Dass die Welt irgendwann einmal gar nichts mehr von Assange hören wird, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Foto: Reuters/Peter Nicholls

Stella Moris huscht ein Lächeln übers Gesicht. Viel zu lachen hat die Partnerin von Wikileaks-Gründer Julian Assange eigentlich nicht. Der Vater ihrer zwei und vier Jahre alten Söhne sitzt noch immer im Londoner Hochsicherheitsgefängnis HMP Belmarsh. Dort wird er am 3. Juli auch seinen 50. Geburtstag verbringen.

Was Moris aufheitert, ist die Aussicht auf eine Hochzeit. Die beiden planen, sich hinter Stacheldraht und meterhohem Beton das Jawort zu geben, wie sie der Deutschen Presse-Agentur erzählt.

Doch noch schwebt über dem Australier die Gefahr einer Auslieferung an die USA. Nach langem Hin und Her hatte ein Gericht in London das im Jänner abgelehnt – unter Hinweis auf Assanges angeschlagene Psyche und die zu erwartenden Haftbedingungen in den USA. Aber es ist unklar, ob das US-Justizministerium Rechtsmittel einlegen kann. Über den Antrag soll demnächst entschieden werden. Wird er abgelehnt, könnte Assange bald ein freier Mann sein. Ansonsten stehen ihm wohl weitere Monate quälender Ungewissheit bevor. Wenn nicht Jahre.

Vorwürfe der US-Justiz

Die US-Justiz wirft Assange vor, gemeinsam mit der Whistleblowerin Chelsea Manning geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan sowie eine riesige Zahl diplomatischer Depeschen gestohlen und auf der Internetplattform Wikileaks veröffentlicht zu haben. Damit sei das Leben amerikanischer Informanten in vielen Ländern in Gefahr gebracht worden. Für die US-Ermittler ist Assange ein Spion. Ihm droht ein Strafmaß von bis zu 175 Jahren.

Seine Unterstützer sehen in ihm hingegen einen Journalisten, der mit investigativer Arbeit schlimme Kriegsverbrechen ans Licht brachte. Ein Video dokumentierte beispielsweise die Tötung von Zivilisten durch die Besatzung eines US-Hubschraubers im Irak. Von den Soldaten musste sich bisher kein einziger vor Gericht verantworten. Assange hingegen sitzt zusammen mit Serienmördern und Terroristen im berüchtigtsten britischen Gefängnis, ohne dass es je ein Urteil gab.

An dem Australier, den mit seinem beinahe elfenhaften Äußeren lange Zeit ein Hauch von Personenkult umgab, scheiden sich die Geister. Viele, die mit ihm zusammengearbeitet haben, empfinden ihn als schwierig. Viele großen Medien, mit denen er anfangs kooperierte, werfen ihm inzwischen vor, unverantwortlich mit sensiblen Daten umgegangen zu sein.

Doch sind die Vorwürfe gegen ihn strafrechtlich relevant? Hier stellen sich viele Journalisten, etwa der ehemalige Chefredakteur des britischen "Guardian", Alan Rusbridger, und auch Menschenrechtler hinter Assange. Investigativer Journalismus finde nun einmal naturgemäß in einem rechtlichen Graubereich statt. Sie fürchten, mit einem Urteil gegen Assange könne ein Präzedenzfall geschaffen werden.

Eingestellte Ermittlungen

Im Moment beschäftigen sich Moris und Assange viel mit anderen Dingen: der Hochzeit. Ihnen geht es darum, ein Stück Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen. Assange ist seit beinahe zehn Jahren kein freier Mann mehr. 2012 flüchtete er vor der Auslieferung in Ecuadors Botschaft in London. Dort bekam er Asyl – bis sich in dem südamerikanischen Land der Wind drehte. 2019 konnte die ganze Welt dabei zusehen, wie Assange trotz heftiger Gegenwehr aus der Botschaft gezerrt wurde. Deutlich gealtert und mit dem wilden Bart und dem langen Haar auch verwahrlost.

Ermittlungen in Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen, die den Haftbefehl zunächst ausgelöst hatten, wurden später eingestellt. Der Uno-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, der sich tief in den Fall eingewühlt hat und kürzlich ein Buch darüber veröffentlichte, hält die Vergewaltigungsvorwürfe für "konstruiert". Der Schweizer Experte für internationales Recht ist einer der vehementesten Kritiker des Vorgehens gegen Assange.

Hoffnungen

Dessen Partnerin Moris setzt inzwischen darauf, dass die neue US-Regierung unter Präsident Joe Biden die Anklage fallen lassen wird. Sie hofft, dass Verbündete ihren Einfluss auf Washington geltend machen. Ob Assange, wenn er denn einmal wieder frei wäre, wieder an die Spitze von Wikileaks treten wolle? Moris ist sich nicht sicher. Sie denkt lange nach. Dann sagt sie, sie könne das nicht vorhersagen. Ginge es nach ihr, zöge die Familie aufs Land, weit weg von dem ganzen Trubel.

Doch dass die Welt irgendwann einmal gar nichts mehr von Assange hören wird, ist wohl eher unwahrscheinlich. Moris sagt: "Julian denkt einfach nur endlos über Projekte und Dinge nach, die er gerne tun würde." (APA, 29.6.2021)