Reverend Robert R. A. Turner, Pastor der Vernon African Methodist Episcopal Church in Tulsa, im Gebet für die 300 Toten des Massakers vom 31. Mai bis 2. Juni 1921.

Foto: AP Photo/John Locher

Kürzlich sprach Viola Fletcher im US-Repräsentantenhaus vom Trauma ihrer Kindheit. Von Schreckensszenen, deren Zeugin sie als Siebenjährige wurde. "Noch heute sehe ich schwarze Männer, die erschossen werden. Ich sehe schwarze Leichen in den Straßen liegen. Noch heute rieche ich den Qualm, sehe die niedergebrannten Läden, höre die Flugzeuge über unseren Köpfen, höre die Schreie."

Es war schon deshalb ein denkwürdiger Auftritt, weil Fletcher mit ihren 107 Jahren zu den Ältesten gehörte, die man je zu einer parlamentarischen Anhörung geladen hat. Es ging um die Frage, wie die USA ein Kapitel ihrer Geschichte aufarbeiten, das man lange unter den Teppich gekehrt hat. Am 1. Juni 1921 wurde Tulsa, eine Ölstadt in Oklahoma, zum Schauplatz einer Gewaltorgie, die damit endete, dass ein ganzes Viertel nur noch aus verkohlten Trümmern bestand.

Greenwood, so der Name des Stadtteils, symbolisierte zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte des schwarzen Amerika. Fast alle der rund zehntausend Bewohner hatten dunkle Haut, in Greenwood zeigten sie, wozu die Kinder und Enkel von Sklaven fähig sind, wenn man sie nur machen lässt. Es lag am lokalen Unternehmergeist, dass die Boomtown im Norden von Tulsa den Beinamen "Black Wall Street" trug. Bis ein weißer Mob innerhalb von 24 Stunden schätzungsweise 300 Menschen ermordete, reihenweise Geschäfte in Brand steckte und von der schwarzen Wall Street nichts übrigließ.

"Das Ende einer Kindheit"

In der Nacht zum 1. Juni, so schilderte es Viola Fletcher, seien sie und ihre fünf Geschwister von den Eltern geweckt worden. "Wir müssen weg", hörte sie, es sei keine Zeit zu verlieren. "Es war das Ende einer Kindheit, in der es mir an nichts fehlte." Die Schule habe sie dann – durch das Trauma der Flucht geprägt –, während die Familie in Armut versank, schon nach der vierten Klasse verlassen. Ein Berufsleben lang habe sie als Haushaltshilfe gearbeitet und wenig verdient, erzählte die greise Frau. "Ich bin jetzt 107 Jahre alt, und Gerechtigkeit ist mir bis heute nicht widerfahren."

Auf der Tagesordnung stehen Entschädigungszahlungen an die Überlebenden – beziehungsweise deren Nachkommen. 2001 war eine Bürgerinitiative entstanden, die "Tulsa Reparations Coalition", um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Der Bundesstaat Oklahoma wies jede Verantwortung von sich, obwohl sowohl Soldaten der Nationalgarde als auch Polizisten gemeinsame Sache mit den Angreifern gemacht hatten. 2005 urteilte der Oberste Gerichtshof in Washington im Sinne Oklahomas, indem er es ablehnte, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Erst jetzt, kurz vor dem 100. Jahrestag des Massakers, haben demokratische Kongressabgeordnete ein Gesetz eingebracht, das Wiedergutmachung garantiert, falls es verabschiedet wird.

Begonnen hatte es am 30. Mai 1921 mit einem Zwischenfall in einem Fahrstuhl. Dick Rowland, ein schwarzer Schuhputzer, 19 Jahre alt, war in einem Bürohaus im Zentrum in einem Lift gefahren, den die 17-jährige Weiße Sarah Page bediente. Als sich im Parterre die Fahrstuhltüren öffneten, schrie sie, sie sei attackiert worden. Von der Polizei verhaftet, gibt Rowland zu Protokoll, er sei Page versehentlich auf den Fuß getreten, worauf diese sich so erschrocken habe, dass sie gefallen sei und er sie aufzufangen versucht habe. Der Herausgeber des Lokalblatts Tulsa Tribune, ein Sympathisant des Ku-Klux-Klan, schreibt einen Leitartikel, in dem er unverhohlen zur Selbstjustiz aufruft. "To Lynch Negro Tonight" steht über dem Text.

... und dann löste sich ein Schuss

Rowland wird ins Gerichtsgebäude gebracht, vor dessen Eingang sich ein weißer Mob versammelt, man rechnet mit dem Schlimmsten. Ein Konvoi Bewaffneter macht sich auf den Weg zum Courthouse, um Rowland vor dem drohenden Lynchmord zu retten. Zunächst kann der Sheriff die Männer beschwichtigen: Er werde den Inhaftierten beschützen, koste es, was es wolle. Doch vor dem Gebäude, wo die Menge aufgeputschter Menschen auf zweitausend angewachsen ist, löst sich im Handgemenge ein Schuss.

Marodeure rücken auf Greenwood vor, am frühen Morgen des 1. Juni beginnt ein Maschinengewehr zu knattern. Es ist, schreibt der Autor Tim Madigan in seinem Buch "The Burning", das Signal zur Invasion. Bewohner, die sich mit Gewehren und Revolvern zur Wehr setzen, haben keine Chance gegen die weiße Übermacht. Nach Sonnenaufgang wird Greenwood auch aus der Luft attackiert, aus Flugzeugen werden Terpentinbomben abgeworfen.

Keiner der Angreifer muss sich je einem Richter stellen. Gegen 56 Afroamerikaner wird dagegen wenige Tage nach dem Gemetzel Klage erhoben. Die Stadt wirft ihnen vor, durch "wildes" und "ungestümes" Verhalten einen Aufruhr ausgelöst und auf "die friedlichen Bürger von Tulsa" geschossen zu haben. Erst 2007 lässt sie die Anklage in aller Form fallen. (Frank Herrmann aus Washington, 1.6.2021)