Was tun, wenn nichts mehr läuft? Sabine und Roland Bösel empfehlen, den Druck herauszunehmen und intime Momente miteinander zu schaffen.

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Frischverliebte fallen bei jeder Gelegenheit übereinander her. In einer langen Beziehung sieht das oft anders aus. Da hemmen Arbeit, Stress und lange To-do-Listen, die gedanklich abgearbeitet werden, die Lust. Anderes ist wichtiger geworden, ständig ist einer von beiden "zu müde". Schon junge Paare haben teilweise monatelang eine Sexflaute, beobachten die renommierten Paartherapeuten Sabine und Roland Bösel. Besonders Eltern seien betroffen, aber nicht nur sie.

Was sind weitere Störfaktoren für die Sexualität, und wie können Paare ihr Liebesleben wieder in Gang bringen? Und wie kann es gelingen, dass es gar nicht erst zur Unlust kommt? Das beantworten die Experten im dritten Teil dieser Serie zu den drängendsten Fragen der Liebe. Sie erklären auch, warum es manchmal sogar besser sein kann, eine Zeitlang nicht miteinander zu schlafen.

STANDARD: Viele Paare in Langzeitbeziehungen haben keinen Sex mehr. Sind sie alle unglücklich?

Sabine Bösel: Zu uns sind schon Paare gekommen, die keinen Sex mehr haben und gut damit leben können. Sie sind meistens nicht superhappy damit, aber manchmal ist es die bessere Wahl.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Sabine Bösel: Dass es besser ist, den Sex eine Zeitlang sein zu lassen, anstatt ständig darüber zu streiten, es andauernd zu probieren, und dann klappt es doch wieder nicht. Für manche Paare ist es auch gut, den Druck rauszunehmen und zu sagen: Wir haben jetzt eben diese Phase, aber sonst verstehen wir uns sehr gut. Dann gibt es weniger Frust.

Ich bin oft erstaunt, welche Paare das sind, denn sie sind oft jung. Wenn sie bei der Tür hineinkommen, würde ich nie auf die Idee kommen, dass zwischen ihnen nichts mehr läuft. Und dann erzählen sie: Wir hatten schon seit vier Jahren keinen Sex mehr.

Roland Bösel: Bei den Jungen ist oft so viel los im Leben, dass für die Sexualität einfach keine Zeit ist. Sie sind gerade dabei, Kinder großzuziehen, sich ein Heim aufbauen und eine berufliche Identität zu schaffen oder sich beruflich neu zu orientieren. Da kommt alles zusammen. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Stunden ein Tag so hat, merkt man: Da bleibt nicht mehr viel übrig für die Sexualität. Meistens ist es so ein kleines Zeitfenster, in dem es die Möglichkeit gibt. Sex funktioniert aber nicht auf Knopfdruck.

Roland und Sabine Bösel beraten seit mehr als 30 Jahren Paare.
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STANDARD: Kinder sind also eine echte Zäsur?

Sabine Bösel: Es fängt schon bei der Geburt an. Für Frauen ist das ein sehr einschneidendes Erlebnis, sowohl psychisch als auch physisch. Ihr Körper ist mitgenommen, nicht selten kommt es bei der Geburt zu Verletzungen wie beispielsweise einem Dammriss. Oder es wird ein Kaiserschnitt gemacht.

Roland Bösel: Aber auch viele junge Väter erleben, was das für ein Gewaltereignis ist. Als unser Sohn zur Welt gekommen ist, habe ich meine Frau fest im Arm gehalten. Das Gefühl dabei war gewaltig, wie ein Sog.

Sabine Bösel: Er war wirklich gewaltig.

Roland Bösel: Und obwohl ich natürlich nicht im Körper meiner Frau war, habe ich gespürt: Da spielt es sich gerade so richtig ab.

Sabine Bösel: Die Männer, die so nah dran sind – und das sind heutzutage zum Glück ja viele –, verstehen schon, was da passiert, was ihre Partnerin vollbringt. Letztens hat ein junger Vater zu uns gesagt: Hut ab, was die Frau das alles aushalten muss!

Roland Bösel: Die Hebamme hat zu dem Paar gesagt: Bis eine Geburt so richtig verdaut ist, dauert es bis zu ein Jahr. Das ist eine unheimlich wichtige Information, vor allem für Männer. Denn viele wissen zwar, dass sich nicht gleich wieder etwas abspielen wird – aber dass es so lange dauern kann, ist wohl den wenigsten bewusst. Darüber zu sprechen ist eine wichtige Sache. Im Freundeskreis sowieso, aber auch die Hebammen müssen Aufklärung leisten, wie bei diesem jungen Paar.

