Treffen, abdrehen.

Foto: EPA/Rain

Die Ära Löw ist zu Ende.

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London – Joachim Löw ist auf seiner letzten Mission vorzeitig gescheitert. Die mehr als 15 Jahre währende, lange Zeit erfolgreiche Ära des deutschen Bundestrainers ging im eher schwachen Achtelfinale gegen England zu Ende. Das deutsche Team unterlag vor 45.000 Zusehern im Wembley, in dem es seit 1975 unbesiegt war, durch Tore von Raheem Sterling und Harry Kane mit 0:2 (0:0). Es war im 198. Spiel unter Löw die 34. Niederlage.

Hoher Besuch

Nach einem gemeinsamen Kniefall gegen Diskriminierung und Rassismus und einer recht flotten Anfangsphase, scheuten beide Teams zunehmend das Risiko. Beide waren darauf bedacht, nur ja kein Gegentor zu kassieren. Prinz William, Herzogin Kate und deren Sohn George sahen ein Spiel fast ohne Höhepunkte, ehe Sterling England mit seinem dritten Turniertreffer in Richtung Viertelfinale schoss.

Löw hatte mit Thomas Müller und Leon Goretzka statt Leroy Sane und Ilkay Gündogan begonnen, Timo Werner sollte mit seiner Schnelligkeit punkten. Ein hehrer Vorsatz, denn Kollege Gareth Southgate zeigte großen Respekt, er hatte gleich sieben eher defensive Spieler aufgeboten – drei in der Abwehr, vier davor.

Wenig Chancen

Dennoch musste Goalie Jordan Pickford einmal vor Werner retten (32.), auf der Gegenseite hatte sich Sterling (16.) mit einen Schuss gemeldet, Manuel Neuer parierte glänzend. Kurz vor der Pause rettete Mats Hummels nach einem Fehlpass von Thomas Müller mit einer Grätsche gegen den einschussbereiten Kane (45.).

Die zweite Halbzeit begann mit einem Prachtschuss von Kai Havertz, diesmal reagierte Pickford perfekt (48.). Danach folgte ein Nervenspiel – nicht hochklassig, aber spannend. Risiko wollte keiner nehmen, das deutsche Aufbauspiel war ohnehin viel zu statisch. Bei den Engländern kamen mit Jack Grealish Ideen in die Partie.

Packende Schlussphase

Mitten aus dem plätschernden Spiel heraus bediente Luke Shaw von links scharf Sterling, der im Strafraum nur noch den Fuß hinhalten musste (75.). Wenig später kam Müller nach Pass von Havertz ganz alleine vor Pickford zum Schuss, setzte den Ball aber knapp am Tor vorbei (81.) – eine Chance, wie sie der Bayer selten liegen lässt. Die Entscheidung gelang den Engländern nach gleichem Muster wie das 1:0, nur war Grealish diesmal der Vorlagengeber und der viel kritisierte Kapitän Kane per Kopf der Vollstrecker (86.).

Nicht wenige der rund 2000 deutschen Fans weinten, doch wohl niemand so bitterlich wie Joshua Kimmich, den Neuer trösten musste.

Das schnelle Ende für die Deutschen hatte sich schon im letzten Gruppenspiel abgezeichnet, als mit dem 2:2 gegen die Ungarn mit Ach und Krach das Achtelfinale erreicht worden war. Löw hatte es in den vergangenen Monaten nicht mehr geschafft, Konstanz in seine Mannschaft zu bekommen. Hoffnungsvolle Leistungen wechselten sich immer wieder mit herben Rückschlägen ab.

Ende einer Ära

Dabei war es nach seinem Debüt als Chef nach dem Sommermärchen am 16. August 2006 gegen Schweden (3:0) gerade die Konstanz des Teams, die für Lob und Anerkennung sorgte. EM-Finale 2008, WM-Dritter 2010, EM-Halbfinale 2012, WM-Triumph 2014, EM-Halbfinale 2016 und Confed-Cup-Sieg 2017 – die Mannschaft spielte unter Löw fast immer um den Titel.

Ungeachtet dessen fühlte der Bundestrainer "nach jedem Turnier eine Leere". Selbst nach seinem größten Erfolg in Brasilien sei er "nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung" gewesen, sagte der Mann aus Schönau im Schwarzwald zuletzt.

Nach dem Absturz 2018 in Russland, dem Ausscheiden in der WM-Vorrunde, tat sich Löw immer schwerer. Die Schmach von Sevilla in der Nations League gegen Spanien (0:6) verstärkten die Zweifel an seiner Person. Am 9. März kündigte er seinen Rücktritt nach der EM an.

Viel erreicht

"Die Enttäuschung ist groß, der Glaube an diese Mannschaft war absolut da", sagte Löw nach dem Scheitern. "In solchen Spielen muss man die wenigen Chancen nutzen. Mir tut es leid, dass die große Begeisterung zu Hause dahin ist."

Schon längst hatte er ein positives Fazit über seine Amtszeit, in der er 138 Spieler einsetzte und 113 Neulingen zum Debüt verhalf, gezogen. "Wir haben viel erreicht." Sein Erbe Hansi Flick habe "hervorragende Voraussetzungen". (sid, lü, 29.6.2021)

Fußball-EM, Achtelfinale, Dienstag

England – Deutschland 2:0 (0:0)
London, Wembley-Stadion, SR Makkelie (NED)

Tore: 1:0 Sterling (75.), 2:0 Kane (86.)

England: Pickford – Walker, Maguire, Stones – Trippier, Phillips, Rice (88. Henderson), Shaw – Saka (69. Grealish), Kane, Sterling

Deutschland: Neuer – Ginter (87. Can), Hummels, Rüdiger – Kimmich, Goretzka, Kroos, Gosens (88. Sane) – Havertz, Werner (69. Gnabry), Müller (92. Musiala)

Gelbe Karten: Phillips, Rice, Maguire bzw. Ginter, Gosens