Die Unterscheidung zwischen "israelische Araber" und "Palästinenser", wie hier in Ramallah, gilt nicht mehr.

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Der Gemüseverkäufer, der gutsortierte Buchladen, sogar die Apotheke: Alles hat zu. So stumm ist es hier sonst nie, in der Salah-E-Din-Straße in Ostjerusalem, wo sich an anderen Tagen die Autos durch den Stau hupen und von Fußgängern umzingelt werden, für die auf dem Gehsteig kein Platz ist.

Nur ein Papierfachgeschäft in einer Seitengasse hat offen. "Wir sperren gleich zu", sagt die Verkäuferin leise. Sie hat das heute vielleicht schon öfter gesagt.

Alle Palästinenser sind aufgerufen, für einen Tag in den Generalstreik zu treten. Gegen "Krieg und Attacken gegen Araber", so heißt es. Dabei geht es nicht nur um Gaza, sondern auch um die geplanten Zwangsräumungen in Jerusalem. Aber auch um das Gefühl, dass die Polizei gegen Araber mit besonderer Härte vorgeht, dafür aber die prügelnden Rechtsextremen nicht davon abhält, Araber zu attackieren – oder auch Juden, die sie für "Araberfreunde" halten.

Doppelter Druck

Viele israelische Araber stehen an diesem Streiktag unter Druck von zwei Seiten: einerseits von ihrem Gewissen oder ihrem sozialen Umfeld, das von ihnen erwartet, heute kein Streikbrecher zu sein. "Wenn einer umfällt, sind alle schwach", so bringt es ein junger Ostjerusalemer auf den Punkt. Andererseits aber zum Teil auch von ihren israelischen Chefs. "Was hat das mit uns zu tun", habe ihre Vorgesetzte gefragt, erzählt eine Sekretärin aus Jerusalem. "Ich habe ihr geantwortet: Der Schmerz der Araber ist mein Schmerz."

Der Streik machte deutlich, dass die Einteilung in "israelische Araber" im Inneren und "Palästinenser" im Äußeren nicht mehr greift. Auf den Straßen zeigt sich die neue palästinensische Verbundenheit – und nicht allen behagt das.

Eine Gruppenleiterin in einem jüdisch-arabischen Jugendtreff sagt, sie habe vergeblich versucht, ihrer Vorgesetzten zu erklären, dass das keine antiisraelische Hetzkampagne sei. "Sie verlangt von mir, einfach still zu bleiben, wenn ich sehe, dass die Polizei nichts gegen die Gewalt gegen uns tut", sagt die 38-Jährige. "Aber das kann ich nicht."

Das israelische Fernsehen berichtet über Fälle, in denen Beschäftigten im Fall einer Teilnahme mit der Kündigung gedroht wurde, in einzelnen Fällen sei die Entlassung sogar ausgesprochen worden. Auch im Gesundheitssystem wurde das Fehlen der arabischen Beschäftigten zum Teil spürbar. "Bei uns ist mindestens ein Drittel der Ärzte im Streik", erzählt der Leiter einer Klinik in Ostjerusalem. In den Palästinensergebieten gab es Massendemonstrationen mit zum Teil gewaltsamen Zusammenstößen. An mehreren Checkpoints im Westjordanland lieferten sich Palästinenser mit israelischen Sicherheitskräften heftige Gefechte. Dienstagnachmittag begannen auch in Ostjerusalem an mehreren Orten Proteste zu eskalieren.

Immer mehr Raketen

Indes nimmt der Raketenbeschuss auf israelische Wohngebiete kein Ende. Im Süden Israels wurde am Dienstag ein Wohnhaus getroffen, zwei Menschen wurden getötet, sieben verletzt. An einem israelischen Grenzübergang Richtung Gaza wurden am Dienstag Lieferungen mit Hilfsgütern und Treibstoff zugelassen, dabei feuerten Terroristen in Gaza eine Granate ab, ein Soldat wurde verletzt.

Die internationale Gemeinschaft drängt weiter auf eine baldige Waffenruhe. Der UN-Sicherheitsrat tagte am Dienstag erneut, ebenso die EU-Außenminister, und US-Präsident Joe Biden führte sein drittes Telefonat mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. Ein weiterer Zwischenfall im Norden nährt im israelischen Verteidigungsapparat die Sorge, dass sich die Grenze zum Libanon zu einer neuen Front auswachsen könnte. Nach Angaben des Militärs wurden an der Grenze sechs Raketen abgefeuert, sie landeten auf libanesischem Gebiet. Israel habe mit Artilleriebeschuss reagiert. (Maria Sterkl aus Ostjerusalem, 18.5.2021)