Sabine Bösel: Auf Französisch wird eine Hebamme zu Recht "sage-femme" genannt.

STANDARD: ... weise Frau.

Sabine Bösel: Diese weisen Frauen, die die Paare begleiten, leisten wichtige Arbeit. Dafür bekommen sie in unserer Gesellschaft aber leider oft wenig Wertschätzung.

STANDARD: Nach der Geburt eines Kindes bekommen es Paare also mit mangelnder Zeit, mangelnder Lust und auch Überforderung zu tun. Da kann es leicht zum Streit kommen. Die Autorin Tina Molin schildert das in ihrem kürzlichen erschienenen Buch: Nachdem ihre Tochter auf die Welt gekommen war, hatte sie keine Lust mehr – ihr Partner aber schon.

Sabine Bösel: Wichtig ist, dass man sich vor Augen führt, dass es oft nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat, wenn der Partner oder die Partnerin gerade keinen Sex will. Viele haben die Vorstellung, dass der andere oder die andere einen nicht mehr liebt oder nicht mehr begehrt. Aber er oder sie ist schlicht und einfach mit den Gedanken woanders, hat die unaufgeräumte Küche und das Abendessen im Kopf, und das hemmt.

Roland Bösel: Die Sabine hat mich oft gebeten, nicht zu fragen, ob sie Sex will, sondern ob sie loslassen kann.

Sabine Bösel: Dem Vorurteil, dass Männer mehr Sex brauchen, möchte ich übrigens entschieden entgegentreten – Frauen brauchen genauso viel Sex. Aber was schon stimmt: Ihre Lust ist viel leichter störbar, viel labiler. Männer lassen sich einfacher verführen, wenn die Frau ihnen Avancen macht.

Roland Roland: Ich würde es so formulieren: Ein Mann tut sich leichter, sich in die Intimität zu begeben und die unaufgeräumte Küche und nichtabgearbeitete Listen gedanklich beiseitezuschieben.

Sabine Bösel: Er kann vielleicht leichter die anderen Dinge in den Hintergrund rücken und sich auf die Sexualität konzentrieren. Einer Frau fällt das üblicherweise nicht immer ganz so leicht. Je mehr To-dos sie im Kopf hat, desto länger braucht sie, um loszulassen, um zu entspannen.

STANDARD: Hat das nicht auch mit der Rollenverteilung in der Gesellschaft zu tun? Frauen sind üblicherweise immer noch die, die mehr im Haushalt tun.

Sabine Bösel: Damit hat es natürlich auch zu tun.

STANDARD: Elternschaft, Stress, mentale To-do-Listen: Was sind denn weitere Störfaktoren für die Sexualität?

Sabine Bösel: Kränkungen. Affären sind der Klassiker unter den Kränkungen, aber es gibt natürlich noch andere Gründe, aus denen Menschen sich verletzt, heruntergemacht oder im Stich gelassen fühlen können. Und dann sagen: Ich kann und will mich meinem Partner gerade nicht hingeben, ich kann mich ihm gerade nicht anvertrauen und loslassen. Sie ziehen sich zurück, weil da ein Groll in ihnen ist. Der Groll steht dazwischen.

Roland Bösel: Ein erfüllendes Sexleben hängt ja nicht nur von Hormonen ab, sondern auch von der Beziehung, von der Frage: Wie läuft es gerade zwischen uns? Wenn man auf den Partner grantig ist, wird man nicht im selben Moment mit ihm ins Bett springen wollen.

Manchmal handelt es sich aber auch um eine Verletzung, die Jahre zurückliegt. Einmal war ein Mann bei uns, der seine Beziehung zu einer Frau mit ständig angezogener Handbremse geführt hat. Das bedeutete einerseits, dass er sich nicht offiziell an sie binden wollte – ihren Wunsch zu heiraten hat er auch nach 15 Jahren zurückgewiesen. Aber auch was die Sexualität angeht, war er mit angezogener Handbremse unterwegs. Wie sich dann herausgestellt hat, war ein Ereignis aus der Zeit ihres Kennenlernens der Grund. Da ist die Frau noch mal zu ihrem Ex, um mit ihm eine Nacht zu verbringen, bevor sie ganz damit abgeschlossen hat. Das hat den Mann so sehr verletzt, dass er es immer noch mit sich herumträgt.

