Die dänische Nationalmannschaft demonstrierte im Moment des Unglücks Zusammenhalt und menschliche Größe.

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Kopenhagen – Christian Eriksen ist nach Angaben des dänischen Teamarztes am Samstag bei der Fußball-Europameisterschaft nur knapp dem Tod entronnen. "Er war schon weg. Es war ein Herzstillstand", sagte Morten Boesen am Sonntag und verwies dabei auf Herzspezialisten. "Wir haben ihn mit Hilfe eines Defibrillator-Einsatzes zurückbekommen. Und das relativ schnell", berichtete Boesen bei einer Pressekonferenz in Kopenhagen weiter.

Einen Tag nach seinem Zusammenbruch geht es dem Star der Dänen "den Umständen entsprechend okay. Sein Zustand ist weiter stabil", sagte Boesen. Eriksen war im Spiel zwischen Dänemark und Finnland (0:1) in Kopenhagen kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit auf dem Rasen zusammengebrochen und regungslos liegengeblieben. Sofort herbeigerufene Helfer leiteten lebensrettende Maßnahmen ein.

Dänemarks Mannschaftsarzt Martin Boesen hat den dramatischen Kampf um das Leben von Eriksen in eindringlichen Worten beschrieben. "Er lag auf der Seite, atmete und hatte auch Puls. Aber plötzlich änderte sich das, und wir haben mit der Herzmassage begonnen", sagte Boesen. "Wir haben es geschafft, ihn zurückzuholen. "Ich habe die Szene selbst nicht gesehen", sagte Boesen, "aber er war ganz offensichtlich bewusstlos." Die Hilfe sei "sehr schnell und koordiniert gewesen" – und dadurch lebensrettend.

Der Spieler wurde ins Krankenhaus Rigshospitalet der dänischen Hauptstadt gebracht. Dort wird er einige Tage bleiben müssen.

Eriksen ist weiterhin in stabilem Zustand.
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Ursachenforschung

Am Wochenende meldeten sich mehrere Ärzte zu Wort, die Eriksen in den letzten Jahren untersucht hatten. So meinte Sanjay Sharma von der Londoner St. George's University, bei Eriksen seien seit 2013 Tests ohne Auffälligkeiten durchgeführt worden. Als die Kardiologin Eriksen umkippen sah, dachte sie sich: 'Oh mein Gott? Gibt es da etwas, das wir nicht gesehen haben?' Aber ich habe mir alle Testergebnisse angesehen und alles sah perfekt aus", wurde sie in "The Mail" zitiert. Er sei in seiner Zeit bei Tottenham jährlich getestet worden. Die Ergebnisse waren "sicherlich völlig normal, ohne offensichtliche zugrunde liegende Herzfehler. Das kann ich bestätigen, weil ich selbst die Tests durchgeführt habe."

Ähnlich äußerte sich Eriksens aktueller Arbeitgeber Inter Mailand. Geschäftsführer Beppe Marotta stellte klar: "Er war nicht an Covid erkrankt und er wurde auch nicht geimpft."

Kritik und Zweifel an Spielfortsetzung

Für Kritik am Sonntag sorgte nach wie vor, dass das Euro-Spiel nach dem Eriksen-Kollaps fortgesetzt wurde – nach 107 Minuten Unterbrechung. Die Europäische Fußball-Union Uefa verwies in der Diskussion zunächst auf das Regelwerk. Dieses legt grundsätzlich das Vorgehen bei der "Neuansetzung von Spielen" (Artikel 29) fest, nicht aber, wie nach medizinischen Notfällen zu verfahren ist.

"Kann ein Spiel nicht wie geplant beginnen oder nicht zu Ende gespielt werden, werden das vollständige Spiel bzw. die verbleibenden Spielminuten grundsätzlich am folgenden Tag ausgetragen", schreibt der Dachverband vor. Nach übereinstimmenden Aussagen von Samstag hatten beide Mannschaften entschieden, noch am Abend weiterzuspielen. Zur Wahl stand der Sonntagmittag als Alternativtermin.

Eriksens Teamkollegen erlitten einen Schock.
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Für Peter Schmeichel, Vater des Nationaltorhüters Kasper, war die Uefa-Option, das Spiel am Sonntag fertigzuspielen, aber keine Option. Nach dem Abbruch wäre das Team ins Hotel zurückgekehrt, könnte angesichts des Traumas nicht schlafen und säße um 8 Uhr am Morgen bereits zurück im Mannschaftsbus Richtung Stadion, bemerkte Schmeichel. "Das war eine lächerliche Entscheidung der Uefa."

Dänemarks Fußball-Legende Michael Laudrup als EM-Experte des dänischen Fernsehsenders TV3 kritisierte ebenfalls die Spielfortsetzung. Wenn so etwas passiere, "sind sie voller Emotionen und haben nicht die Übersicht, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Es muss jemanden geben, der dann sagt: Wir hören hier auf."

