Biere mit geringem Trinkwiderstand dürfen nicht viel von jenen Geschmackssubstanzen enthalten, die einen vor dem nächsten Schluck zögern lassen.

Foto: Getty / Ryan McVay

Bevor das Match anfängt, bestellen wir uns ein Bier. Was darf’s denn sein? Auf Fußballplätzen und in Stadien hat man ohnehin kaum eine Auswahl. Aber in einem Bierlokal, erst recht in einer Sportsbar, da kann man ja wählen. Unter anderem deshalb geht man mit Freunden und Gleichgesinnten ja hin.

Wirklich? Oder bestellt man mit Gleichgesinnten nicht ohnehin Runde um Runde vom selben Fass?

Wahrscheinlich schon. Sagen wir es offen: Wer mit Freunden Fußball schauen geht, der fragt nicht lange, ob es vielleicht ein "Pumpkin Peach Ale" gibt.

Das mögen andere schlückchenweise verkosten, spottete der Weltmarktführer AB InBev in einem vieldiskutierten Werbespot im Jahr 2015. Dieser wurde damals während der Superbowl-Übertragung erstausgestrahlt und sorgte für heftige Kontroversen, nicht nur unter Craftbier-Brauern.

Wenig Nachgeschmack

Aber die Brauer von Budweiser und dessen Variante "Bud Light", dem meistverkauften Bier der USA, hatten natürlich eine klare Botschaft an den Mann (das Publikum des American Football ist ähnlich wie jenes beim europäischen Fußball überwiegend männlich) zu bringen: Unter Freunden trinkt man bevorzugt ein erfrischendes, weich schmeckendes Bier mit wenig Nachgeschmack.

Das ist schon bei einer netten Grillparty so: Natürlich könnte man stundenlang darüber philosophieren, warum scharfe Würzungen geradezu nach einem IPA verlangen. Und dass Porters und Stouts wunderbare Begleiter zum Steak sind, ist ebenso erprobtes Bierwissen wie die Abstimmung belgischer Sauerbiere mit verschiedenen Edelfischen.

Bei einem Beer-Dinner kann man über all das stundenlang diskutieren, kann dieses oder jenes Pairing ausprobieren und sich in die Details der Hopfensorten vertiefen. Steht man dann aber am Grill, empfindet man all das als nebensächlich und will ja auch keinen nerven.

Beim Fußballschauen wäre die Diskussion um das "richtige" Bier noch viel weniger angebracht.

Wo Craftbier nicht passt

Ist ja irgendwie verständlich: Wer sich in die Feinheiten von Hefe- und Fruchtaromen, in die unterschiedlichen Ausprägungen von Malzsüße und Röstbittere, in die Abstufungen von Hopfenbittere und die unterschiedlichen Ausprägungen der weit über 100 in verschiedenen Hopfensorten vorhandenen Aromen vertiefen will und wer schließlich Freude an den Experimenten mancher Craftbier-Hersteller hat, die allerhand Blüten, Kräuter, Früchte und gelegentlich auch Gemüse mitverbrauen, der hat andere Prioritäten als den Sport.

Kreative Biere mit allen erdenklichen Aromen – und manchen vorher im Bier kaum vorstellbaren Zutaten: Das war gut für die Belebung der Bierszene in den vergangenen Jahren. Aber das ist ein anderes Thema. Wenn demnächst das Match beginnt, wollen wir uns ja eher auf das Spiel konzentrieren. Wer allzu intensiv darüber nachdenkt, nach welcher exotischen Frucht das Bier in seinem Glas wohl duftet – und dies womöglich auch noch ganz dringend diskutieren möchte –, verpasst womöglich das nächste Tor.

Um das nicht zu riskieren, greift der Sportsfreund also zu einem nicht allzu ausdrucksstarken Bier.

Es ist kein Zufall, dass die großen Brauereikonzerne sich darum drängen, die großen Sportveranstaltungen sponsern zu dürfen: Wo Fußball geschaut wird, wird gerne getrunken – und zwar bevorzugt ein Bier mit geringem Trinkwiderstand.

Trinkwiderstand

Diesen Begriff hat der deutsche Bierblogger Volker Quante, im Hauptberuf Offizier bei der Bundeswehr und Experte für chemische Kampfstoffe, geprägt: Biere mit geringem Trinkwiderstand dürfen eben nicht viel von jenen Geschmackssubstanzen enthalten, die einen vor dem nächsten Schluck zögern lassen.

Von diesen Substanzen gibt es mehr, als einem beim ersten Nachdenken einfallen – und es geht auch nicht um die Pfirsiche oder die Kürbisse, die in der Budweiser-Werbung angesprochen waren. Zunächst geht es um die Süße – die kommt von den verwendeten Getreiden.

Beim Vermälzen werden die Körner angekeimt, das aktiviert Enzyme, die die Getreidestärke im Brauvorgang verzuckern – ganz zu Beginn des Brauvorgangs entscheidet sich schon, wie zugänglich das später aus dem jeweiligen Malz vergorene Bier sein wird. Im Maischprozess werden nämlich neben der einfachen Maltose auch längerkettige Zuckermoleküle gebildet.

Die Maltose wird von der Hefe meist problemlos zu Alkohol vergoren – die anderen Zucker aber, sogenannte Dextrine, bleiben im fertigen Bier erhalten. Das gibt dem Bier Körper und Vollmundigkeit – aber um den angesprochenen Trinkwiderstand gering zu halten, bitte nicht zu viel davon.

Säure und Bittere

Ähnlich ist das mit der Säure: Alle Biere sind leicht sauer – aber in den meisten Bieren nimmt man nur das CO2 als sauer wahr. Die Gasbläschen werden ja landläufig, wenn auch chemisch nicht ganz korrekt, als "Kohlensäure" bezeichnet.

In Weizenbieren ist typischerweise mehr davon vorhanden – das kann dazu führen, dass einem nach schnellem Trinken ein Rülpser entfährt, was ebenfalls als Trinkwiderstand gewertet werden kann. Dass es Biere gibt, die noch mehr Säure enthalten, ist wiederum eine Sache für Feinspitze – solche Biere mögen gute Begleiter zu Fischgerichten sein, zum Sport sind sie es eher nicht.

Schließlich die Bittere. Die ist klarerweise Geschmackssache, also: Gewöhnungssache. Aber seien wir ehrlich: Wenn das Bier einfach laufen soll, dann lassen wir solches Bierwissen gerne mal beiseite. Wir schimpfen auch nicht – wie in manch kopflastiger Verkosterrunde unter Craftbier-Fans – auf die Brauer, die den Mainstream-Bieren ziemlich viel Geschmack ausgetrieben haben. Nein: Wir geben allen Trinkwiderstand auf. Das Match kann beginnen. (Conrad Seidl, RONDO, 29.6.2021)