Das Wembley-Tor, ein deutsches Trauma von 1966: Geoff Hurst erzielte das 3:2, über das immer noch debattiert wird. Jedenfalls wurde England mit 4:2 Weltmeister.

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Englisches Trauma von 1996: Andreas Möller trifft in Wembley im halbfinalen Elferschießen. Gareth Southgate tat das nicht. Deutschland wurde also Europameister.

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Gareth Southgate (li) – guter Coach, schlechter Elferschütze. Joachim Löw – der Weltmeister 2014 auf Abschiedstournee.

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Euro-Ticker: England vs. Deutschland, Di., 18 Uhr und Schweden vs. Ukraine, 21 Uhr

Natürlich hatte Gary Lineker nicht recht. Schon damals nicht, als er die tiefe Enttäuschung mit gutem britischem Schmäh bekämpfte. 1990 war es, im Stadio delle Alpi zu Turin. Lineker brachte mit seinem Ausgleich die Seinen in die Verlängerung des WM-Halbfinales. Übers Elferschießen – auch das noch! – kam Deutschland ins Finale. Und von dort zum dritten WM-Titel.

Unter diesen Umständen mochte es so aussehen, aber Fußball ist nicht jener einfache Sport, in dem 22 Männer einem Ball nachjagen und am Ende immer die Deutschen gewinnen. Selbst aus der Bilanz gegeneinander kann man das nicht wirklich ablesen. Von den bisherigen 32 Treffen gingen 13 an Deutschland, 13 an England, sechsmal trennte man sich remis.

Gleichwohl ist an dem schönen – nach der für Deutschland so desaströsen Russland-WM 2018 von Lineker eh relativierten – Wahrspruch so einiges dran. Deutschland gewann halt nicht selten die wichtigen Partien. Und nicht selten im Elferschießen: EM-Halbfinale 1996 in England, Deutschland wurde in Wembley Europameister. Dreißig Jahre nach dem berühmten Wembley-Tor, das England den ersten und bisher einzigen WM-Titel gebracht hat.

Enge Verwandtschaft

England und Deutschland sind, nicht nur im Fußball, aber da auch, enge Verwandte. Zerstritten zuweilen, stets rivalisierend, einander hänselnd und spottend. In solchen Verhältnissen entpuppen sich dann zuweilen die jeweiligen Eigenschaften zur Kenntlichkeit. Ein bisserl eine blasierte, aber leicht verletzbare Selbstgewissheit auf der einen Seite; rumpelnde, klobige Wucht beim neureichen Cousin, der ärgerlicherweise immer genau dann, wenn es um was geht, die hohe Nase vorn hat.

Und zwar zu Recht, wie etwa Tony Gallagher sagt, der stellvertretende Chefredakteur der Times: "Aus vielen Gründen erwarten wir das Spiel mit Furcht. Deutschland hat unsere Träume vom WM-Finale 1990 zerstört, hat England 1996 gedemütigt und uns 2010 in Südafrika verprügelt." Klar: Mit Teamchef Gareth Southgate ist ein neuer Geist eingezogen ins englische Hasenherz. Die jungen Kicker wollen sich nicht mehr erinnern lassen. Aber sie werden halt. Das Ergebnis: "Ich kenne keinen hier, der vor dem Spiel sehr zuversichtlich ist." Jetzt ist sogar durchgedrungen, dass extra das so oft schon danebengegangene Elferschießen geübt wurde. Ein deutscher Sportpsychologe, Hans-Dieter Hermann mit Namen, sieht darin einen deutschen Vorteil. Man mache sich ausdrücklich aufs alte Trauma aufmerksam.

Russland 2018, England kam ins Halbfinale, ist nach dem Abschied nach der Gruppe ein deutsches Trauma. Aber gegen das flaue, unlustige Auftreten lässt sich kaum eine Extratrainingseinheit gestalten. Joachim Löw hat auf seine Abschlusstournee eine Mischung routinierter Gediegenheit – von hinten Mat Hummels bis vorne Thomas Müller – und jüngerer Wildheit mitgenommen. Gegen Ungarn kam der erst 18-jährige Jamal Musiala zum Einsatz. Und hofft nun auf den nächsten: "Ich habe ja einige Jahre in London gelebt. Dieses Spiel ist etwas Großes für mich." Immerhin hat er sich erst im März entschlossen, Fußballdeutscher zu werden: "Ich habe mich bewusst dafür entschieden."

Coachender Elferversager

105 Mal hat das Thomas Müller schon getan. "Jetzt", sagt der Bayern-Routinier, "treffen mit England und uns zwei Mannschaften aufeinander, die viele gute Einzelspieler, aber auch ein gutes Team haben." Er nimmt daher seine Hinterleute in der Pflicht: "Gegen England würde es nach fünf Gegentoren in den ersten drei Spielen darauf ankommen, mal kein Tor zu kassieren."

Gareth Southgate sieht es klarerweise umgekehrt. Er, der dem englischen Team einen neuen Spirit antrainiert hat, ist ja mitverantwortlich fürs englische Trauma. 1996 in Wembley. Im EM-Halbfinale ist er es gewesen, der gegen die Deutschen den Elfer vergeben hat. "Meine Spieler kennen die Spiele aus der Vergangenheit. Nun wollen sie dafür sorgen, dass die Leute künftig andere Erinnerungen und Gedanken haben, wenn sie an England gegen Deutschland denken." (Wolfgang Weisgram, 28.6.2021)

Mögliche Aufstellungen zum Fußball-EM-Achtelfinale:

England – Deutschland (London, Wembley-Stadion, 18.00 Uhr MESZ/live ORF 1, SR Makkelie/NED)

England: 1 Pickford – 2 Walker, 5 Stones, 6 Maguire, 3 Shaw – 8 Henderson, 4 Rice – 25 Saka, 20 Foden, 10 Sterling – 9 Kane

Ersatz: 13 Ramsdale, 23 Johnstone – 12 Trippier, 15 Mings, 24 James, 16 Coady, 22 White, 14 Phillips, 7 Grealish, 11 Rashford, 17 Sancho, 26 Bellingham, 18 Calvert-Lewin

Fraglich: 21 Chilwell, 19 Mount (nach Corona-Quarantäne)

Deutschland: 1 Neuer – 4 Ginter, 5 Hummels, 2 Rüdiger – 6 Kimmich, 18 Goretzka, 8 Kroos, 20 Gosens – 7 Havertz, 10 Gnabry, 25 Müller

Ersatz: 12 Leno, 22 Trapp – 3 Halstenberg, 15 Süle, 23 Can, 24 Koch, 26 Günter, 21 Gündogan, 13 Hofmann, 14 Musiala, 17 Neuhaus, 19 Sane, 9 Volland, 11 Werner

Es fehlt: 16 Klostermann (Muskelfaserriss)