In Soho, London, ist die Stimmung in den Lokalen gut. Die Umsätze liegen aber noch unter Vorkrisenniveau.

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Die große Party hat begonnen. Seitdem Anfang April die Corona-Beschränkungen im Vereinigten Königreich gelockert wurden, haben Menschen nicht nur die Pubs gestürmt. Die Verkäufe von Chips, Dip-Saucen und Erdnüssen sind im Vergleich zum Vorjahr durch die Decke gegangen und haben um mehr als 1.000 Prozent zugelegt, zeigen aktuelle Zahlen des britischen Marktanalysten Sales Out. Nach Monaten des Lockdowns sind die Menschen offenbar froh, privat wieder Zeit miteinander zu verbringen, und das zeigt sich auch im Konsumverhalten.

Die Knabberlust der Briten wäre eine unbedeutende Meldung, würde sie sich nicht so gut in das Gesamtbild einfügen, das sich derzeit über die Entwicklung der Weltwirtschaft abzeichnet. Dieses sieht so aus: In Ländern, die bereits vor Österreich Corona-bedingte Einschränkungen zurückgefahren haben, deutet alles auf eine kräftige Erholung hin. Die Prognosen werden laufend nach oben korrigiert. Ein paar Beispiele:

  • Im Vereinigten Königreich ist die Pandemie dank des erfolgreichen Impfprogramms nahezu komplett zurückgedrängt worden. Das National Institute of Economic and Social Research, eine Art britisches Wifo, schätzt, dass die britische Wirtschaft heuer mit 5,7 Prozent wachsen wird. Noch vor zwei Monaten hatten die Ökonomen mit fast um die Hälfte weniger gerechnet. Die Bank of England ist noch optimistischer und rechnet mit einem Plus von mehr als sieben Prozent.
  • In den USA sitzen die Haushalte auf einem Geldberg, nun macht sich bezahlt, dass ein großer Teil der Wirtschaftshilfen in Form von Schecks an alle vergeben wurden. Bereits in den ersten drei Monaten des Jahres sind die Konsumausgaben in der größten Volkswirtschaft der Welt um zehn Prozent gestiegen. Die Amerikaner decken sich mit Fernsehern oder Kühlschränken ein. Nun wird erwartet, dass Dienstleistungen rasch nachziehen.
    Hier geht es gar nicht mehr nur um die Erholung nach dem tiefen Absturz im vergangenen Jahr, sagt der Ökonom Tan Kai Xian vom Analysten Gavecal. Die US-Wirtschaftsleistung ist bald dort, wo sie vor der Pandemie war, und dürfte heuer noch einmal kräftig zulegen.
  • Ähnlich positiv ist die Tendenz in Australien, wo Lockdowns kürzer waren und die Öffnungen schon vor längerer Zeit vollzogen wurden. Im vergangenen Jahr haben wegen der Einschränkungen 1,3 Millionen Australier ihren Job verloren. Der Arbeitsmarkt hat die Krise nun aber weitgehend abgeschüttelt: Bereits im Frühjahr ist die Beschäftigung über das Vorkrisenniveau gestiegen, die Arbeitslosigkeit nähert sich dem alten Wert an.

Hilfreicher Mix

Auch in Australien und dem Vereinigten Königreich treffen wie in den USA zwei wirkmächtige Faktoren zusammen. Das Ende der Corona-Einschränkungen führt zu einem "hedonistischen Wunsch zu konsumieren", wie es Ökonom Mario Holzer vom Wiener WIIW-Institut formuliert. Zugleich haben staatliche Hilfszahlungen dafür gesorgt, dass Geld da ist.

Die Haushalte haben im vergangenen Jahr Rekordsummen weggespart, da es kaum ausgegeben werden konnte. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 erscheint das Finanzsystem diesmal zudem solide aufgestellt, eine Kreditverknappung gibt es nicht. Die Notenbanken sorgen parallel dafür, dass Zinsen niedrig sind. Unternehmen, die investieren wollen, kommen also an Geld.

Die Wachstumsprognosen aus dem April erscheinen bereits veraltet, obwohl bereits damals ordentliches Wachstum prognostiziert wurde.

Heißt das auch, Österreich steht eine ähnlich gute Entwicklung bevor, wenn ab dem 19. Mai alles aufmacht? Josef Baumgartner vom Wifo klingt optimistisch. Er rechnet damit, dass die Prognosen auch für Österreich nach oben geschraubt werden. Die EU-Kommission hat das bereits getan und rechnet jetzt mit einem Wachstum von deutlich über drei Prozent heuer.

Zum einen, weil das Impfprogramm schneller Fortschritte macht als befürchtet. Bei der letzten Wifo-Prognose im März waren die Ökonomen davon ausgegangen, dass erst nach dem Sommer alle Impfwilligen immunisiert sind. Nun könnte es im Juni so weit sein. Dazu kommt, dass die bessere internationale Entwicklung, insbesondere in den USA, Österreich hilft. Die Exporte von Maschinen und Ausrüstungen dürften anziehen, wobei die Industrie ohnehin rundläuft. Noch ein Faktor sorgt dafür, dass Prognosen schneller nach oben gehen: Die Lockdowns, so wie etwa in Ostösterreich, haben weniger geschadet als gedacht. Die Wirtschaft hat sich offenbar besser auf dieses Umfeld eingestellt gehabt, Stichwort Take-away und "Click and Collect".

Die Wifo-Prognose vom März, die in einem rosigeren Szenario von 2,3 Prozent Wachstum für heuer ausgegangen war, ist jedenfalls überholt, mindestens ein Dreier vorne erscheint als gesichert.

Bleibende Schäden

Ist damit alles gut? Nein, auch da sind die Analysen eindeutig. Nicht alle Länder werden wie die USA und China das Vorkrisenniveau bei der Wertschöpfung schon heuer erreichen. Da gibt es auch eine Gruppe von Staaten, bei denen es frühestens im kommenden Jahr so weit sein wird. Hier gehör auch Österreich oder das Vereinigte Königreich dazu, wo der wirtschaftliche Absturz 2020 besonders heftig war.

Noch länger dauert die Krise für jene Menschen, die aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wurden: Laut einer Reuters-Umfrage unter 500 Ökonomen gehen die meisten davon aus, dass die Jobkrise in den kommenden zwei Jahren nicht überwunden sein wird. Australien bleibt also eine positive Ausnahme.

Dazu kommt, dass nun auch sichtbar werden dürfte, ob im Zuge der staatlichen Rettungsprogramme schwere Fehler gemacht worden sind, wie der Ökonom Vladimir Gligorov sagt. Eine Frage wird etwa sein, ob auch in Ländern wie Österreich, in denen zwar üppige staatliche Hilfen gezahlt worden sind, aber kaum direkt an Haushalte, ebenfalls ein Konsumboom ausbricht. Eine weitere Unbekannte ist, wie stark die erwartete Welle an Unternehmenspleiten wirklich ausfallen wird.

Schließlich deutet alles darauf hin, dass die staatlichen Ausgaben auch nach der Pandemie hoch bleiben werden. So sind laufend höhere Gesundheitsausgaben notwendig, etwa wegen der Impfprogramme. Und zusätzlich wird die Beseitigung der wirtschaftlichen Schäden weiter Geld kosten. Das Wifo schätzt, dass Österreichs Staatsschulden bis 2025 von aktuell 84 auf 88 Prozent steigen werden. Dank niedriger Zinsen ist das kein akutes Problem – doch Spielräume für von der Regierung geplante Steuersenkungen oder Klimainvestitionen, die fehlen nun. (András Szigetvari, 12.5.2021)