Care ist traditionell Frauensache, egal ob zu Hause oder im Gesundheitsbereich. Hier protestieren Krankenpflegerinnen in Frankreich für bessere Arbeitsbedingungen.

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"Die Frauen sind müde, sie sind erschöpft", sagt Korinna Schumann. Ein Pandemiejahr mit Doppel- und Dreifachbelastung habe viele an ihre Grenzen gebracht, ist die Bundesfrauenvorsitzende im ÖGB überzeugt. Schumann denkt an kräftezehrendes Homeschooling, an die Pflege älterer Angehöriger, die massiv gestiegene Frauenarbeitslosigkeit und belastende Arbeitsbedingungen in traditionellen Frauenbranchen wie dem Einzelhandel oder in Gesundheitsberufen.

Ein Befund, den der auch der kürzlich veröffentlichte Frauenmonitor der AK Oberösterreich unterstreicht. Die Lage der Frauen habe sich in den vergangenen Monaten noch einmal zugespitzt. So ist zuletzt auch die Langzeitarbeitslosigkeit von Frauen prozentuell stärker gestiegen als jene von Männern. Bei einer Nettoersatzrate von nur 55 Prozent sichert das Arbeitslosengeld Frauen deutlich schlechter ab, schließlich arbeiteten schon vor der Krise rund die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit – und das überwiegend in Branchen mit traditionell niedrigem Lohnniveau. Gerade einmal 1.590 Euro brutto weist der AMS-Gehaltskompass für eine Kindergartenpädagogin aus, auf dem Lohnzettel schlägt sich Systemrelevanz in der Regel kaum nieder.

Hebel Kinderbetreuung

Der ökonomische Druck, gepaart mit zusätzlicher Familienarbeit, ließ auch die psychische Belastung von Frauen ansteigen. Der vielzitierte Befund, dass Frauen das Land "durch die Krise getragen" hätten, blieb bisher dennoch weitgehend konsequenzlos. "In der Regierung herrscht frauenpolitisch großteils Schweigen", kritisiert Gewerkschafterin Schumann. Frauenministerin Susanne Raab verweist auf den Wiederaufbaufonds. 500 Millionen Euro würden in Projekte fließen, "von denen Frauen ganz besonders profitieren", heißt es in einer Aussendung. Eine Umschulungs- und Weiterbildungsoffensive soll darin ebenso enthalten sein wie der Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Unterstützungsangebote für junge Mütter.

Schon seit Jahrzehnten fordern feministische Initiativen den flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen ein – auch abseits der urbanen Zentren. "Manche Forderungen müssen wir eben gebetsmühlenartig wiederholen", sagt Korinna Schumann. Die Gewerkschaft möchte einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung durchsetzen, für Frauen sei er ein Schlüsselfaktor auf dem Weg zur eigenständigen Existenzsicherung.

Care ist traditionell Frauensache, auch in der Pandemie reduzierten Mütter stärker als Väter ihre Erwerbsarbeit zugunsten der Familie, wie internationale Erhebungen zeigen. Und auch die Art, wie wir arbeiten, könnte sich verändern. In Großbritannien wollen 69 Prozent der Mütter mit Homeoffice-Option künftig mindestens einmal pro Woche von zu Hause aus arbeiten, in der kürzlich veröffentlichten Umfrage geben das jedoch nur 56 Prozent der Väter an. Männerdominierte Büros könnten auch langfristige Folgen für die Berufskarriere haben, warnen Expertinnen.

Gemeinschaftsküche statt Mutter-Vater-Kind

"Der ganze Care-Bereich wurde in der Krisenpolitik überhaupt nicht mitgedacht", sagt indes Barbara Stefan. Die Sozialwissenschafterin engagiert sich im "Aufstand der Alleinerziehenden", seit dem vergangenen Jahr ist sie auch bei Links aktiv. Die Pandemie habe nicht nur die Bedeutung der sogenannten systemrelevanten Berufe aufgezeigt, ist Stefan überzeugt: "Wir sehen jetzt noch deutlicher, dass wir die Krise der Reproduktion nicht individuell lösen können."

