Euro-Ticker: Eröffnungsspiel Türkei vs. Italien, Fr., 21 Uhr

Umfrage: Türkei vs. Italien: Wer wird das Spiel gewinnen?

Mit dem Anpfiff zum Eröffnungsspiel in Rom, in dem nur auf dem Papier die Türkei als Gastgeber fungiert, gehen für Italien am Freitag um 21 Uhr gleich zwei Albträume auf einmal zu Ende. Einerseits soll die Squadra von Trainer Roberto Mancini die Schmach der verpassten WM 2018 in Russland vergessen machen: Das Ausscheiden in der Barrage gegen die Schweden im November 2017 war vom damaligen Verbandspräsidenten Carlo Tavecchio als "Apokalypse" bezeichnet worden – keine Untertreibung. Der vierfache Weltmeister musste erstmals nach 60 Jahren eine WM am Fernseher mitverfolgen.

Buben bei einem Kickerl vor dem Olympiastadion in Rom. Am Freitag erfolgt drinnen der Ankick zur EM.
Foto: AP / Alessandra Tarantino

Andererseits fällt der EM-Beginn zusammen mit weitreichenden, von der Regierung Mario Draghis unlängst beschlossenen Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Nach fast 130.000 Toten und 40 Millionen verabreichten Impfdosen sehnt sich das Land nach Normalität, nach Unbeschwertheit, nach gemeinsamem Feiern. Seit Anfang dieser Woche ist erst um 24 Uhr Sperrstunde – Siege der "Azzurri" könnten also wie in den guten alten Zeiten mit Autokorsos und einem Sprung in die Brunnen gefeiert werden.

Präsident nimmt Platz

Dass es am Freitag für Italien um mehr geht als um ein bloßes Eröffnungsspiel, lässt sich auch daran ablesen, dass auf der Ehrentribüne des Römer Olympiastadions auch Staatspräsident Sergio Mattarella Platz nehmen wird. Üblicherweise sind Italiens Staatsoberhäupter nur bei Endspielen mit italienischer Beteiligung dabei. Doch bei dieser EM markiert bereits der Turnierbeginn, und nicht ein eventueller Titelgewinn, die nationale Wiederauferstehung. Die Wirtschaft hat den Neubeginn bereits antizipiert: Laut den jüngsten Prognosen der Experten wird Italiens Wirtschaft heuer um mehr als fünf Prozent wachsen. 2006, beim letzten WM-Titel der Squadra, hatte sich das Bruttosozialprodukt um zwei Prozent erhöht.

Vom Gewinn des EM-Titels wagt in Italien vor dem ersten Spiel zwar kaum jemand zu reden. Aber in den Augen der meisten Tifosi gehört das Team zum erweiterten Favoritenkreis. Die Erwartungen sind Resultat der ausgezeichneten Arbeit von Trainer Mancini (56). Der stets elegant gekleidete "Mister", der für das italienische Luxus-Modelabel Paul & Shark modelt, hatte die völlig demoralisierte Mannschaft im Mai 2018 übernommen und auf zahlreichen Positionen verändert und verjüngt. "Mancio", wie der frühere Mittelfeld- und Teamspieler genannt wird, lässt einen modernen, offensiven Fußball spielen, der auf Ballbesitz und frühes Pressing setzt. "Bella e impossibile" nannte die "Gazzetta dello Sport" die Squadra Azzurra und ihre Spielweise in Anlehnung an einen Hit von Gianna Nannini – "schön und unmöglich".

Eine tolle Serie

"Impossibile" bezieht sich dabei auf die Unmöglichkeit, die wahre Stärke der Mannschaft einzuschätzen. In der Qualifikation zur EM sind Mancinis Männer durchmarschiert: zehn Spiele, zehn Siege, 37 erzielte Tore. Italien ist in 26 Partien unbesiegt, spielte zuletzt achtmal zu null. Freilich – in der EM-Qualifikation waren Finnland, Liechtenstein, Griechenland, Armenien und Bosnien-Herzegowina die Gegner. Wie sich Italien gegen stärkere Kaliber schlägt, bleibt abzuwarten. Weitere Gegner in Gruppe A sind die Schweiz und Wales, die einander am Samstag begegnen.

Giovanni Di Lorenzo (links), Lorenzo Insigne (rechts) und Kollegen im Training.
Foto: APA/AFP/MEDICHINI

Bei Italien dreht sich viel um Marco Verratti, den Spielgestalter von Paris Saint-Germain, der heute wegen einer nicht ganz ausgeheilten Knieverletzung noch passen muss. Aber einen eigentlichen Team-Leader sucht man vergeblich: Nach der Apokalypse gegen Schweden zählt für Mancini allein die Mannschaft, das Zusammenspiel, das Projekt.

Die Azzurri sind damit das Abbild dessen, was sich in Italien auch auf politischer Ebene abgespielt hat: Der Schrecken der Pandemie, die Apokalypse von Bergamo und anderen Städten Norditaliens führte im Februar zur Bildung der Regierung der nationalen Einheit unter Mario Draghi. Einzel- und Parteiinteressen haben seither wenig Platz. Dank Draghi steht Italien kurz davor, die Pandemie hinter sich zu lassen. Ab Freitag ist es nun an Mancini und seiner Squadra, das Projekt der Wiederauferstehung zu vollenden. (Dominik Straub aus Rom, 11.6.2021)

Gruppe A, 1. Runde:

Türkei – Italien (Rom, Stadio Olimpico, 21.00 Uhr/live ORF 1, SR Makkelie/NED)

Türkei: 23 Cakir – 2 Celik, 3 Demiral, 4 Söyüncü, 13 Meras – 6 Tufan, 5 Yokuslu – 9 Karaman, 11 Yazici, 10 Calhanoglu – 17 B. Yilmaz

Ersatz: 1 Günok, 12 Bayindir – 15 Kabak, 18 R. Yilmaz, 22 Ayhan, 25 Müldür, 8 Toköz, 14 Antalyali, 19 Kökcü, 20 Ömür, 21 Kahveci, 24 Aktürkoglu, 26 Dervisoglu, 7 Ünder, 16 Ünal

Italien: 21 Donnarumma – 24 Florenzi, 3 Chiellini, 19 Bonucci, 4 Spinazzola – 18 Barella, 8 Jorginho, 5 Locatelli – 14 Chiesa, 17 Immobile, 10 Insigne

Ersatz: 1 Sirigu, 26 Meret – 2 Di Lorenzo, 13 Emerson, 15 Acerbi, 23 Bastoni, 25 Toloi, 7 Castrovilli, 12 Pessina, 16 Cristante, 20 Bernardeschi, 9 Belotti, 11 Bernardi, 22 Raspadori

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