzeitig auch Schuldenmachen salonfähig geworden sei. Dies zeigt sich Kamleitner zufolge etwa darin, dass Konsumkredite erst seit den 2010er-Jahren beworben werden.

Begünstigt werde die Schuldenspirale auch durch soziale Medien, wo man mit Neuanschaffungen oder Urlauben punkten könne, aber kaum von finanziellen Problemen berichtet werde. Was für die WU-Expertin zu einer paradoxen Situation führt, die durch soziale Medien verstärkt werde: "Kurzfristig wird man für Konsumkredite sogar durch die Bewunderung anderer belohnt." Aus ihrer Sicht ein weiteres Problem: Während Schulden zu machen entstigmatisiert werde, sei ein Privatkonkurs weiterhin mit einem großen Stigma behaftet.

Im Teufelskreis

Die Folge: Viele würden sich erst spät eingestehen, dass sie zu den Betroffenen zählen – zumal dies mit dem unangenehmen Gefühl des Kontrollverlusts verbunden sei. "Man muss schon sehr verzweifelt sein, um sich Hilfe zu suchen", sagt Kamleitner. "Dann sind viele schon im Teufelskreis drinnen."

Mitterlehner empfiehlt, finanzielle Probleme früh anzugehen – dann seien noch Auswege ohne Konkurs möglich. Zudem verweist er auf anstehende Gesetzesänderungen: Das neue Exekutionsrecht werde ab Juli automatisch zu einer Art Schuldenregulierung führen. "Dann fehlt nur noch ein Antrag auf einen Privatkonkurs", sagt Mitterlehner. Dieser werde ab Mitte Juli die Möglichkeit einer Entschuldung in drei Jahren bringen, derzeit sind es noch fünf. Gelten soll dies nicht nur für gescheiterte Selbstständige, sondern zur Krisenbewältigung vorerst auch für Konsumenten. (Alexander Hahn, 11.5.2021)