Statt Care-Arbeit kleinfamiliären Strukturen zu überlassen, brauche es eine neue Form der Vergesellschaftung, sagt Stefan. Geld müsse endlich in jene Sektoren fließen, die feministische Ökonominnen unermüdlich ins Scheinwerferlicht rücken: in den Gesundheitssektor, in Pflegeeinrichtungen, Schulen und Kindergärten – mit kleineren Gruppen. Aber auch konkretere Ideen hat Stefan. "Warum denken wir nicht wieder über Kantinen nach, über Wäschereien, über eine kollektivere Form der Hausarbeit?"

Kleinfamiliäre Strukturen sind indes auch auf sogenannte Global Care Chains angewiesen. Zehntausende Migrantinnen aus Niedriglohnländern pendeln nach Österreich, um in privaten Haushalten zu arbeiten. So auch 24-Stunden-Betreuer*innen: Rund 60.000 Personen – über neunzig Prozent Frauen – sind hierzulande tätig, die meisten von ihnen reisen aus Rumänien oder der Slowakei an. Die Probleme der Branche liegen seit Jahren offen: ein Wildwuchs an Vermittlungsagenturen, zum Teil fragwürdige Geschäftspraktiken, niedrige Verdienste für die Betreuer*innen.

Die Pandemie habe der Berufsgruppe mit einem Schlag neue Öffentlichkeit verschafft, erzählt Flavia Matei. Die Architektin kämpft seit über fünf Jahren an der Seite von 24-Stunden-Betreuer*innen, im Beratungsteam von DREPT unterstützt sie Frauen bei immer wiederkehrenden Problemen: etwa hohe Nachzahlungen an die Sozialversicherung, unwürdige Wohnverhältnisse oder auch Gewalt am Arbeitsplatz. Als Selbständige würden die Personenbetreuerinnen häufig von einer Stelle zur nächsten geschickt, niemand fühle sich zuständig für die migrantischen Unternehmerinnen – die schlichtweg Scheinselbständige seien, wie Matei betont. Unternehmerische Freiheit existiere für 24-Stunden-Betreuer*innen schließlich nicht: So ist es nicht möglich, für mehrere Klient*innen gleichzeitig zu arbeiten, die Vertragsbedingungen würden vielfach von den Vermittlungsagenturen diktiert.

Solidarität und Selbstermächtigung

Dass 24-Stunden-Betreuer*innen nicht angestellt sind, sondern ein Gewerbe betreiben, würden viele von ihnen gar nicht wissen, erzählt Dora Anelita Bolfa, die aktuell in Kärnten arbeitet. Bolfa ist mit vielen Kolleginnen per Whatsapp vernetzt, beim Antrag für den Härtefallfonds bot sie Unterstützung an. In Gesprächen habe sich herausgestellt, dass viele gar nicht wussten, was ein Gewerbeschein ist. "Das hat mich wirklich geschockt", erzählt Bolfa im STANDARD-Interview. Viele Stunden pro Woche ist die Personenbetreuerin seither bei DREPT aktiv, sie vernetzt Kolleginnen, gibt Hilfestellungen bei arbeitsrechtlichen Fragen.

"Es gibt Tage, da bin ich einfach nur müde, aber unsere Treffen geben mir Kraft", sagt Bolfa. Die Rumänin kämpft aber auch für ihre eigene Zukunft. "Ich arbeite seit sechs Jahren in Österreich, aber ich habe keine Aussicht auf eine Pension, von der ich leben kann", sagt sie.

Regelmäßig stehen Medientermine in ihrem Kalender, vor kurzem wurde der neu gegründete Verein IG 24 mit der "Sozialmarie" ausgezeichnet. Sich gegenseitig von den eigenen Problemen zu erzählen, das genüge nicht, sagt Bolfa, um politisch Gehör zu finden, brauche es den Schritt in die Öffentlichkeit.

Initiativen wie DREPT sind für Barbara Stefan zukunftsweisend. "Die Überlastung von Frauen in systemrelevanten Berufen erfordert wieder eine stärke gewerkschaftliche Basisorgansierung", sagt die Alleinerziehenden-Aktivistin. Stefan denkt an Streiks, an Solidarisierung über Branchen hinweg. Sich selbstermächtigen und sich solidarisch zeigen – "anders werden wir keine nachhaltigen Verbesserungen erreichen." (Brigitte Theißl, 16.5.2021)