Lange Zeit beschränkte sich das menschliche Interesse am Grönlandhai (Somniosus microcephalus) vor allem darauf, wie man sein mit giftigen Stoffwechselprodukten angereichertes Fleisch einigermaßen genießbar zubereiten kann. In Island ist das Hákarl genannte, geschmacklich gewöhnungsbedürftige Haifleisch ein traditionelles Gericht, das für die Inselbewohner einst eine wichtige Nährstoffquelle in den langen, kalten Wintern darstellte. Wie außergewöhnlich die Tiere, die seit Jahrhunderten auf isländischen Tellern landen, eigentlich sind, kommt erst nach und nach ans Licht.

Altersrekordhalter: Der Grönlandhai überdauert Jahrhunderte.
Foto: Hemming1952

Ganz einfach geben die vorwiegend in den Tiefen der arktischen Regionen des Nordatlantiks beheimateten Haie ihre Geheimnisse aber auch nicht preis. Dass sie wohl sehr alt werden können, wurde aufgrund ihres langsamen Wachstums und der imposanten Größe, die sie erreichen, schon länger angenommen – Körperlängen von bis zu sieben Metern sind dokumentiert. Doch Sichtungen lebender Grönlandhaie sind selten, und konventionelle Altersbestimmungen scheitern bei diesen Knorpelfischen am Mangel an verkalktem Gewebe.

Langlebige Riesen

2016 griffen Wissenschafter der Universität Kopenhagen daher zu einer anderen Methode. Sie analysierten bei insgesamt 28 Grönlandhaien Proteine in den Augenlinsen, die sich schon im Mutterleib bilden, um daraus das Alter abzuleiten. Das verblüffende Ergebnis der Studie: Die untersuchten Tiere waren im Schnitt 272 Jahre alt. Das größte, mehr als fünf Meter lange Exemplar kam auf rund 390 Jahre – es schwamm also schon durch den Atlantik, als Ludwig XIV. den französischen Thron bestieg.

Forscher gehen inzwischen davon aus, dass Grönlandhaie sogar ein Alter von annähernd 500 Jahren erreichen können – und damit die Lebensspanne jedes anderen Wirbeltiers auf unserem Planeten übertreffen. Nicht zuletzt deshalb sind die enigmatischen Meeresbewohner in letzter Zeit stärker in den Fokus der Forschung gerückt.

Über die Lebensweise der langlebigen Riesen ist noch vieles unbekannt.
Foto: Reuters

Wie gemächlich das Leben der Grönlandhaie abläuft, sofern sie nicht in einem Fischernetz landen, verdeutlicht schon ihre Fortpflanzung: Geschlechtsreif werden die Tiere mit rund 150 Jahren, die Dauer der Trächtigkeit wird auf acht bis 18 Jahre geschätzt. Die Haie sind ovovivipar, Jungtiere schlüpfen also noch im Mutterleib aus den Eiern und werden dann mit einer Größe von etwa 40 Zentimetern geboren.

Wo Grönlandhaie, die bis zu zwei Kilometer tief tauchen können, ihre Jungen zur Welt bringen und wie viel Nachwuchs es gibt, ist hingegen unklar. Neugeborene Grönlandhaie wurden bisher kaum je gesichtet. Ihre langsame Reproduktion, die zunehmende Überfischung und die Folgen des Klimawandels lassen befürchten, dass die einzigartige Spezies längst gefährdet sein dürfte.

Träger Jäger

Fast alles scheint bei diesen Tieren extrem langsam abzulaufen, von ihren Bewegungen bis hin zum Stoffwechsel. Forscher haben etwa herausgefunden, dass das Herz eines Grönlandhais durchschnittlich nur einmal alle zehn Sekunden schlägt und der Blutdruck viel niedriger ist als bei anderen Haiarten. Und doch scheinen Grönlandhaie nicht ausschließlich die passiven Aasfresser am Meeresgrund zu sein, für die man sie lange hielt: In den Mägen gefangener Tiere werden häufig Überreste von Robben gefunden, was auf ein aktives Jagdverhalten hindeutet. Wie die ansonsten trägen Haie dabei vorgehen, ist aber nicht bekannt.

Der gemächliche Grönlandhai kann auch anders, wie Funde in seinem Magen zeigen.
Foto: Reuters

Blick ins uralte Haigehirn

Einen ganz anderen Einblick in die Physiologie der außergewöhnlich langlebigen Meeresbewohner konnte im Vorjahr ein deutsch-isländisches Forscherteam gewinnen: Die Wissenschafter untersuchten das Gehirn eines Grönlandhais, der als ungewollter Beifang in einem Netz gelandet war. Die Untersuchung ergab ein Alter von rund 250 Jahren – damit konnten die Neuropathologen einen Rekord vermelden: Noch nie zuvor war ein Gehirn mit einem so hohen absoluten Alter untersucht worden, berichtet Daniel Erny vom Universitätsklinikum Freiburg, Erstautor der Studie, im Fachblatt Acta Neuropathologica.

Für neurodegenerative Erkrankungen beim Menschen gilt das Alter als größtes Risiko. "Beim Menschen ist es so: Je älter das Gehirn wird, desto häufiger gibt es neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer", sagt der Neuropathologe. "Für uns war daher die naheliegende Frage: Finden wir in einem so alten Gehirn Hinweise auf pathologische Veränderungen?"

Neurologischer Jungspund

Erny und seine Kollegen untersuchten das Organ mithilfe hochauflösender Mikroskopietechniken und kamen zu einem erstaunlichen Befund: Trotz seines Rekordalters zeigte das Gehirn keinerlei Anzeichen für neurodegenerative Schäden. "Ohne Wissen um die Umstände hätte man nicht darauf schließen können, dass dieses Gehirn knapp 250 Jahre alt war", sagt Erny.

Die Nervenzellen im Gehirn eines etwa 250 Jahre alten Tieres zeigten keine Anzeichen für pathologische Veränderungen.
Foto: Daniel Erny

Die Untersuchung des Gehirns des hochbetagten Hais zeige, dass das chronologische Alter allein nicht als Hauptrisiko für neurodegenerative Veränderungen gelten könne: Vielmehr seien neben genetischen Faktoren auch Umwelteinflüsse und artspezifische Faktoren entscheidend. Welche das sind, müssen künftige Untersuchungen zeigen.

Vor allem genetische Details könnten für die Medizin interessant sein: "Das Genom des Grönlandhais ist leider noch nicht beschrieben worden, das wäre ein wichtiger Schritt." In Vergleichsstudien könnte man dann etwa untersuchen, wie sich bestimmte Gene für den Stoffwechsel, das Immunsystem oder andere wichtige Funktionen bei den Tieren von jenen bei Menschen unterscheiden. "Davon kann man sicher neue Erkenntnisse ableiten – nicht nur, was das Gehirn betrifft." (David Rennert, 20.5.2021)