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Es war schon fast ein bisschen unheimlich. "Der Abänderungsantrag wurde abgelehnt" – so lautete einer der am meisten gesprochenen Sätze am Grünen Wahlparteitag bis zum Samstagnachmittag. Brav und willig folgten die Delegierten den Vorschlägen ihrer Grünen Parteispitze. All jene, die ein schärferes Profil wollten – etwa mit einem höheren CO2-Preis, einem höheren Mindestlohn oder einem niedrigeren Tempolimit – wurden in die Schranken gewiesen.

Wir wollen regieren, so lautete die Botschaft des Parteitages. Natürlich: Wer mehr Klimaschutz möchte, der muss auch schärfere Maßnahmen ergreifen. Das haben die Grünen auch vor. Aber ganz so streng wollen sie nun auch wieder nicht sein. Denn was nützt es, Forderungen zu stellen, die viele Wählerinnen und Wähler verschrecken, und für deren Umsetzung man dann auch noch keinen Koalitionspartner findet?

Inhaltlich also konnten die Parteichefs Robert Habeck und Annalena Baerbock einen Erfolg verbuchen.

Auch die Wahl Baerbocks zur ersten Grünen Kanzlerkandidatin ließ nicht zu wünschen übrig. Sie erhielt 98,5 Prozent – auch das ist fast schon unheimlich. Offensichtlich hatten die Grünen nach den Schwierigkeiten der vergangenen Wochen das große Bedürfnis, für Harmonie zu sorgen und nicht mit Streit für noch mehr Gegenwind.

Doch ob das für den großen Befreiungsschlag reicht, ist fraglich. Baerbocks Rede war ambitioniert, aber keine, die die Massen vom Hocker zu reißen vermochte. Und es sei auch kurz an Martin Schulz erinnert. Der erhielt bei seiner Wahl zum Kanzlerkandidaten im Bundestagswahlkampf 2017 vom SPD-Parteitag sogar 100 Prozent Zustimmung. Ins Ziel kam er am Wahltag mit schwachen 20,5 Prozent, zwölf Punkte hinter der Union. Baerbock mag nach den Patzern ihre Partei überzeugt und versöhnt haben. Bei den Wählerinnen und Wählern muss das erst noch gelingen. (Birgit Baumann, 12.6.2021)