Der Werdegang der jüngsten Entdeckung der Euro folgt einem eher atypischen Weg. War Gosens etwa beim Probetraining in Dortmund ("totaler Reinfall") kläglich gescheitert, so half ihm Atalanta auf die Sprünge.

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Fußball-Deutschland ist entzückt, wagt nach dem 4:2 gegen Portugal in München wieder von Großem zu träumen. Sogar Italiens Presse zollte der Darbietung des Teams von Joachim Löw Respekt. "Eine deutsche Symphonie: Löws Truppe bestätigt, dass die Deutschen im Fußball nie sterben", urteilte die Gazzetta dello Sport.

Dabei hatte das Turnier nicht nach Wunsch begonnen. Millionen Mundwinkel hingen nach dem 0:1 gegen Weltmeister Frankreich resignierend herunter. Gedanken an das Vorrundenaus bei der WM in Russland 2018 dürften wohl bei vielen quälend im Hinterstübchen zirkuliert sein. Doch "die Mannschaft" löste die Aufgabe im zweiten Spiel der Hammergruppe F gegen den amtierenden Europameister großteils mit Bravour. Die Elf von Löw glänzte, angetrieben von den Dirigenten Ilkay Gündogan und Toni Kroos, dem Rackerer Thomas Müller, dem Wusler Serge Gnabry und den Kapazitäten auf den Flanken: Joshua Kimmich und Robin Gosens. Und sie ließ sich auch nicht durch das Kontertor von Cristiano Ronaldo (15.) beirren.

Spiel gedreht

Löws entfesselte Männer rannten gegen das Team von Fernando Santos an. So war es auch zu verschmerzen, dass die Deutschen das Spiel gegen die "Seleccao das Quinas Tugas" zum 2:1 drehten, ohne auch nur einmal getroffen zu haben. Dem Druck des deutschen Dampfkessels nicht mehr standhaltend, sorgten allein die Portugiesen mittels zweier Eigentore durch Rúben Dias (35.) und Raphaël Guerreiro (39.) für der Deutschen Führung, ehe der auffällige Kai Havertz (51.) und der überragende Gosens (60.) den Deckel draufsetzten. Diogo Jota (67.) gelang beim 4:2 Deutschlands nur noch Resultatskosmetik.

Der Treffer von Gosens zum zwischenzeitlichen 4:1.
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"Dieser Tag wird mir für immer in Erinnerung bleiben, das ist einer der Abende, die ich nie im Leben vergessen werde", sagte Gosens, der nach einem kompromisslosen Einsteigen gegen Benjamin Parvard im Spiel gegen Frankreich auch vom Platz fliegen und gesperrt werden hätte können. Nach einer aufopfernden Grätsche musste er am Samstag nach einer Stunde raus und verpasste es so, Ronaldo erneut um einen Trikottausch zu bitten. Einst quittierte der Psychologiestudent eine von "CR7" mit einem schlichten "No" abgelehnte diesbezügliche Anfrage mit "affengeil".

Ein Prachttreffer von Gosens (li), der allerdings wegen einer Abseitsstellung nicht zählte.
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Der seit 2017 bei Atalanta Bergamo in der Serie A und damit auch in der Champions League engagierte Legionär wurde verdientermaßen zum Mann des Spiels gewählt, assistierte der im August 2020 erstmals ins Team Berufene doch bei drei Treffern. Er hätte auch die Führung per spektakulären Seitfallzieher erzielt, wäre es nicht abseits gewesen. Drei direkte Torbeteiligungen bei einer EM gelangen zuletzt Bastian Schweinsteiger 2008 – ebenfalls gegen Portugal.

Kurve gekratzt

Dabei wäre die Karriere für den 26-jährigen Sohn eines Niederländers und einer Deutschen aus Emmerich am Rhein beinahe in eine andere Richtung gelaufen, wäre er wie sein Großvater Polizist geworden. Unterschiedlich lange Beine ließen ihn jedoch abblitzen. Stattdessen unterschrieb der bodenständige Typ mit flotten Sprüchen ("Bei meinem Tor ist mir mehr als nur einer abgegangen") 2013 einen Profivertrag bei Vitesse Arnheim.

Der bei einem Landesligamatch erschienene Scout der Niederländer ließ sich auch von der Fahne Gosens nicht vergrämen, die aus einer durchzechten Nacht in einer Disco resultierte. "Ich gehörte zu denen, die glaubten, mit drei Atü auf dem Kessel sogar noch etwas besser spielen zu können."

Vorbild Alaba

Löw: "Das Spiel des Lebens hat er vielleicht noch vor sich." Und damit ist wohl nicht das abschließende Gruppenmatch am Mittwoch (21 Uhr) gegen Ungarn gemeint, bei dem es den Achtelfinaleinzug zu fixieren gilt. Auch Gosens, zu dessen Vorbildern David Alaba ("Seine Vielseitigkeit ist beeindruckend") zählt, hat bestimmt noch mehr vor. Auf Instagram schrieb er nach dem Match: "Träumen lohnt sich." Es ist dies auch der Titel seiner Biografie. (Thomas Hirner, 20.6.2021)