Teamchef bereut Spielfortsetzung

Teamchef Kasper Hjulmand sah dies am Sonntag ähnlich. "Die Spieler waren unter Schock und sollten dann aus diesen zwei Alternativen entscheiden. Vielleicht hätten wir einfach in den Bus steigen sollen und dann gucken, was am nächsten Morgen ist. Das ist mein Gefühl."

Die Spieler hätten nicht auf den Platz zurückkehren sollen, sagte Hjulmand. Ihn plage deshalb ein bisschen ein "schlechtes Gewissen". Auch Sportdirektor Peter Möller schlug in die gleiche Kerbe. Er habe zwar keinen Druck der Uefa gespürt, aber er müsse im Nachhinein klar sagen, "es war nicht die richtige Entscheidung weiterzuspielen". Generell müsse man "darüber nachdenken, was man in Zukunft in so einer Situation macht".

Simon Kjaer, Kapitän der Dänen, reagierte bemerkenswert, konnte dann aber nicht mehr weiterspielen.
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Dänemark setzt EM fort

Dänemarks Nationalteam will die Euro jedenfalls "für Christian" zu Ende spielen, so Hjulmand. Es habe geholfen, dass Eriksen per Videotelefonat aus dem Krankenhaus mit seinen dänischen Mitspielern Kontakt aufgenommen hatte. "Das Gespräch mit Christian hatte großen Einfluss auf die Spieler. Alle haben einen riesigen Boost erhalten, als sie ihn lachen gesehen haben", sagte Möller. Hjulmand ergänzte: "Wir haben sein Lächeln auf dem Bildschirm gesehen, und er hat uns gefragt, wie es uns geht. Das ist typisch Christian, dass er mehr an andere denkt als an sich."

Nach Angaben von Inter-Geschäftsführer Marotta habe Eriksen bereits wenige Stunden nach seinem Zusammenbruch eine Nachricht an seine Club-Kollegen geschickt. "Er hat die Mannschaft beruhigt und gesagt, dass er bald zurück sein wird", sagte er im italienischen TV Sender Sky Sport.

Der Held im Hintergrund

Zwei Mitspieler Eriksens erlebten am Samstag besonders emotionale Momente. Heimlicher Held im Hintergrund war Simon Kjaer. Der 32-jährige Kapitän der Dänen war von der Mittellinie zur Unglücksstelle gesprintet und hatte seinen Freund in eine stabile Seitenlage gebracht. Nach Eintreffen der Notärzte trommelte der Profi des AC Mailand sofort seine Mitspieler zusammen und wies sie an, einen Kreis um Eriksen zu bilden – als Sichtschutz vor den Fernsehkameras und neugierigen Zuschauern.

Und selbst dabei behielt Kjaer noch den Überblick. Als Ordner Eriksens Freundin Sabrina Kvist Jensen nicht auf den Rasen lassen wollten, schritt der Kapitän ein. Kjaer klärte die Situation, holte sie auf den Platz. Gemeinsam mit Torhüter Kasper Schmeichel nahm er Kvist Jensen, die mit Eriksen gemeinsam zwei kleine Kinder hat, minutenlang in den Arm und spendete Trost.

Rund eine Viertelstunde nach Wiederanpfiff der Partie wurde Kjaer dann von den Gefühlen übermannt. Der 108-fache Teamspieler bat um eine Auswechslung und wurde in der 63. Minute durch Jannik Vestergaard ersetzt. "Simon war sehr getroffen, sie sind sehr gute Freunde", schluchzte der ebenfalls mit den Tränen kämpfende Hjulmand: "Er wollte es versuchen, aber es war unmöglich. Die Gefühle haben ihn übermannt."

Lukaku denkt an Eriksen

Lukaku: "Chris, Chris, (...), I love you"
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Belgiens Torjäger Romelu Lukaku hat indes eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle durchlebt. Erst weinte er um seinen kollabierten Inter-Teamkameraden Eriksen, dann kniete er gemeinsam mit seinen Mannschaftskollegen als Zeichen gegen Rassismus. Anschließend grüßte Lukaku nach seinem ersten Tor Eriksen mit den Worten "Chris, Chris, (...), I love you" und zum Abschluss erzielte er beim 3:0 gegen Russland noch ein weiteres Tor.

Lukaku widmete seinen Doppelpack Eriksen. Er habe vor dem Match in St. Petersburg viele Tränen vergossen. Es sei zwar ein erfolgreiches Spiel gewesen, seine Gedanken galten aber vor allem Eriksen. "Ich werde ihm auf jeden Fall eine Nachricht schicken, aber er muss nicht sofort antworten. Ich hoffe, es geht ihm gut, für seine zwei Kinder, die ihn brauchen", sagte Lukaku, der seinen ersten Treffer genutzt hatte, um durch das weltweite TV-Signal eine Grußbotschaft an Eriksen zu schicken. (APA, dpa, sid, red, 13.6.2021)

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