Ein venezolanischer Geflüchteter befindet sich in einem temporären Lager in Kolumbien, nachdem die Gewalt erneut eskaliert ist.

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Hunderttausende Menschen sind in Äthiopien durch den Hungertod bedroht.

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Geschlossene Grenzen, Bewegungseinschränkungen und strenge Auflagen für den Kontakt mit anderen Menschen: Im Jahr 2020, dem Jahr der Covid-19-Pandemie, stand das Leben vor allem in den reicheren Ländern des Globus still. Doch trotz aller Maßnahmen, die darauf abzielten, das Coronavirus einzudämmen, stieg die Zahl der Menschen, die vor Gewalt, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen fliehen.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR veröffentlichte am Freitag die jüngsten Zahlen des jährlich erscheinenden "Global Trends Report" und mit ihm eine neue Rekordzahl an Menschen auf der Flucht: fast 82,4 Millionen. Das bedeutet einen Anstieg um vier Prozent im Vergleich zum Jahr davor, 2019. In dieser Zahl erfasst sind sowohl 26,4 Millionen Flüchtlinge als auch 48 Millionen Binnenvertriebene, 4,1 Millionen Asylsuchende und 3,9 Millionen Venezolaner, die im Ausland vertrieben sind.

In der letztgenannten Zahl sind keine anerkannten venezolanischen Flüchtlinge oder offiziellen Asylsuchenden erfasst. Gemeint sind Menschen mit venezolanischer Herkunft im Ausland, von denen angenommen wird, dass sie Schutzbedürftige sind, aber diesen Status nicht beantragt haben.

Syrien und Venezuela

Was die Zahl der anerkannten Flüchtlinge im Ausland betrifft, stammen mehr als zwei Drittel aus lediglich fünf Ländern. Dabei führt Syrien, das sich mittlerweile im elften Jahr des Bürgerkriegs befindet, weiterhin die traurige Liste an.

Gefolgt wird es von Venezuela, das seit dem Amtsantritt von Präsident Nicolás Maduro im Jahr 2013 kontinuierlich ins Chaos gedriftet ist. Die Wirtschaft ist dramatisch geschrumpft, der Bolívar durch die Hyperinflation praktisch wertlos. Das Gesundheitssystem ist ebenso zusammengebrochen wie die öffentliche Ordnung. Die Folge sind sich ausbreitende Krankheiten und Bandenkriminalität.

Die vom UNHCR veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf das Jahresende 2020, doch die damals stattgefundene Parlamentswahl hat in Venezuela zu weiteren Unruhen geführt. Das UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzen, dass heuer insgesamt 8,13 Millionen Venezolaner das Land verlassen haben könnten.

Rekordzahl an Binnenvertriebenen

Die meisten Flüchtlinge bewegen sich nicht weit von ihrem Heimatland weg, wie der "Global Trends Report" zeigt. Fast drei Viertel der ins Ausland Vertriebenen finden Unterschlupf in einem direkten Nachbarstaat. Und die überwältigende Mehrheit der Menschen auf der Flucht überschreitet die Landesgrenzen nicht einmal.

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Die Länder mit den meisten Binnenvertriebenen befinden sich insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, wo die Menschen vor Gewalt und Naturkatastrophen flüchten. In Ostafrika, am Horn von Afrika und in der Region um die großen Seen waren im Vorjahr besonders viele Menschen auf der Flucht. Der Konflikt in der äthiopischen Tigray-Region hat eine humanitäre Krise in einem Land ausgelöst, das bereits zuvor eine große Zahl von Binnenvertriebenen hatte. Mehr als 2,7 Millionen Menschen waren es zu Jahresende.

Im südlichen Afrika waren allein in Mosambik zu Jahresende fast 700.000 Personen aus ihren Häusern vertrieben. In einem der ärmsten Länder der Welt war im August die Gewalt in der nördlichsten Provinz eskaliert, als islamistische Gruppen vermehrt die Zivilbevölkerung angriffen. Die Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass bis Juni eine Million Menschen in Mosambik von der Gewalt betroffen sein könnten. Tausende Menschen sind in der Region eingeschlossen und erhalten keine Hilfe. Zudem wird das Land immer wieder von schweren Zyklonen und Überschwemmungen getroffen.

Stürme und Überschwemmungen

Weltweit machten im Vorjahr Naturkatastrophen rund 30,7 Millionen Menschen zu Binnenvertriebenen. Das ist die höchste Zahl seit einem Jahrzehnt. Außerdem sind das mehr als dreimal so viele Personen wie jene, die durch Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen vertrieben wurden. Vor allem Stürme und Überschwemmungen waren schuld an den Fluchtbewegungen. Der Zyklon Amphan war das schwerwiegendste Wetterereignis. Durch ihn wurden im Mai rund fünf Millionen Menschen in Bangladesch, Bhutan, Indien und Myanmar aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben.

Im UNHCR-Bericht wird zudem festgestellt, dass die wissenschaftlichen Studien zwar uneindeutig sind, wenn es darum geht, ob ein starker Klimawandel bewaffnete Konflikte auslösen oder verstärken kann. Doch waren 95 Prozent der Länder, in denen Vertreibung durch Konflikte stattgefunden hat, auch jene, die durch den Klimawandel besonders bedroht sind. (Bianca Blei, 18.6.2021)