Seit Monaten schwelte der Konflikt in Tigray. Äthiopische Regierungstruppen (hier auf einem Bild aus dem Mai, rechts) ziehen sich nun zurück.

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Nach einer dramatischen Umkehrung der militärischen Kräfteverhältnisse in der äthiopischen Bürgerkriegsprovinz Tigray hat die Rebellentruppe Tigray Defense Forces (TDF) am Montagabend überraschend die Provinzhauptstadt Mekelle eingenommen. Zuvor hatten tausende äthiopische Soldaten nach schweren Kämpfen in der Region um Mekelle die seit fast acht Monaten von Regierungstruppen gehaltene Stadt fluchtartig verlassen. Anschließend zogen TDF-Kämpfer zu Fuß in mehreren Kolonnen in die Millionenstadt ein und feierten die "Befreiung" Mekelles gemeinsam mit der Bevölkerung mit Feuerwerk, Fahnenschwenken und Schüssen in die Luft. "Die Stadt ist unter unserer Kontrolle", teilte TDF-Sprecher Getachew Reda über Satellitentelefon mit: "Die Regierungstruppen haben auch zahlreiche andere Städte in Tigray verlassen."

Noch am Montagabend erklärte die Regierung in Addis Abeba eine einseitige Waffenruhe in der Bürgerkriegsregion. Diese solle ermöglichen, dass "Farmer ihr Land bebauen und internationale Organisationen Nahrungsmittelhilfe verteilen können", hieß es in einer Erklärung der Regierung von Premierminister Abiy Ahmed. Die Feuerpause soll auf Bitte der von Addis Abeba vor sieben Monaten in Tigray eingesetzten Übergangsverwaltung zustande gekommen sein. Mitglieder der von der Provinzbevölkerung abgelehnten Verwaltung hatten bereits am Sonntag Mekelle verlassen.

Rebellen wollen weiterkämpfen

Die zunächst bis September geltende Waffenruhe wurde offensichtlich nicht mit den Rebellen abgesprochen: "Wir werden weiterkämpfen, bis alle Feinde unsere Provinz verlassen haben", erklärte TDF-Sprecherin Liya Kassa auf der Facebook-Seite des Tigray Media House (TMH). Inzwischen sollen sich die Regierungssoldaten auch aus zahlreichen weiteren Provinzstädten zurückgezogen haben, darunter Shire, Abiy Addi und allen zwischen Mekelle und Adigrat gelegenen Ansiedlungen.

Im Gespräch mit dem STANDARD hatte TDF-Sprecher Getachew Reda zu Beginn der vergangenen Woche von einer Offensive seiner Truppen gesprochen. Zum ersten Mal seit der Besetzung der Provinz im vergangenen November zogen sich die TDF-Kämpfer nach vereinzelten Angriffen nicht wieder in die Berge zurück, sondern begannen, selbst weite Teile der Verbindungsstraßen zwischen Städten in Tigray zu kontrollieren. Getachews Worten zufolge töteten die nur knapp 100.000 TDF-Kämpfer in den vergangenen Wochen zehntausende Regierungssoldaten und nahmen tausende gefangen. Ihnen soll es außerdem gelungen sein, große Mengen an schwerem militärischem Gerät wie Artillerie zu erbeuten. Die Mannschaftsstärke der äthiopischen und mit ihnen verbündeten eritreischen Streitkräfte in Tigray gab der ehemalige äthiopische Informationsminister mit weit über einer Million Soldaten an.

Vorwurf der Kriegsverbrechen

Unklar ist bislang noch, was mit den eritreischen Besatzungstruppen geschieht. Sie hätten sich inzwischen in grenznahe Regionen zurückgezogen, wo sie eine "verdiente Pause" genössen, gab die staatliche Nachrichtenagentur Eritrea Press bekannt. Vor allem den eritreischen Soldaten werden zahllose Kriegsverbrechen während der Besatzungszeit vorgeworfen. Während einer einwöchigen Reise durch die Provinz sprach der STANDARD mit zahlreichen Opfern, die von Plünderungen, Massenvergewaltigungen und Massakern seitens eritreischer Soldaten berichteten. Dem Konflikt sollen nach Angaben der Rebellen mindestens 50.000 Zivilisten zum Opfer gefallen sein. Die Vereinten Nationen sprechen von zwei Millionen Vertriebenen und 350.000 Menschen, die vom Hungertod bedroht seien, darunter auch 140.000 Kinder.

In einem der jüngsten offensichtlichen Kriegsverbrechen bombardierte ein äthiopischer Kampfjet am Dienstag vergangener Woche einen Markt in dem rund 25 Kilometer westlich von Mekelle gelegenen Städtchen Togoga. Dabei kamen nach Angaben von Ärzten des Hayder-Krankenhauses in Mekelle weit mehr als 50 Zivilisten ums Leben. Die äthiopische Armee bestritt, dass bei dem Angriff Marktbesucher getötet worden seien. Das Bombardement habe vielmehr TDF-Kämpfern gegolten, die von der Regierung als "Terroristen" bezeichnet werden. Anderntags schossen die Rebellen eine äthiopische Transportmaschine vom Typ Hercules ab.

Ausstehendes Wahlergebnis

Die politischen Auswirkungen der militärischen Niederlage der äthiopischen Truppen werden sich erst noch herausstellen müssen. In Äthiopien fanden am vergangenen Montag Wahlen statt, von denen jedoch ein Viertel aller potenziellen Wähler – unter anderem ganz Tigray – ausgeschlossen waren. Das offizielle Ergebnis der Abstimmung, die Abiy Ahmeds Wohlstandspartei aller Wahrscheinlichkeit nach für sich entscheiden konnte, wird erst Ende dieser Woche erwartet. Abiy hatte bereits vor sieben Monaten den erfolgreichen Abschluss der "Strafverfolgungsaktion" in Tigray erklärt und monatelang die Beteiligung eritreischer Truppen an dem Waffengang geleugnet. Monatelang war die Provinz für Journalisten nicht zugänglich.

Der Versuch des vor zwei Jahren mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Regierungschefs, aus der föderalen Bundesrepublik Äthiopien einen zentralistischen Staat zu machen, lehnen außer den Tigray auch andere Bevölkerungsgruppen ab. Mehrere Politiker der Oromo befinden sich deshalb im Gefängnis. Sowohl äthiopische wie auch internationale Menschenrechtsorganisationen fordern die Aufklärung der während der Besatzungszeit begangenen Kriegsverbrechen. Sie könnte das politische Ende des Premierministers bedeuten. (Johannes Dieterich, 29.6.2021)