"Da oben ist halt nichts. Außer dieser ganze Milliardärsschas", sagt mein Freund, der wilde Künstler. Wir sprechen über das Ehe-Aus von Melinda und Bill Gates. "Wie meinst du das?", frage ich. "Mit Milliarden jonglieren, das ist nicht philanthropisch. Das sind Steuerabschreibmodelle. Und dann war dieser Microsoft-Nerd auch noch fasziniert von Jeffrey Epsteins Lifestyle!" Anstatt sich in solchen Abgründen zu verlaufen oder den Partner anders hinters Licht zu führen, plädiert mein Freund für faire, offene Beziehungen.

Eine geregelte offene Ehe also, in der Treue verbindlich neu definiert wird. Nach einem Jahr Corona ist man versucht, dieses Arrangement in neuem Licht zu betrachten. Scheidungsanwälte haben Hochsaison. Dating-Hotlines für schnellen, heimlichen Sex ebenso.

Treue bis in den Tod

Kurz vor dieser Unterredung saß ich in einem Gastgarten. "Wie schön es bei euch ist", sagte ich zu meiner Lieblingswirtin. "Und dazu all diese tollen, glücklichen Familien." "Die Idylle täuscht", antwortete sie und warf einen diskreten Blick in die Runde. "Wenn du wüsstest, wie oft sich diese Frauen und Männer bei mir ausweinen, sobald wir allein sind. Die haben zum Teil seit drei, fünf oder zehn Jahren keinen Sex mehr. Zero!"

"Die Liebe ist monogam", sagt der Schweizer Paartherapeut Klaus Heer, "nur der Mensch ist es nicht."
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Kann es sein, dass wir uns ein moralisches Konstrukt aufgehalst haben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist? Man braucht sich nur im eigenen Freundeskreis umhören: Wie viele Paare greifen sich nach zwanzig Jahren überhaupt noch an? Ja, es gibt sie, diese beneidenswerten, inspirierenden Ausnahmen. Aber bei aller Liebe: Nicht jeder Bergsteiger ist gebaut für die Tour zum Mount Everest. "Die Liebe ist monogam", sagt der Schweizer Paartherapeut Klaus Heer, "nur der Mensch ist es nicht."

Backfisch-Romanzen

Evolutionsbiologisch sind wir nicht für ewige Treue gemacht, behauptet die Wissenschaft. Vor diesem Hintergrund scheint es ziemlich naiv, sich alle paar Jahre eine neue Backfisch-Romanze anzulachen – nur um schon bald wieder am selben Punkt anzukommen. Noch trauriger sind bloß die Zutaten des wiederholten Seitensprungs: Heuchelei, Täuschung, Manipulation und Niedertracht. Perfide, den Partner damit wieder und wieder herabzusetzen.

Was spricht dafür, dieses Dilemma auszusitzen? Man ist verbunden durch Liebe und Freundschaft, hat sich über die Jahre einiges aufgebaut. Jetzt geht es um die Würde des Lebenspartners. Wie wäre es, wenn wir dieses Gut als Gesellschaft neu verhandeln?

(Ela Angerer, RONDO, 16.6.2021)