Gezieltes Training kann Beschwerden nachhaltig verbessern.

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Über den Beckenboden redet man nicht gerne. Denn macht er Probleme, dann äußert sich das meist in stark mit Scham behafteten Themen wie erschwerter Blasen- und Darmentleerung, Inkontinenz oder Senkungsbeschwerden.

Risikofaktoren für einen schwachen Beckenboden gibt es viele. "Beispielsweise können vaginale Geburten, Übergewicht, eine angeborene Bindegewebsschwäche, schwere körperliche Arbeit, aber auch der Östrogenmangel in der Menopause das Risiko für eine spätere Harninkontinenz oder Senkungsbeschwerden erhöhen", sagt Barbara Bodner-Adler von der Universitätsfrauenklinik Wien. So kommt es bei fast jeder zweiten Frau im Laufe des Lebens zumindest zu einer leichten Schwächung des Beckenbodens.

Beim Niesen oder Husten: Es tropft!

Die nur einen Zentimeter dicke, handtellergroße und zwischen den Beckenknochen sitzende Muskulatur stützt einerseits von unten die Gebärmutter sowie Blase und Darm, andererseits hilft sie auch beim Verschluss von Harnröhre und Darm mit. Im Alltag ist sie daher ständig etwas angespannt, nur beim Wasserlassen und Stuhlgang entspannt sie sich, ebenso wie im Liegen.

Bei nachlassender Beckenbodenspannung kann es daher bei körperlicher Anstrengung oder beim Niesen und Husten zu Harnverlust kommen. Daneben kann ein schwacher Beckenboden aber auch zu Senkungsbeschwerden führen – mit Symptomen wie einem Druckgefühl nach unten, Schweregefühl oder Kreuzschmerzen.

Training unter Anleitung

Doch die geschwächte Muskulatur lässt sich durch gezieltes Training wieder "fitter" machen. Die meisten Betroffenen versuchen es zunächst mit Apps oder Büchern. Studien zeigen aber, dass das angeleitete Beckenbodentraining einen größeren Effekt hat. Kein Wunder, denn fast jede zweite Frau hat Mühe, ihren Beckenboden wahrzunehmen.

Bodner-Adler empfiehlt ihren Patientinnen das Beckenbodentraining gezielt unter physiotherapeutischer Anleitung zu erlernen, um es danach sinnvoll in den Alltag einbauen zu können. Das helfe vor allem Frauen mit Senkungsbeschwerden sowie Inkontinenz. "In vielen Fällen erzielen wir damit sehr gute Erfolge mit einer oft beachtlichen Steigerung der Lebensqualität."

Rasche Verbesserung

Bringt das Beckenbodentraining allein keine befriedigende Besserung, können alternativ therapeutische Pessare aus Silikon oder Kunststoff herangezogen werden. Sie werden in die Scheide eingelegt und heben so die Beckenorgane wieder an. "Pessare bringen die Organe wieder in ihre ursprüngliche anatomische Position, und die Patientin merkt sofort, dass nichts mehr nach unten drückt oder dass sich beispielsweise ihre Blasenentleerung verbessert hat", so Bodner-Adler.

Die meisten Frauen tragen meist nur tagsüber Pessare, und nehmen diese vor dem Schlafengehen heraus, um sie am nächsten Tag wieder selbstständig einzuführen. Ältere oder hochbetagte Patientinnen können sie aber auch in größeren Zeitintervallen wechseln. "Gerade bei der Senkung entlasten Pessare die Beckenbodenmuskulatur. Bei der Belastungsinkontinenz helfen Ringpessare mit einer Noppe, den zusätzlichen Verschluss der Harnröhre zu verbessern."

Maßgeschneiderte Therapie

Erst wenn konservative Therapiemöglichkeiten nicht den erwünschten Erfolg bringen, sollte eine OP angeboten werden. So heilen Kontinenzbänder eine Belastungsinkontinenz in über 90 Prozent der Fälle und gelten seit 20 Jahren als sicher und effektiv. Im Rahmen einer Senkungsoperation wird das schlaffe Muskel- und Bindegewebe gestrafft und im kleinen Becken neu befestigt, sodass die Organe wieder ihre ursprüngliche anatomische Position erhalten.

Je nach Situation kann die Operation über die Scheide oder mit einer Bauchspiegelung durchgeführt werden. Auch kann der Eingriff mittlerweile beim Großteil der Patientinnen gebärmuttererhaltend durchgeführt werden. "Unser Ziel ist eine für die Patientin maßgeschneiderte Therapie, welche Lebensumstände und Bedürfnisse jeder einzelnen Patientin berücksichtigt", betont Bodner-Adler. (Andreas Grote, 19.6.2021)