Saurier im Schnee: Neuen Erkenntnissen zufolge dürften die ausgestorbenen Tiere das ganze Jahr über in der Nähe des Nordpols gelebt haben.
Foto: Vadim Ghirda / AP

In der Arktis war es schon mal kälter, vor langer Zeit aber auch schon wärmer: In der Kreidezeit (die immerhin rund 80 Jahrmillionen umfasst) lag die globale durchschnittliche Bodentemperatur mehr als acht Grad über dem heutigen Temperaturschnitt. Dennoch dürften die arktischen Winter im Vergleich zu den sonstigen Verhältnissen ungemütlich gewesen sein. Kälte und Schnee, vier Monate Dunkelheit und reduzierte Vegetation boten sicherlich für weniger Tierarten optimale Bedingungen.

Umso erstaunlicher ist die Vermutung, die ein US-amerikanisches und kanadisches Forschungsteam nun im Fachblatt "Current Biology" aufstellt. Basierend auf den Funden von frisch geschlüpften Dinosauriern in arktischen Breitengraden gehen die Forschenden davon aus, dass die Tiere damals nicht nur – wie bisher angenommen – im kurzen, warmen Sommer dort lebten und später wieder in den Süden zogen. Stattdessen sollen sie längere Zeit oder sogar das ganze Jahr über in den nördlichsten Gefilden beheimatet gewesen sein.

Tyrannosaurusfamilie in der Arktis: Während der Kreidezeit war der hohe Norden wärmer als heute, im Winter aber verhältnismäßig ungemütlich.
Bild: James Havens

Wie kommt das Forschungsteam zu diesem Schluss? Bisherige Forschungen des beteiligten Paläobiologen Gregory Erickson von der Florida State University führten zur Annahme, dass die zahlreichen Arten, die in der Arktis nachgewiesen wurden, drei bis sechs Monate lang ihre Eier ausbrüteten. Selbst, wenn die Saurier im Frühling in die Arktis gewandert wären, um dort Eier zu legen und die Brutphase zu beginnen: Bis zum Herbst wäre der junge Nachwuchs wohl nicht in der Lage, selbstständig mit dem Rest der Gruppe in den wärmeren Süden zu ziehen, vermuten die Forschenden. Offenbar konnten sie der Theorie zufolge trotzdem fit genug werden, um die kalten Monate zu überstehen.

Geduldige Mikroskoparbeit

"Unerwarteterweise fanden wir die Überreste von ganz jungen Tieren fast aller Dinosaurierarten gefunden, die in dieser geologischen Formation vorkommen", sagt Erickson. "Es war wie auf einer prähistorischen Entbindungsstation." Die Palette der Arten reicht von kleinen vogelartigen Typen über pflanzenfressende Ceratopsiden bis hin zu Tyrannosauriern. "Das ist das erste Mal, dass gezeigt wurde: Dinosaurier konnten sich in diesen Breiten fortpflanzen", ergänzt Erstautor Pat Druckenmiller, der Direktor des University of Alaska Museum of the North ist.

Die Forschungsgruppe gräbt am Ufer des Colville River und führt die ersten Sichtungen des oft kleinteiligen Materials durch.
Foto: Pat Druckenmiller

Gemeinsam mit Erickson leitet er seit mehr als zehn Jahren Ausgrabungen am Colville River in Nordalaska. Dort wurden bereits mehrere imposante Saurierknochen ausgegraben, für die aktuellen Funde galt es allerdings, genauer hinzuschauen. Die winzigen Zähne und Knochen der Babysaurier wurden von geduldigen Studierenden aus eimerweise gesammeltem Material gefiltert. "Diese winzigen Fossilien zu finden ist wie Goldwaschen, das benötigt viel Zeit und Mühe, um Tonnen von Sediment Korn für Korn unter dem Mikroskop durchzugehen", sagt Druckenmiller.

Die winzigen Skelettfragmente sprängen einem inmitten gleichfarbiger Erde nicht gerade ins Auge.
Bild: Patrick Druckenmiller

Der Vergleich mit anderen Minifossilien zeigte, dass es sich um perinatale Saurier handelte. Manche dürften frisch geschlüpft sein, andere noch im Ei oder im Muttertier gesteckt haben. Durch diese aufschlussreichen Funde stellen sich aber auch zahlreiche neue Fragen. Wie überstanden die Tiere etwa die langen, kalten Winter?

Keine Spur von Kaltblütern

Druckenmiller vermutet, dass die kleineren Arten Winterschlaf gehalten haben könnten. Größere Pflanzenfresser ernährten sich vielleicht bis zum Frühling ähnlich wie heutige Elche und fraßen junge Triebe und Kräuter.

Außerdem stellen die Forschenden die Frage, ob die Saurier nicht warmblütig waren. Immerhin wurden in der Gegend keine Spuren von Fröschen, Schlangen oder Schildkröten entdeckt, die in niedrigeren Breiten durchaus vorkamen. Kaltblüter konnten hier bei niedrigen Temperaturen womöglich nicht überleben. "Damit trifft diese Studie eine der ältesten Fragen unter Paläontologen: Waren Dinosaurier warmblütig?", sagt Druckenmiller. "Wir denken, dass Endothermie eine wichtige Rolle bei ihrem Überleben spielte." (red, 27.6.2021)

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