Euro-Ticker: Österreich vs. Ukraine, Nordmazedonien vs. Niederlande, ab 18 Uhr

Als Spieler erzielte Oleg Protassow Tore am Fließband für seinen Heimatverein Dnjepr Dnjepropetrowsk und war über Jahre Mitglied der großen Mannschaft der UdSSR, die Ende der 1980er, unter der Federführung von "General" Valeri Lobanowski, für Furore auf den Fußballbühnen der Welt sorgte.

Für viele Experten war jene Auswahl – trotz des verlorenen EM-Finales 1988 in München gegen die Niederlande – das beste Team des Jahrzehnts, vor allem dank der Spieler von Dynamo Kiew, die den Löwenanteil im Aufgebot ausgemacht haben. Heute ist der 57-jährige Protassow Vizepräsident des ukrainischen Fußballverbands und blickt zuversichtlich in die Zukunft.

STANDARD: Die Ukraine hat Nordmazedonien 2:1 besiegt. Ist Ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, als der Unparteiische abgepfiffen hat? Immerhin war es der erste Sieg bei einer EM nach neun Jahren, als die Ukraine neben den Polen Co-Ausrichter gewesen ist.

EM 1988: Die UdSSR schlägt in Frankfurt England glatt mit 3:1, Oleg Protassow (rechts) lässt Verteidiger Tony Adams stehen.
Foto: Imago/sportfotodienst

Protassow: Der Sieg war enorm wichtig für die Psychologie der Mannschaft, zumal das Spiel selbst etwas zerfahren war. Die Nordmazedonier haben uns viel abverlangt und waren ein zäher Gegner. Nichtsdestotrotz hätten wir die Partie eher zu unseren Gunsten entscheiden müssen, zumal wir noch den Strafstoß verschossen haben.

STANDARD: Heute kommt es zum vermeintlichen "Finale" gegen Österreich um den Einzug ins Achtelfinale. Was für ein Spiel erwarten Sie?

Protassow: Ich sehe das etwas gelassener. Eventuell könnte ja auch ein Unentschieden für beide Teams ausreichend sein, um sich für die nächste Runde zu qualifizieren.

STANDARD: Haben Sie ein Bild von der österreichischen Mannschaft?

Protassow: Unsere Scouting-Abteilung hat das Foda-Team bestimmt ausreichend analysiert. Ich, als Beobachter, erlaube mir zu sagen, dass Österreich über eine gute Mannschaft verfügt, in der etliche Spieler in der deutschen Bundesliga unter Vertrag stehen. Und das ist ein gewisses Qualitätskriterium.

"Wir haben eine Generation von Spielern, die reichlich Qualität und Potenzial besitzt."
Foto: AP/JOENSSON

STANDARD: Wie erleben Sie dieses schräge paneuropäische Turnier, das über den gesamten Kontinent verteilt ist und über das jeden Tag neue Gerüchte bezüglich eventueller Spielortverlegungen kursieren?

Protassow: Tatsache ist, dass dieser Ausrichtungsmodus zur Feier des 60-Jahr-Jubiläums der Veranstaltung beschlossen wurde, was zu respektieren ist. Erst später kam die Corona-Pandemie, die das ganze Vorhaben sehr kompliziert gemacht hat und zur letztjährigen Absage geführt hat. Insofern betrachte ich die Rückkehr der Fans in die Stadien als positiven Nebenaspekt der Veranstaltung, auch wenn sie beschränkt ausfällt. Ein Fußballturnier vor Geisterkulisse wäre wahrhaftig grauenvoll, wie uns die letzten Monate offenbart haben.

STANDARD: Die ukrainische Fußballlegende Oleg Blochin sagte unlängst, dass Trainer Andrij Schewtschenko eine Siegermentalität in die Köpfe der Spieler gebracht hat und dass dies ein wichtiger Faktor für einen erfolgreichen Auftritt der "Schowto-blakytni", der Gelb-Blauen, beim EM-Turnier sein könnte. Teilen Sie diese These?

Protassow: Wie könnte ich einer Legende widersprechen? Aber im Ernst: Wir haben eine Generation von Spielern, die reichlich Qualität und Potenzial besitzt und auf einem guten Weg ist. Aber noch haben wir nichts erreicht.

