Im Gazastreifen erbebten die Häuser durch den Einschlag israelischer Geschosse, während im Süden Israels die Sirenen heulten und vor Raketen warnten.

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In Israel und den Palästinensergebieten eskaliert die Gewalt. Militante Palästinenser feuerten auch am Dienstag zahlreiche Raketen auf israelisches Gebiet. Nach Angaben der israelischen Armee ertönten zu Mittag in der Hafenstadt Ashdod Warnsirenen. Die Stadt liegt nördlich von Ashkelon an der Mittelmeerküste, wo nach israelischen Angaben zuvor ein Wohngebäude von einer Rakete getroffen wurde. Rettungskräften zufolge wurden sechs Menschen verletzt. Israels Luftwaffe hatte am frühen Morgen Ziele im Gazastreifen bombardiert.

Das Land ist in Alarmbereitschaft. Die für Dienstag geplante allgemeine Truppenübung wurde abgesagt. Generalstabschef Aviv Kochavi befahl, "alle Vorbereitungen für Eskalationszenarien zu treffen". Spitäler wurden beauftragt, sich auf "individuelle Anschlagsszenarien" vorzubereiten. Die Gegend nahe dem Gazastreifen wurde großräumig gesperrt, die Zugverbindung zwischen Ashkelon und Beersheva eingestellt. Am Dienstag bleiben Schulen in der Region gesperrt.

Raketenfeuer und Luftangriffe

Es hatte sich angebahnt: In den vergangenen Tagen waren wieder Raketen in den Süden Israels geflogen. Am späten Montagabend wurde dann in Jerusalem erstmals seit dem Sommer 2014 Raketenalarm ausgelöst. Ausgerechnet am "Jerusalemtag", an dem Massen an Familien aus den umliegenden Siedlungen in die Stadt gefahren waren, um hier auf der Straße die Eroberung des arabischen Ostteils von Jerusalem im Jahr 1967 zu feiern.

Zuvor waren bereits Proteste in der Stadt gewalttätig eskaliert: Auf dem Tempelberg lieferten sich Palästinenser und die israelische Polizei Auseinandersetzungen – mit etlichen Verletzten. Der militärische Arm der Hamas stellte Israel daraufhin ein Ultimatum, bis zum Abend die Sicherheitskräfte vom Areal der Al-Aksa-Moschee und aus dem Protestbrennpunkt, dem Viertel Sheikh Jarrah in Ostjerusalem, abzuziehen – sonst hagle es Raketen. Als Israel dem nicht nachkam, begann am Montagabend kurz nach 18 Uhr Ortszeit der Beschuss.

Der Armee zufolge wurden sechs Raketen in Richtung der Stadt abgeschossen. Zu Schaden kam dort ersten Berichten zufolge niemand. Insgesamt seien mehr als 200 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert worden, sagte ein israelischer Armeesprecher Dienstagfrüh. Gefährlich werden konnte davon nur ein Bruchteil: Die Erfolgsquote des israelischen Abfangsystems Iron Dome sei bei über 90 Prozent gelegen. Rund ein Drittel aller abgefangenen Raketen sei noch im Gazastreifen niedergegangen und habe wahrscheinlich dort Opfer zur Folge gehabt.

Bilanz in Gaza: 24 Tote nach israelischen Luftangriffen

In Reaktion auf den Raketenbeschuss führt die israelische Armee seit der Nacht Luftangriffe auf den Gazastreifen durch. Nach Angaben des Sprechers flog das Militär bisher rund 130 Angriffe auf militärische Ziele in dem Gebiet. Man befinde sich in einer frühen Phase des Gegenangriffs, sagte der Sprecher. 15 Mitglieder der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas und des Islamischen Jihad seien dabei getötet worden. Die palästinensischen Behörden meldeten, dass insgesamt 24 Palästinenser ums Leben gekommen seien, darunter neun Kinder. Mehr als 100 Menschen seien verletzt worden.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereitete seine Landsleute auf einen längeren Konflikt vor.
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Das israelische Sicherheitskabinett hatte Montagabend grünes Licht für einen größeren Angriff auf Gaza gegeben. Premier Benjamin Netanjahu hatte am Montagabend gesagt, der "gegenwärtige Konflikt könnte länger dauern", Israel werde "mit aller Macht" reagieren. Verteidigungsminister Benny Gantz genehmigte am Dienstag die Mobilisierung von 5.000 Reservisten. Israels Außenminister Gabi Ashkenasi brach am Dienstag wegen des eskalierenden Konflikts einen Besuch in Südkorea vorzeitig ab.

Kritik und Mahnungen aus dem Ausland

Die EU und die USA verurteilten die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen und forderten ein sofortiges Ende der Gewalt in dem abgeschotteten Küstengebiet und im von Israel besetzten Westjordanland. "Auch wenn alle Seiten Schritte zur Deeskalation unternehmen (müssen), hat Israel natürlich das Recht, sein Volk und Territorium vor diesen Angriffen zu schützen", betonte US-Außenminister Antony Blinken.

