Starke Gefühle ihres Kindes, wie Ärger und Wut, können Eltern ganz schön herausfordern. Wenn sie Verständnis zeigen, hilft den Kleinen das oft am besten, sagt der Familienrat.

Foto: Getty Images

Frage

Unser Sohn ist jetzt 13 Monate alt. In letzter Zeit wird er sehr oft sehr wütend. Er ärgert sich, wenn er etwas will, aber nicht (sofort) bekommt. Zum Beispiel sieht er in der Obstschale einen Apfel. Wir wissen zuerst nicht, dass es der Apfel ist, den er haben möchte, und deuten auf andere Gegenstände. Darüber ärgert er sich furchtbar. Wenn wir irgendwann merken, dass es ihm um den Apfel geht und ihm den Apfel geben, will er ihn nicht mehr. Er wirft ihn weg und wird noch wütender.

Es kann sogar vorkommen, dass er sich auf den Boden wirft und weint und schreit. Wir können ihn dann kaum noch beruhigen. Ablenkung mit Spielzeugen funktioniert gar nicht, und wenn wir auf seine Wut eingehen, Verständnis zeigen und versuchen, ihn aus dem Gefühl herauszuholen, wird es auch nicht besser. Wir haben gelesen, dass die "Trotzphase" eigentlich erst viel später eintritt – zwischen zweieinhalb und drei Jahren. Womit hat dann die Wut unseres Sohnes zu tun? Ärgert er sich, weil er noch nicht sagen kann, was er will? Wie gehen wir am besten damit um?

Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Sie haben recht. Ihr Sohn ist recht früh dran mit seiner Wut. Normalerweise sind Kinder in seinem Alter noch so euphorisch darüber, dass sie gerade laufen lernen und im Laufschritt die Welt erobern, dass sie ihre ganze Energie auf diese Eroberung richten und es ihnen noch nicht so viel ausmacht, wenn etwas nicht so klappt, wie sie sich das vorstellen.

Was wohl der Grund dafür ist, dass ihr Kleiner schon tobt, wenn etwas nicht so läuft, wie er es will? Ich nehme an, er ist recht hell im Kopf, und ihm dämmert schon langsam, dass die Welt nicht immer so will wie er und dass auch Eltern eigenständig denkende und handelnde Wesen sind. Doch es wird noch dauern, bis er das ganz begreift, bis er eine stabile Vorstellung davon entwickelt, dass ein anderer anders denkt als er selbst. Und genau das macht die Sache für ihn so vertrackt. Er ist nämlich der selbstverständlichen Ansicht, dass seine Eltern genau wissen, was er will, und da passt es gar nicht, wenn Sie das nicht sofort umsetzen. Es ist für ihn so, als würde er mit seiner rechten Hand nach etwas greifen wollen – und die Hand macht dann eigenständig etwas ganz anderes. Der Frust darüber ist groß, so groß, dass er sich gar nicht mehr einkriegt, wenn Sie dann "endlich" begriffen haben, was er meint. Das ist ein ganz normaler Entwicklungsschritt, bei dem einen früher, bei dem anderen später, bei dem einen heftiger, bei dem anderen milder. Jeder Mensch ist anders, und gerade Kinder halten sich nicht an Bücher, sondern sind schon früh echte kleine Individuen.

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Andrea Diemand

Etwa um das vierte Lebensjahr herum wird Ihr Sohn verstehen, dass andere eigenständig denken und handeln. Ob ein Kind diesen psychischen Entwicklungsschritt schon vollzogen hat, können Sie dann, wenn es so weit ist, selbst gemeinsam mit Ihrem Kind spielerisch ausprobieren. Dazu nehmen Sie zu dritt eine Keksdose. Dann geht einer, zum Beispiel der Vater, hinaus. Die Mutter zeigt dem Kind die Kekse, und die Dose wird geschlossen. Der Vater darf wieder hereinkommen, und das Kind wird gefragt, was der Vater wohl in der Keksdose vermuten dürfte. "Kekse", wird es sagen, und recht hat es. Nun wird der Vater wieder hinausgeschickt, und die Mutter tauscht die Kekse in der Dose gegen Buntstifte aus. Die Dose wird wieder geschlossen. Der Vater kommt zurück, und das Kind wird erneut gefragt, was sein Papa wohl in der Dose zu finden glaubt. Sagt es jetzt "Buntstifte", dann hat es noch keine Vorstellung davon, dass ein anderer nicht automatisch dasselbe Wissen besitzt wie es selbst, sondern es schreibt ihm automatisch sein eigenes Wissen zu. Antwortet es hingegen wieder "Kekse" und lacht es sich dabei noch herzhaft ins Fäustchen, dann hat es begriffen, dass sein Papa nicht weiß, was es selbst weiß. Und dass dem soeben ein Streich gespielt wurde.