Sabine Bösel: Auch die eigene Kindheit spielt natürlich eine Rolle für das Liebesleben. Manchmal ist Missbrauch eine Ursache dafür, dass sich Menschen nicht hingeben können. Der Schmerz kommt dann in ihnen hoch. Eine Klientin wurde von ihrem Onkel sexuell missbraucht und kann sich natürlich jetzt nicht einfach hinlegen und entspannt sein. Wenn das Thema Missbrauch in Partnerschaften auftaucht, ist Sensibilität gefragt.

Roland Bösel: Wie die eigenen Eltern miteinander umgegangen sind, spielt ebenfalls eine Rolle. Bei uns war einmal ein Paar, das seit Jahren keinen Sex mehr hatte. Der Mann hatte auch kein Begehren mehr. Er erzählte, dass seine Mutter ihm immer gesagt hat, dass sein Vater "ein Schwein" sei. Dann hat er sie aber in der Nacht stöhnen gehört. Er dachte, dass sein Vater seine Mutter misshandelt, und das Bild nie richtig aus dem Kopf bekommen. Später konnte er es nicht ertragen, wenn eine Frau stöhnt. Das war wohl mit ein Grund für seine Unlust.

STANDARD: Fazit: Als Eltern sollte man sehr darauf achten, wie man Sexualität lebt und darüber spricht?

Roland Bösel: Wir haben uns immer sehr bemüht, möglichst diskret zu sein. Wir hatten einen alten Koffer mit Matchbox-Autos, den wir unserem Sohn gegeben haben, wenn wir Sex haben wollten.

Sabine Bösel: Das war ein ganz besonderer Koffer, mit zwei Etagen, in denen die Autos schön rangiert waren. Um den Koffer auszuräumen und die Autos zu sortieren, hat er allein schon einmal eine halbe Stunde gebraucht.

Roland Bösel: Einmal habe ich ihm den Koffer gebracht, und er hat gefragt: "Machst du jetzt mit der Mama wieder Gopp-Gopp?"

Sabine Bösel: Er hat das Spiel natürlich gleich durchschaut.

Roland Bösel: Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich glaube, es geht um Authentizität. Meiner Meinung nach dürfen Kinder sehr wohl merken, dass ihre Eltern sexuelle Wesen sind, dass da eine Anziehung zwischen ihnen ist. Die meisten Menschen bringen irritierende Bilder aus ihrer Kindheit mit – die wenigsten haben gute Erinnerungen an ihre Eltern als Paar. Ich denke, dass Kinder davon profitieren, wenn sie die Liebe und Wertschätzung zwischen Vater und Mutter mitbekommen. Wenn ich der Sabine am Küchentisch "Ich liebe dich" gesagt habe oder sie meine Hand genommen hat, dann waren die Kinder zwar genervt, aber sie haben eine Haltung mitbekommen. Einmal hat uns unsere Tochter dabei erwischt, wie wir im Wohnzimmer rumgeschmust haben, wirklich nur rumgeschmust.

Sabine Bösel: Und sie hat gesagt: "Papa, Mama, das ist peinlich!" Später aber hat sie ihren Freundinnen erzählt, dass ihre Eltern noch so jung sind, dass sie Sex im Wohnzimmer haben.

Roland Bösel: Aber natürlich muss die Authentizität eine gewisse Grenze wahren. Da ist Sensibilität gefragt.

STANDARD: Kommen wir von der Lebensmitte zu einem späteren Lebensabschnitt, über den Sie sagen: Auch im Alter kann es ein erfüllendes Sexleben geben.

Sabine Bösel: Das glauben vielleicht viele nicht, aber wir beobachten, dass Oldies oft mehr Sex haben als junge Paare.

Roland Bösel: Bei einer Podiumsdiskussion, bei der meine Frau mit am Podium saß, hat eine Mitdiskutierende gesagt, dass ab 50 die Sexualität quasi vorbei ist und Sex keinen Spaß mehr macht. Meine Frau, impulsiv, wie sie ist, hat einen hörbaren Aufschrei gemacht und ihr entschieden widersprochen. Denn natürlich kann es auch im Alter eine erfüllende Sexualität geben.

Sabine Bösel: Wichtig ist, dass man darüber redet, was man sich wünscht und wie man es sich wünscht. Und sich nicht zu gut dafür zu sein, mit Hilfsmitteln zu experimentieren. Komplett aufzugeben wäre sehr schade. Letztendlich gibt es ja auch unterschiedliche Formen von Körperlichkeit, man kann einander auch nur berühren und streicheln. Es muss nicht immer zugehen wie im Film.