STANDARD: Dynamo Kiew hat in derabgelaufenen Saison das Double geholt und den heimischen Supercup. Bahnt sich da etwa eine Wachablösung im ukrainischen Fußball an, zumal Schachtar Donezk über ein Jahrzehnt die Liga beherrscht und auch international für Furore gesorgt hat?

Protassow: Schachtar hatte in der abgelaufenen Saison mit ein paar Unwägbarkeiten und Problemen zu kämpfen, die sich dann in der Teamleistung widerspiegelten. Der Erfolg von Dynamo ist primär ein Verdienst von Trainer Mircea Lucescu, der dem Team seinen Stempel aufgesetzt hat. Es ist derselbe Lucescu, der zuvor für den Höhenflug von Schachtar verantwortlich war. Von einer Wachablösung kann ich trotzdem nicht sprechen, zumal ich meine, dass Schachtar in der kommenden Saison wieder auf Titeljagd gehen wird. Ich bin gespannt auf die Meisterschaft.

STANDARD: Sie haben mit der UdSSR 1988 bei der EM in Deutschland teilgenommen, das Finale verloren. Nagt diese Niederlage noch an Ihnen?

Protassow: Mit dem Konjunktiv kann man im Fußball bekanntlich nicht viel anfangen. Fakt ist jedoch, dass wir die Oranje in der Gruppenphase mit 1:0 geschlagen haben und durchaus im Stande gewesen wären, dies auch im Endspiel von München zu wiederholen. Aber es gab ein paar Umstände, die dieses Unterfangen schwierig gestalteten. So verwarnte im Halbfinale gegen Italien der belgische Unparteiische unseren besten Verteidiger Oleg Kuznezow mit einer fragwürdigen gelben Karte, sodass er für das Finale gesperrt war.

STANDARD: Sie wittern also ein Komplott der Benelux-Länder?

Protassow: Es klingt jetzt etwas abwegig, aber damals gab es etliche, die der Sowjetunion nichts gegönnt haben, weder im Sport noch in anderen Bereichen. Und dass die Uefa einen belgischen Schiedsrichter für diese Partie angesetzt hat, war zumindest unglücklich.

STANDARD: Aber der besagte Referee hatte kaum Einfluss darauf, dass Ihr Sturmpartner Igor Belanow im Finale eklatante Chancen versiebte und einen Elfmeter, den Sie herausgeholt hatten, kurz vor Spielende vergeigt hat, oder?

Protassow: In der Tat lief es bei uns an jenem Nachmittag spielerisch nicht besonders. Es schien wie verhext zu sein. Aber im Nachhinein muss ich gestehen, dass Marco van Basten und Co würdige Europameister waren.

STANDARD: Ihr damaliger Trainer Valeri Lobanowski prägte wie kaum ein anderer den Fußball jener Zeit. Was machte diesen Fußballlehrer so besonders?

Protassow: Er hatte primär immer das Kollektiv im Auge und zeigte kaum Rücksicht für Befindlichkeiten einzelner Spieler, die vielleicht bei ihren Mannschaften unantastbar gewesen sind. "Ich stelle nicht die besten Spieler auf, sondern die beste Mannschaft", wiederholte er immer wieder. Er ließ uns schon damals hartes Pressing und Umschaltspiel praktizieren, was natürlich mit enormem Trainingsaufwand verbunden war. In seiner Spielphilosophie, glaube ich, war er mit Rinus Michels Bruder im Geiste. So löste er den Libero-Posten auf und ließ mit zwei Viererketten spielen, was zu jener Zeit ein absolutes Novum gewesen ist. Es ist nicht von ungefähr, dass zeitgenössische Trainer wie Pep Guardiola, Marcelo Bielsa oder Jürgen Klopp zu Lobanowskis Bewunderern zählen. (Dimitrios Dimoulas, 21.6.2021)

Zur Person

Oleg Protassow (57) wurde am 4. Februar 1964 in Dnjepropetrowsk geboren, war ein sowjetischer (heute ukrainischer) Fußballspieler und Trainer. Für die damalige UdSSR bestritt der Stürmer zwischen 1984 und 1991 immerhin 68 Ländermatches, erzielte 29 Tore. 1994 bestritt er sein einziges Länderspiel für die Ukraine. Heute ist er Vizepräsident des nationalen Verbands.