Das Alter, in dem diese Stufe der Erkenntnis erklommen wird, ist übrigens kulturabhängig. Während bei uns in Mitteleuropa im Durchschnitt Vierjährige den Entwicklungsschritt dieser sogenannten Theory of Mind vollziehen, sind es im fernen Papua-Neuguinea üblicherweise erst Neunjährige. Und was die Heftigkeit seiner Wutanfälle angeht, da kann ich Sie beruhigen. Die sind das Normalste von der Welt. Es überrascht mich immer wieder, wie verwundert viele Eltern über die Heftigkeit kindlicher Gefühlsausbrüche sind. Dabei könnte ein ehrlicher Blick in den Spiegel der eigenen Gefühle helfen. Denn auch erwachsene Gefühle sind heftig, nur haben die meisten – Choleriker beispielsweise ausgenommen – gelernt, mit ihnen umzugehen. Weil die Wut so oft als Herausforderung in der Erziehung erlebt wird, habe ich sie neben der Notwendigkeit zu einer frühen sicheren Bindung zum Hauptthema in meinen Büchern zur Kindererziehung gemacht und bekomme dazu immer wieder erleichterte Rückmeldungen von Eltern.

Zu guter Letzt zum Umgang mit der Wut. Dafür gilt: Ein Kind darf wütend sein – die Hirnbiologie macht es unmöglich, Gefühle zu verbieten. Die Aufgabe der Eltern besteht darin, seine Wut als Gefühl zuzulassen, ihm jedoch beizubringen, die Handlungsimpulse seiner Wutausbrüche zu begrenzen, ihm also schrittweise beizubringen, was geht und was nicht. Wie immer als gelebtes Vorbild im wirklichen Leben. (Hans-Otto Thomashoff, 28.6.2021)


Antwort von Linda Syllaba

Niemand kann genau sagen, was in Ihrem Sohn vorgeht. Gewissermaßen ist es immer ein Raten und Vortasten. Meine Empfehlung: Nutzen Sie weiterhin Ihre Empathie, fühlen Sie sich in seine Situation ein und betrachten die Welt aus seiner Perspektive. Er scheint es gerade recht schwer zu haben, denn sprechen kann er noch nicht, seine Gefühle zivilisiert managen auch nicht, und dennoch scheint er recht ambitioniert unterwegs zu sein auf seinem Weg zum Großwerden. Das spießt sich leider gelegentlich und macht ihn bestimmt unzufrieden. Diese Unzufriedenheit drückt er mit seinem Verhalten aus, das gilt es für Sie als Eltern "auszuhalten", ohne die Nerven zu verlieren. Diesbezüglich lautet mein Appell: Achten Sie gut auf sich, um ruhig uns liebevoll bleiben zu können.

Ja, die sogenannte Trotzphase – oder wie ich sie lieber nenne: "Autonomiephase" – ist üblicherweise erst später. Dennoch hat er Gefühle wie Ärger, Frust, Trauer oder eben Wut. Man kann da niemanden "rausholen", wenn überhaupt, dann kann man jemanden helfen, damit klarzukommen, indem man anerkennt, dass es gerade so ist, wie es ist. "Oh ja, das ist ja ärgerlich, dass wir noch nicht miteinander sprechen können", zeigt, dass Sie Verständnis für seine Situation haben. Das macht es ihm ein wenig leichter, wenn Sie als Eltern zumindest versuchen zu verstehen, wie es ihm gerade geht.

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Sie ist Autorin der Bücher "Die Schimpf-Diät" (2019) und "Selfcare für Mamas" (2021).
Foto: Bianca Kübler Photography

Sie können ihm auch anbieten, Zeichen zu vereinbaren, sodass Sie ihn auch ohne Worte verstehen können. Da gibt es sogar eigene Kurse zur Babyzeichensprache. Ablenken ist keine so gute Idee, impliziert es doch immer auch die Botschaft "Ist doch nicht so schlimm" oder so ähnlich. Für Ihren Sohn, der wie alle Kinder komplett im Hier und Jetzt lebt, ist es jedoch eine Katastrophe, wenn er sich zum Beispiel nicht verständlich machen kann. Auch wenn uns Erwachsenen das unbedeutend scheint, ein Kind kann das enorm frustrieren – und dann muss es die dazugehörigen Gefühle erleben dürfen, um mittel- und langfristig Strategien entwickeln zu können, wie es mit ebendiesen Gefühlen sozial verträglich umgeht.

Dagegenhalten, negieren, abwerten, kleinreden oder auch davon ablenken sind zwar gängige, über Generationen tradierte Wege, mit kindlichen Gefühlsausbrüchen umzugehen, sind jedoch für die psychische Gesundheit und seine weitere Persönlichkeitsentwicklung schädlich. Lassen Sie sich auf Ihren Sohn ein, fühlen Sie sich ein, und finden Sie Worte für das, was Sie wahrnehmen. So lernt er nicht nur, seinen Wortschatz auszubauen, sondern auch, dass er als der, der er ist, in Ordnung ist – auch wenn er starke Gefühle hat. Meiner Erfahrung nach ist das zwar auch anstrengend – so wie die alt überlieferten "Erziehungsmethoden" –, es bringt jedoch sowohl kurzfristig als auch langfristig mehr.

Dass wir uns einlassen auf die kindliche Betrachtungsweise, in der zum Beispiel ein Regenwurm am Wegesrand gerade superspannend für das Kind ist, kostet vielleicht zwei Minuten, verbindet aber sehr. Ein Machtkampf kostet mehr Zeit, ist anstrengend und stört die Verbindung zueinander. (Linda Syllaba, 28.6.2021)