Roland Bösel: Ich erinnere mich an ein Paar, das war über 80 und sagte, dass es dreimal die Woche Sex hat. Da waren wir überrascht. Als wir genauer nachgefragt haben, haben wir erfahren, dass sie andere Wege gefunden haben, ihre Sexualität zu leben. Madonna hat immer gesagt: "Ich bevorzuge junge Männer. Sie wissen zwar nicht, was sie tun – aber sie tun es die ganze Nacht." Das geht als Junger, aber das geht nicht das ganze Leben.

Sabine Bösel: Der älteste Klient, den wir hatten, war 90. Er dachte, dass er bei seiner jüngeren Partnerin eine große Leistung bringen muss. Sie jedoch wollte einfach nur berührt werden. Manchmal passt es für beide, einfach miteinander zu kuscheln, einander zu streicheln. Sexualität verändert sich oft im Laufe einer Partnerschaft, und das ist okay so.

STANDARD: Wie können Paare, für die kein Sex keine Lösung ist, ihr Liebesleben wieder in Gang bringen?

Roland Bösel: Indem sie den Druck rausnehmen und intime Momente miteinander schaffen. Eine unserer Lieblingsübungen, die beides verbindet und die wir Paaren gerne mitgeben, ist die Dreimal-dreißig-Minuten-Übung. Da darf es 30 Minuten keinen Sex geben, auch nicht, wenn der andere winselt und bettelt.

STANDARD: Eine Übung für mehr Sex ist also kein Sex?

Sabine Bösel: Um genau zu sein: An einem Tag gibt es 30 Minuten Körperkontakt in voller Montur, also komplett angezogen, an einem anderen Tag noch in Unterwäsche und an einem dritten Tag dann nackt. Die Vorgabe ist, dass es dabei auch bleibt. Das soll den Druck rausnehmen – und trotzdem entsteht diese Intimität. Für manche Paare ist die Übung Gold wert.

Roland Bösel: Intimität ist eine wichtige Voraussetzung. Und manchmal ist sie schon da und muss nur wahrgenommen werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Letztens war ich ziemlich grantig. Da hat meine Frau meine Hand genommen und sie mit ihrem Daumen gestreichelt. Es war eine ganz kleine Bewegung, die aber eine große Intimität erzeugt hat.

Sabine Bösel: Sexualität kommt nicht auf Knopfdruck, man muss danach suchen. Wichtig ist – sowohl für Frauen als auch für Männer –, sich mit der eigenen Lust auseinanderzusetzen. Ohne zu spüren, was man wirklich will, kann man keinen befriedigenden Sex haben. Und wie soll es denn der Partner herausfinden, wenn ich es selbst nicht weiß? Viele Menschen tun sich mit der eigenen Lust schwer.

Roland Bösel: Da hilft es vielleicht, sich Zeit zu nehmen, um sich mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Mit Fragen: Was habe ich selbst für Erfahrungen mit meinem Körper? Finde ich mich selbst attraktiv? Schäme ich mich für meinen Körper? Was zieht mich an? Es ist nicht nur der Partner für mein Begehren verantwortlich. In erster Linie braucht es eine gute Selbstwahrnehmung.

Sabine Bösel: Wenn man sich selbst kennengelernt hat, kann man die Lust des Partners oder der Partnerin erkunden.

Roland Bösel: Denn auch über den Körper des anderen wissen wir oft viel zu wenig. Michael Mittermeier hat mal in einem Kabarett gesagt: "Wenn die Frau lacht, glaubt der Mann, er hat den Kitzler gefunden." Das zeigt es ganz schön. Intimität ist ein gemeinsamer Schatz.

Sabine Bösel: Den man hüten sollte, weil er sehr wertvoll ist. Man hütet ihn, indem man auch ab und zu aus seiner Komfortzone herausgeht und etwas wagt, das sich zuerst vielleicht peinlich anfühlt. Denn dann wird es so richtig spannend.

Roland Bösel: Das heißt aber nicht, über die eigenen Grenzen zu gehen und zum Beispiel Sex am Stephansplatz zu haben. Es bedeutet, sich darüber auszutauschen, wer welche Fantasien hat. Um den Schatz der Intimität zu wahren, ist es auch wichtig, einander liebevoll Feedback zu geben. Wenn meine Frau mein Parfum nicht mehr riechen kann, muss sie mir das mitteilen. Dann landet es im Mistkübel, und wir gehen zusammen ein neues kaufen, das wir beide mögen. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als einander nicht mehr riechen zu können.

Sabine Bösel: Den Schatz zu pflegen bedeutet auch, einander ehrlich zu sagen: Ich brauche ein bisschen mehr Pfeffer! Oder: Ich brauche ein bisschen mehr Sicherheit! Und dort dann gemeinsam nachzuschärfen. (Lisa Breit, 4.8.2021)