Unter den modernen digitalen Techniken leidet nicht nur unsere Kommunikation, sondern unser gesamtes Sozialverhalten", stellt Lutz Jäncke fest. Er ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Das zeigt sich führend, kollegial, im Umgang mit Kunden, privat. Entgleisendes Verhalten wird registriert und beklagt. Dem gegenzusteuern ist das Gebot der Stunde. Persönlich lässt sich dazu viel beitragen.

Hilfreich wäre, auch dann Haltung zu zeigen, wenn andere ihre Haltung verlieren. Sich etwas besonnener zu geben entschärft nicht nur angespannte zwischenmenschliche Situationen, das zeichnet auch aus. Und das zahlt sich auch aus. Etwas ruhiger auf die innere Unruhe des Umfelds zu regieren ist weit mehr, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das ist eine Empfehlung für sich selbst. Und dazu auch noch eine wirkungsvolle Selbstschutzmaßnahme. Impulsgesteuertes, vom Moment ausgelöstes Verhalten birgt stets das Risiko nachfolgender Probleme.

Burnoutgefahr steigt

Wenn das Gegenüber den falschen Ton trifft, ist es oft schwierig, ruhig zu bleiben. Dabei ist es wichtig für die Gesundheit, im Job Haltung zu zeigen
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Liegen die Nerven blank, macht sich die Zunge selbstständig. Wechselseitige wortaggressive Boshaftigkeiten und Gemeinheiten richten beachtlichen Schaden an. "Sie beeinträchtigen das Zusammenleben, die innerbetriebliche Zusammenarbeit, lenken von der Arbeit ab, leisten Fehlern und Fehlentscheidungen Vorschub, trüben das Verhältnis zu Kunden", sagt der Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler. "Außerdem steuern sie einiges zu den wachsenden psychosomatischen Beeinträchtigungen bei. Es sind nicht ausschließlich die Leistungsanforderungen, also die üblichen Verdächtigen, die in den Burnout treiben. Auch die Arbeitsatmosphäre, unter der Leistung erbracht werden muss, spielt dabei eine große Rolle", erinnert der Vorstand des Instituts für angewandte Psychologie der Universität Wien an nachgewiesene Zusammenhänge.

Die praktische Ethik weiß seit langem um diese Problematik. Die goldene Regel ist bekannt: Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu. So gut der Rat ist, so schwer fällt dessen Befolgung. Verlangt die goldene Regel doch, über den eigenen Schatten zu springen. Und dieser Sprung ist erfahrungsgemäß einer der schwersten. Weshalb, erklärt die Münchner Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki. "Verbal angeschossen zu werden wird als Kränkung angesehen. Und eine solche Kränkung empfinden wir als Verletzung unseres Selbstwerts. Dann fühlen wir uns getroffen und sind betroffen. Das einfach so wegzustecken fällt schwer!"

Eingeständnis der Unterlegenheit?

Es gibt noch eine weitere Hürde, die den Sprung über den eigenen Schatten verhindert, das uralte, fest im menschlichen Verhalten verwurzelte Selbstbehauptungsstreben. Niemand sieht sich gern als Verlierer. Sich zurückzunehmen, darauf zu verzichten, mit gleicher Münze heimzuzahlen, wird gemeinhin als klein beigeben angesehen. Und das gilt als Eingeständnis der Unterlegenheit. "Der Mensch ist keine Tabula rasa, kein unbeschriebenes Blatt. Wir haben zwei fundamentale, primitive Antriebskräfte, die subtil und unbewusst Einfluss nehmen auf unser Denken und Handeln: den Überlebenstrieb und den Paarungstrieb", erklärt John Bargh, Psychologieprofessor an der Yale University. Er erforscht die automatischen und unbewussten Prozesse, die das menschliche Sozialverhalten beeinflussen.

Das hilft zu verstehen, weshalb es so schwerfällt, sich zu bremsen, packt einen der Unmut über das Verhalten anderer. "Diese in unseren Genen verankerten Verhaltensgrundmuster entfalten ihre Wirkung über stammesgeschichtliche alte Hirnstrukturen und werden durch die evolutionär neu entstandenen Gehirnbereiche kontrolliert", macht Jäncke das im Nachhinein oftmals unverständliche eigene Verhalten verständlich. Nur sei leider diese Kontrolle störanfällig. "Und das wirft uns immer wieder Knüppel zwischen die Verhaltensbeine", sagt der Wiener Psychoanalytiker Alfred Kirchmayr.

"Dabei gehört es zu den größten Wohltaten, die sich ein Mensch selbst bereiten kann, aufquellendem Ärger nicht die Macht über sich zu geben." Berufsbedingt weiß er: "Das will sozusagen hart ‚am Feind‘ geübt und erprobt werden." Er rät, darin nicht nachzulassen, "denn das eigentlich Widersinnige solch blödsinniger Zusammenstöße liegt doch in der Tatsache, dass es weniger die anderen sind, die einen dumm dastehen lassen und oft genug auch beschädigen, sondern die eigenen dummen Verhaltensweisen".

Eskalation vermeiden

Wortwechsel eskalieren zu lassen, immer wieder noch einen draufzusetzen oder gar sich selbst überhöhend nachzutreten "hat nichts zu tun mit notwendiger Selbstbehauptung, sondern legt mangelnde Lebensklugheit und kräftige Befangenheit in sich selbst offen", sagt Kirchmayr.

Aufeinander einzugehen, einander zuzuhören, einen falschen Ton, ein unglücklich gewähltes Wort, eine abwertende Geste nicht gleich als Angriff misszuverstehen, die Bereitschaft, ein Missverständnis auszuräumen, das ist in dieser aufgewühlten und zersplitterten Zeit von größter Wichtigkeit. Haltung zu zeigen, wenn andere damit im Moment Schwierigkeiten haben: Der Mensch wie die Sache profitieren ungemein davon. Sich dazu durchzuringen, auch wenn die Tagesform einmal in eine kritische Phase rutscht, in der sich bekanntlich die Gemüter besonders erregbar zeigen und persönliche Empfindlichkeiten in Richtung Überreaktion äußerst sprungbereit sind, zahlt sich aus.

Oder wie Kirchler sagt: "Sich das eigene Verhalten nicht von anderen aufzwingen zu lassen, unter sachlich wie zwischenmenschlich angespannten Umständen Haltung zu bewahren macht freier, eröffnet Möglichkeiten, Spielräume und Perspektiven, bewahrt davor, sich selbst zu beschädigen, stoppt die Vergeudung von Kräften und Ressourcen. Persönlich wie betrieblich." (Hartmut Volk, 15.6.2021)