Scharfe Kritik an Israel kam indes von Saudi-Arabien, Jordanien und auch den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrein, die ihre Beziehungen mit Israel in den vergangenen Monaten normalisiert hatten. Die "unverhohlenen Angriffe" der "israelischen Besatzungskräfte" würden gegen "alle internationalen Normen und Gesetze" verstoßen, teilte das Außenministerium in Riad mit. Die Vereinigten Arabischen Emirate riefen Israel etwa dazu auf, Verantwortung zur Deeskalation zu übernehmen. Bahrain forderte ein "Ende der Provokationen gegen das Volk von Jerusalem".

Vereinnahmung der Proteste

Die Gewalteskalation in Israel und den Palästinensergebieten findet vor dem Hintergrund des Konflikts um die Beschlagnahmung mehrerer Häuser palästinensischer Familien im Viertel Sheikh Jarrah in Ostjerusalem statt. Die Hamas versucht die Proteste zu vereinnahmen, zum Teil mit Erfolg. Hamas-Sympathisanten erledigen rund um den Tempelberg die Arbeit an der Basis, verteilen Hamas-Flaggen und stacheln zu Attacken auf Juden auf.

Am Montag geriet dort die Lage schon vormittags völlig außer Kontrolle. Rund 8.000 Palästinenser verbarrikadierten sich nahe der Al-Aksa-Moschee. Sie bewarfen Polizisten mit Steinen und Feuerkörpern, die Polizei antwortete mit Gummigeschoßen, Tränengas und Blendgranaten. Bereits gegen elf Uhr zählten Rettungsorganisationen 215 Verletzte. Auch 20 Polizisten wurden verletzt. Später war von über 300 Verletzten die Rede, 50 waren in Spitalsbehandlung, vier davon in ernstem Zustand. Unter den Verletzten war auch ein sieben Monate altes Baby. Ein Stein hatte es am Kopf getroffen. Palästinensische Jugendliche hatten zudem ein Auto mit jüdischen Insassen angegriffen. Der Wagen kam ins Schleudern, einer der Angreifer wurde überfahren, sein Zustand ist unbekannt.

Die Eskalation der Gewalt nahm mit den Zusammenstößen an der Al-Aksa-Moschee in Ostjerusalem ihren Lauf.
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Auch am Abend lieferten sich Palästinenser und die israelische Polizei am Tempelberg neue Auseinandersetzungen. Dutzende Menschen seien verletzt worden, berichteten Augenzeugen. Zudem kam es auch im von Israel besetzten Westjordanland zu neuen Zusammenstößen. Augenzeugen sprachen von gewaltsamen Auseinandersetzungen unter anderem in Ramallah, Nablus und Hebron, bei denen es mehrere Verletzte gegeben habe.

Auch in Ortschaften im Norden und Süden Israels kam es nach Medienberichten zu zahlreichen gewaltsamen Demonstrationen israelischer Araber, bei denen Steine auf Polizisten geworfen wurden. Mehrere Fahrzeuge seien in Brand gesetzt worden. In der Stadt Lod wurde während Unruhen ein 25-jähriger Araber durch Schüsse tödlich verletzt. Nach Medienberichten handelt es sich bei dem Tatverdächtigen um einen jüdischen Einwohner der Stadt. Nach Polizeiangaben wurden bei den landesweiten Ausschreitungen Dutzende Menschen festgenommen.

Streit ums Narrativ

Der Jerusalemtag ist selbst in entspannteren Jahren emotional aufgeladen. Rechtsgesinnte jüdische Israelis marschieren in der Stadt auf, um das zu feiern, was sie "Wiedervereinigung" nennen: die Eroberung Ostjerusalems und der Altstadt im Sechstagekrieg vor 54 Jahren.

Was aus israelischer Sicht eine Wiedervereinigung war, ist für die Palästinenser eine Geschichte der Vertreibung, Besatzung, Unterdrückung. Und genau das, die Vertreibung aus den eigenen Häusern, ist das, was die Demonstranten im Ostjerusalemer Viertel Sheikh Jarrah seit Tagen auf der Straße anprangern. Auch die Uno sieht Ostjerusalem als besetztes Gebiet, die Beschlagnahmung von Häusern ist nach humanitärem Völkerrecht dort daher nicht zulässig.

Slogans und Todeswünsche

Von Vereinigung spürte man in der Stadt am Montag jedenfalls wenig: Im Westen feierten die Menschen Partys und tranken Bier, im Osten flogen Steine und Tränengasgranaten. Es fügte sich also alles ineinander an diesem heißen Montag an der Stadtmauer Jerusalems – auf explosive Weise.

Als wäre das nicht genug, waren gegen Mittag auch rechte jüdische Nationalisten aufmarschiert, die Slogans für ein jüdisches Jerusalem skandierten – manche von ihnen auch explizit gegen Araber, denen sie den Tod wünschten. Erst in letzter Sekunde wurde der Marsch auf Drängen der Armee auf eine andere Route umgeleitet. Er hätte durch das Damaskustor in die Altstadt führen sollen – einen der Brennpunkte der Zusammenstöße. (Maria Sterkl aus Jerusalem, fmo, 10.5.2021)